Freitags-Füller #457

Weil ich die Idee so schön finde, mache ich mit bei der Idee von Barbaras

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Meine Ergänzungen sind fett gedruckt.

1.  Ich glaube, heute  ist irgendwie der Wurm drin, ich bin nur müde, der Kaffeeautomat schäumt keine Milch auf und einer der Hunde hat auf das Parkett gepinkelt.

2.  Die Pommes beim goldenen M  esse ich am liebsten mit den Fingern.

3.  Das Dschungelcamp bei RTL war früher mit Patrick Bach viel besser.

4.  Sich an den kleinen Dingen freuen zu können, hilft sogar in schlechten Zeiten.

5.   Was Kaffee angeht, muss ein großer Cafe au lait sein.

6.   Dass die Katze im Moment so wenig nach draußen möchte, das muss am Wetter liegen.

7. Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf mein Bett , morgen habe ich geplant, mein Hörgerät wieder zu benutzen und Sonntag möchte ich ausgiebig mit meinen Eltern telefonieren!

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Gedankenschleier |abc-Etüden

Es ist für mich Ehrensache, der Schreibeinladung von Christiane auch diesmal wieder zu folgen. Die Ideen kommen diesmal von  Sabine , das Bild wie immer von  Ludwig Zeidler.

Sie legte sich auf das Bett und deckte sich sorgfältig mit der schweren Daunendecke zu. Diese Zeit am Abend war das Beste am Tag, alles um sie herum war endlich still. Für eine kurze Zeit konnte sie den Klauen des Alltags entfliehen. Das Tor in ihrem Kopf öffnete sich und ließ alles frei, was sich den ganzen Tag über angesammelt hatte. Endlich ließ der Druck nach, sie hatte schon gefürchtet, wahnsinnig zu werden. Manche Gefühle blieben seltsam unscharf und diffus, so sehr sich sich auch anstrengte. Andere Bilder blitzten hell auf, wie die Glasplättchen auf einer hell angestrahlten Discokugel. Die Kugel begann, sich langsam im Orbit der Gedanken zu drehen. Je müder sie wurde, desto schneller begann der funkelnde Ball zu kreisen. Die vielen Lichter wurden zu einem glitzernden Schleier, der sanft alles zudeckte und ihr die lang ersehnte Ruhe brachte.

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Ergotherapie, Teil 2

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Heute war also die letzte der zehn verordneten Einzel-Ergotherapiestunden. Wobei zu bedenken ist, dass in der ersten dieser zehn Stunden keine Therapie stattfindet, da werden die Vorgeschichte besprochen und die Therapieziele festgelegt. Von diesen neun Stunden haben wir erst mit gestalterischen Dingen begonnen, wie einen Holzengel auszusägen und anzumalen. Auf meinen Wunsch hin begannen wir dann mit Kochen und Backen. Es mag ja hilfreich sein, etwas selbst Geschaffenes aus der Therapie mit nach Hause zu nehmen, mir ist aber viel mehr damit geholfen, einen Teil meiner täglichen Hausarbeiten in der Therapie zu erledigen. Denn meine Depressionen machen mir weiterhin das Leben schwer, und ein Hauptsymptom ist Antriebslosigkeit. Darunter leidet auch etwas so Einfaches wie Kochen.

Diese eine Stunde in der Woche hilft mir im Moment so viel. Irgendwie ist die Ergotherapie mir wichtig genug, mich aufzuraffen und aus dem Haus zu gehen. Und während die Therapeutin und ich in der Küche stehen und plaudern, entsteht so nebenher etwas Leckeres zum Essen, wofür ich mir so wahrscheinlich nicht die Zeit genommen hätte. Ich brauche beim Kochen eigentlich keine Hilfe, und so holt sich die Therapeutin meist noch einen Tee und wir plaudern. Das gibt mir eine Lockerheit, die mir sonst im Moment so sehr fehlt.

Außerdem bin ich selber für das Planen und den Einkauf der Lebensmittel verantwortlich. Das gibt dem Gehirn etwas Sinnvolles zu tun und ein gutes Gefühl, wenn es geklappt hat. Heute, wie oben zu sehen, waren es Antipasti auf Blätterteig mit Hirtenkäse überbacken.

Früher hätte ich so eine Therapie als sinnlos eingestuft, denn sie bringt ja keinen „messbaren“ Erfolg, wie zum Beispiel den Wiedereinstieg in das Berufsleben. Aber wie heißt es so schön, „Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen.“ Ich bin froh, eine weitere Brücke gefunden zu haben, die mir über die momentanen Schwierigkeiten hinweg hilft.

Also bin ich sehr dankbar, dass mein Psychiater zu den Ärzten gehört, die gerne Verordnungen für Ergotherapie ausstellen, und werde mir eine Folgeverordnung für weitere zehn Stunden Einzel-Ergotherapie besorgen. Und werde mir auch weiterhin eine Stunde Kochspaß in der Woche gönnen. Diesmal volle zehn Mal, denn die Therapeutin und ich sind uns darüber einig, dass wir auf das Festlegen neuer Ziele verzichten können. Der Termin verschiebt sich allerdings von Montag auf Donnerstag Nachmittag, aber damit kann ich leben.

Siehe auch
Ergotherapie, Teil 1

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Fehlersuche

Da habe ich heute freudig mein Hörgerät angezogen und festgestellt, dass es doch nicht so gut mit dem Hören klappt wie erhofft… Natürlich muss das am Wochenende sein, wenn Arzt und Hörgeräteakustiker nicht zu erreichen sind *abgrundtiefer Seufzer*.

Nächste Woche muss ich dann mal genauer auf Fehlersuche gehen:

1.) Beim Hörgeräteakustiker prüfen lassen, ob
a) das Hörgerät richtig funktioniert,
b) Ohrschmalz das Gerät verstopft,
c) das Ohrstück richtig sitzt (auch bei Erwachsenen verändert sich das Ohr noch).

Wenn da alles in Ordnung ist, muss ich noch mal zum
2.) HNO-Arzt und feststellen lassen ob
a) die Entzündung richtig ausgeheilt ist, oder
b) sich die Schwerhörigkeit weiter verschlechtert hat. So ein Audiogramm dauert nur eine Viertelstunde und kann im Vergleich mit Audiogrammen aus der Vergangenheit eventuelle Veränderungen im Hörvermögen deutlich aufzeigen.

Soweit, so gut. Ich bin nur sehr gefrustet, weil ich davon ausgegangen bin, alles wäre heute wieder wie vorher…

Gedanken zum Tierschutz, Teil 2

Vorab: Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass es Hunde und Katzen gibt, die besser einzeln gehalten werden. Auch diese haben wir im Tierschutz kennengelernt. Es gibt aber auch viele, die problemlos ihr Zuhause mit Artgenossen oder sogar artfremden Mitbewohnern teilen.

Früher hätte ich nie gedacht, dass ich einmal mit Hunden und Katzen zusammenleben werde. Katzen? Klar! Hunde? Vielleicht. Aber beides?

Eine ehemalige Arbeitskollegin zeigte mir einmal ein Bild von ihren beiden Katzen, friedlich auf der Gartenmauer sitzend, und erwähnte im gleichen Zug ihre beiden Hunde. „Und Hunde und Katzen verstehen sich?“ fragte ich, etwas ratlos.
Sie erklärte mir dann, dass ihre beiden Hunde spanische Straßenhunde sind, und führte aus: „Gerade Straßenhunde haben oft ein tolles Sozialverhalten, auch Katzen gegenüber.“

Ich ging dennoch davon aus, dass es sich hierbei um eine Ausnahme handelt, und dachte jahrelang nicht mehr darüber nach. Bis Janet in unser Leben kam, und wir viele Menschen kennenlernten, die sich im Tierschutz engagieren. Wir stellten fest, dass bei etlichen Hunde und Katzen recht reibungslos zusammenleben. Das ermutigte uns erst dazu, es zu versuchen, Janet in unseren Katzenhaushalt zu integrieren.

Der erste Test fand jeweils noch im Tierheim statt. Janet (und später Sam) wurden an den dort untergebrachten Katzen vorbei geführt. Janet blieb dabei so ruhig, dass mein Mann fragte: „Hat sie die Katzen überhaupt gesehen?“ Die Tierheimleiterin bestätigte ihm, dass Janet die Katzen um sie herum durchaus bemerkt hatte und wir ruhig versuchen konnten, sie mit unseren Samtpfoten zusammenzubringen. Sam war zwar etwas hektischer, zeigte aber auch kein aggressives Verhalten.

Dann wurde es ernst, und wir nahmen Janet das erste Mal probeweise mit zu uns nach Hause. Uns wurde eingeschärft, wir sollten am Anfang immer dabei sein, wenn sich Hund und Katzen begegnen – das verstand sich wohl von selbst. Außerdem sollten wir bei aggressivem Verhalten – egal ob von Hund oder Katze – sofort einschreiten und für diesen Fall etwas bereithalten, was laute Geräusche von sich gibt. Und zum Schluss: Wir Menschen sollten ruhig und gelassen bleiben! Fetter Witz… wir haben uns fast in die Hose gemacht.

Nun, Janet wusste von Anfang an, was sie zu tun hat. Sie mied jeden Blickkontakt mit den Katzen und achtete darauf, ihnen sofort auszuweichen. Im Gegenzug haben Sammy und Jackie nicht einmal gefaucht. Wir haben von vorneherein darauf geachtet, dass bestimmte Privilegien der Katzen erhalten bleiben, zum Beispiel sind Wohnzimmercouch und Bett hundefreie Zone. Wir konnten sehr schnell wieder aufatmen. Es bildete sich sehr schnell ein neues Rudel.

Bei Sam lief das Ganze etwas unruhiger ab, obwohl die Katzen damals schon von Janet die Hundesprache gelernt hatten. Er wollte mit den Katzen spielen und bellte ihnen auch gelegentlich hinterher. Wir haben ihm dann deutlich zu verstehen gegeben, dass wir dieses Verhalten nicht wünschen. Und dass Fauchen keine freundliche Begrüßung seitens einer Katze ist, war ihm von vorneherein klar. Auch hier gab es keine wirklich unschönen Szenen mit Kratzen oder Beißen, nach kurzer Zeit war wieder Ruhe eingekehrt.

Tierarztbesuche der Katzen sind seither eine komplizierte Sache. Beide Hunde sind aufgeregt und versuchen, zwischen uns Menschen und die Transportboxen zu kommen, sodass wir die Samtpfoten nur schwer verladen können. Wenn wir wieder zurückkommen, reagierten die Hunde mit Wedeln und Schnuppern an den Katzen. Sie sind sichtlich froh, dass das Rudel wieder vollständig ist. Die Katzen ihrerseits zeigen sich nicht ganz so begeistert von so viel Aufregung.

Fremde Katzen, denen wir beim Spazieren gehen begegnen, oder die über die Terrasse vor dem Wohnzimmer laufen, werden hingegen gründlich verbellt. Die Hunde unterscheiden genau, ob eine Katze zum Rudel gehört, oder nicht.

Die Samtpfoten reagierten unterschiedlich. Sammy, die alte Katze, hatte gar nichts dagegen, wenn die Hunde nahe bei ihr waren. Jackie hält bis heute lieber Abstand, und wenn Sam bellt, wird sie unruhig – auch, wenn er gar nicht in ihrer Nähe ist, und zum Beispiel ein Stockwerk tiefer an der Haustüre steht. Aber die beiden geben sich auch Köpfchen, und ich bewundere Jackies Mut – Sam hat immerhin 63 cm Schulterhöhe. Von Stress konnte jedenfalls nie die Rede sein. Klar ist aber auch: Jackie ist die Chefin des Rudels. Dass sie die Kleinste ist, stört sie nicht.

Das ist ein ganz kleiner Mosaikstein, aber wir kennen viele dieser Geschichten. Der aggressive Mischlingsrüde, der seine Familie verlassen musste und ein neues Zuhause bei einem Junggesellen und einer Katze fand. Die Rottweilerdame, die acht Jahre als Wachhund gearbeitet hat, und jetzt mit zwei Katzen und einer alleinstehenden  Frau zusammenlebt. Die ehrenamtliche Mitarbeiterin vom Tierheim, die uns bei ihrem Besuch erzählte, dass sie immer Hunde und Katzen aus dem Tierschutz zusammen gehalten hat. Es lief vielleicht nicht immer von Anfang an glatt, aber nach spätestens ein paar Monaten hatten sich alle arrangiert.

Worauf ich hinaus will: Oft wird Tieren aus dem Tierschutz ein gestörtes Sozialverhalten nachgesagt. Und natürlich bringen sie alle ihr Päckchen mit. Wenn die Möglichkeit besteht, gefahrlos zu testen, wie zum Beispiel ein Hund auf Katzen reagiert, sollte das im Vorfeld ruhig getan werden. Anfangsschwierigkeiten sollten nicht überbewertet werden, oft werden die Tiere ruhig, wenn es die Menschen auch sind. Gutes Sozialverhalten wird häufig als Grund dafür genannt, ein Jungtier vom Züchter zu holen. Zum einen gibt es auch unter Züchtern schwarze Schafe, bei denen die Welpen nicht ausreichend an Umweltreize gewöhnt werden – das kostet Zeit und Mühe. Zum anderen muss auch ein Jungtier vom Züchter erzogen werden und ist kein Selbstläufer.

Siehe auch
Gedanken zum Tierschutz, Teil 1

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0 und 40: Risiken und Nebenwirkungen, Teil 2

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In 0 und 40: Risiken und Nebenwirkungen, Teil 1 habe ich eine Situation beschrieben, die meine Lage zwar unangenehmer macht, wenigstens aber schnell vorbei ist. Das trifft leider nicht auf alles zu. Manche Begleiterscheinungen meiner Schwerhörigkeit sind so richtig anhänglich.

  • Tinnitus. In meinem Fall ein dauerndes Rauschen, was bei Stress und Ruhe gerne schlimmer wird. Allerdings habe ich schon als Kind gelernt, das Rauschen in Musik umzuwandeln ;-), dann ist es nicht mehr ganz so schlimm. Aber es gibt auch Betroffene, die sehr darunter leiden. Trotzdem macht mir dieses Dauergeräusch im Hintergrund oft Probleme, wenn ich versuche, mich auf etwas (zum Beispiel die Stimme meines Gesprächspartners) besonders zu konzentrieren.
  • Psychische Probleme. Hier kommen mehrere Faktoren zusammen.
    1.) Auch ich bin dem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, bestimmte Leistungskriterien erfüllen zu müssen. Dabei werden meine Einschränkungen oft ignoriert oder kleingeredet. Vor allem trifft das natürlich auf die Arbeitswelt zu, aber das ist genug für einen eigenen Post. Kurzfassung: Hier drohen Burnout und Erschöpfungsdepression.
    2.) Wer schlecht hört, ist außerdem mehr oder weniger vom großen Teil der Welt, die sich überwiegend durch das gesprochene Wort verständigt, ausgeschlossen. Vertraulich flüstern? Sorry, ich verstehe dich nicht. Laute Konzerte oder  Diskotheken? Muss ich leider auch passen, damit mein Gehör nicht noch weiter geschädigt wird. Schwimmen gehen? Seit ich mir einmal eine saftige Pilzinfektion in meinem rechten Ohr nach so einer Aktion eingehandelt habe, bin ich da vorsichtig. Gemütlich plaudern in einem Restaurant oder einer Bar? Hoffentlich sind da nicht zu viele Hintergrundgeräusche, ansonsten ist das Zuhören eine Qual. Kino? Ist vom Film abhängig. Zu laut ist für mich genau so stressig wie zu leise. Und wenn der Film im Original zum Beispiel in Englisch gesprochen ist und auf Deutsch synchronisiert gezeigt wird, entfällt meine große Stütze, das Lippenlesen. Viele Gelegenheiten, bei denen Menschen zusammenkommen, sind für mich eine Herausforderung. Und wer die Erfahrungen anderer nicht teilt, wird zum Außenseiter. Heute habe ich natürlich mehr Gestaltungsmöglichkeiten, aber trotzdem bin ich zum Beispiel nach drei Stunden Reden in großer Runde (wie Familientreffen) einfach nur ausgelaugt und brauche Ruhe. Dabei sehne ich mich genauso danach dazu zugehören, wie jeder andere auch. Nicht bitter zu werden, wenn um mich herum jeder Spaß zu haben scheint, ist manchmal zu viel verlangt von mir. Und der Grat zwischen dem, was ich von mir verlangen kann und  „Mist, das ist jetzt zu viel!“ ist schmal.
    3.) Gerade eine „unsichtbare“ Behinderung wie Schwerhörigkeit wird gerne von den Mitmenschen immer wieder übersehen. Das ist einerseits verständlich, aber immer wieder darauf hinweisen und um Rücksichtnahme bitten müssen, ist sehr mühsam und belastet zusätzlich. Unbeteiligte verstehen oft nicht, welche Situationen relativ einfach (in meinem Fall zum Beispiel: Gespräch zu zweit in ruhiger Umgebung ohne Ablenkung und störende Geräusche) und welche schwierig sind (beispielsweise einem Vortrag zu folgen, wenn um mich herum viel gesprochen wird).

Diese Liste ist natürlich weder repräsentativ noch vollständig. Ich wollte nur deutlich machen, dass Leben mit einer Behinderung ein Hürdenlauf ist, wo andere einfach locker durchlaufen können: Es ist einfach nicht zu vergleichen.

Siehe auch:
0 und 40 Teil 1: Good Vibrations
0 und 40 Teil 2: Fordern und fördern
0 und 40: Risiken und Nebenwirkungen, Teil 1

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0 und 40: Risiken und Nebenwirkungen, Teil 1

Jeder, der mit einer Behinderung lebt, kennt diese blöden Zeiten, in denen die Behinderung noch mal so richtig zeigt, was sie kann. In meinem Fall äußert sich das oft in einer Entzündung von Gehörgang und/oder Mittelohr. Durch das Tragen eines Hörgerätes werden zum einen Bakterien in das Ohr eingebracht, zum anderen die Haut durch den Fremdkörper zusätzlich gereizt. Im Ohr bildet sich übrigens keine Hornhaut, die Haut ist und bleibt empfindlich.

Ich war heute beim HNO-Arzt, weil ich in den letzten Tagen schlechter hörte, und siehe da – wieder mal eine Entzündung. Die dadurch hervorgerufene Schwellung kann Ursache für das schlechte Hören sein. Mein Arzt greift in so einem Fall zu sehr drastischen Methoden: Zwei Tage bleibt ein mit antibiotischer Lösung getränkter Gazestreifen im Ohr. Ich musste es erst auf die harte Tour lernen, dass das der einzige Weg ist, diese Entzündungen zuverlässig auszuheilen. Früher habe ich es immer mit antibiotischen Salben versucht, bei deren Anwendung ich weiterhin mein Hörgerät tragen konnte, denn darauf verzichte ich ungern!

Meinem HNO-Arzt halte ich seit dem Jahr 2000 hartnäckig die Treue. Ich habe ihn damals per Zufall kennengelernt, er hatte die Ferienvertretung für meinen regulären HNO übernommen. Ich hatte damals eine extrem hartnäckige Ohrentzündung, die weder mit fungiziden, noch mit antibiotischen Salben abheilte (wenig später wurde das Melanom bei mir festgestellt, gut möglich, dass mein Körper einfach nicht genug Kraft hatte). Ich schätze sehr an ihm, dass er immer absolut ehrlich ist und nichts schönredet. Als ich ihn also damals im Sommer 2000 das erste Mal bei ihm war, sagte er mir direkt, dass mein Ohr dringend eine hörgerätefreie Zeit braucht und nur so ausheilen kann. Ich habe mich damals sehr dagegen gesträubt, denn ohne Hörgerät konnte ich nicht arbeiten gehen. Schließlich bin ich dann doch seiner Empfehlung gefolgt, und siehe da: Die chronische Entzündung heilte innerhalb weniger Tage aus und blieb auch weg. Wie heißt es so schön: Wer heilt, hat recht. Er hat mir später auch dabei geholfen, den lange überfälligen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. Und er hat mich nie zu einem Cochlea-Implantat auf der tauben linken Seite gedrängt. Er hat die Möglichkeit angesprochen, ich habe begründet, warum ich das bei mir ablehne, und das war es. Meine Besuche bei ihm sind zum Glück selten, meist nicht häufiger als ein- oder zweimal im Jahr, deshalb nehme ich den weiten Weg gerne in Kauf.

Ab heute ist also bis Freitag hörgerätefreie Zeit. Bis dahin werde ich vollkommen taub sein, weil der Gazestreifen im Ohr das Resthörvermögen schluckt. Ich habe also zuerst die wichtigsten Leute informiert, damit sie mich nicht etwa anrufen. Handys und Smartphones erleichtern das Leben in dieser Hinsicht natürlich sehr. Auffällig war einmal wieder die Reaktion der normal hörenden Umwelt, ich wurde ausgiebig bemitleidet. Es wird angenommen, dass ich dann gar nichts machen kann und überhaupt nicht mehr am Leben teilhaben kann.

Das ist absolut falsch. Im Laufe der Jahre hat mein Gehirn großflächig um den Sinn „Hören“ herum gebaut. Ich kann mich im Straßenverkehr recht gut orientieren, indem ich die Situation sehr genau beobachte. Natürlich kann ich kein Hupen, Martinshorn etc. wahrnehmen, aber dann müsste eigentlich auch verboten werden, mit laut aufgedrehtem Radio am Steuer zu sitzen. Auto fahren darf ich jetzt sowieso nicht, im Führerschein ist festgelegt, dass ich nur mit Hörhilfe ein Fahrzeug führen darf. Ich habe mir nach dem Arztbesuch einen Kaffee geholt, und auch das ging ohne Probleme. In ein paar Tagen wird meine Aussprache nicht wirklich leiden, und ich kann ziemlich gut Lippen lesen. Auch die eher ungewöhnliche Frage „Auf welchen Namen?“ (der Name des Kunden wird bei dieser Kette auf den Becher geschrieben) habe ich im ersten Versuch erfasst. Ich weiß, dass ich das Lippenlesen nicht stundenlang durchhalte, dafür ist diese Fähigkeit noch zu schwach ausgebildet, aber für das Nötigste reicht es. Ich würde in meinem jetzigen Zustand auch Bus fahren oder einkaufen gehen und mich dabei nicht extrem unsicher fühlen. Denn ich bin mir bewusst, dass mir auch mit Hörgerät vieles entgeht.

Natürlich freue ich mich, wenn Samstag das Hörgerät wieder benutzen kann. Dann kann ich wieder mit meinen Lieben auf einfache Art und Weise kommunizieren, fernsehen und Musik hören. Aber ich komme mit diesen Widrigkeiten ganz gut zurecht, solange es nur ein zeitlich begrenzter Zustand ist. Sollte völlige Taubheit einmal Dauerzustand sein, werden die Karten neu gemischt. Meine Welt wird jedenfalls auch dann nicht untergehen.

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Etwas Schönes an einem düsteren Tag

Heute ließ der Winterblues gehörig grüßen und machte mit den Depressionen gemeinsame Sache. Wirklich nichts, was ich noch hätte gebrauchen können.

Den heutigen Tag hatte ich eigentlich schon abgeschrieben. Bedeckter Himmel, Temperaturen bei höchstens 5 Grad über Null, Schneeregen und beißend kalter Wind beim Warten auf dem Bus. Kurz vor dem Aussteigen begann es dermaßen heftig zu hageln, dass es vorübergehend glatt war – toll, wenn man schon unsicher auf den Beinen und mit einem Rollator unterwegs ist. Dann bei meiner Podologin unbeabsichtigt ins Fettnäpfchen getreten, weil ich gefragt habe, wie sie denn so in das neue Jahr gekommen ist. Nicht so gut, seit ihr Mann vor zwei Jahren an Krebs verstorben ist, leidet sie sehr unter Einsamkeit an den Feiertagen. Noch ein paar Sachen eingekauft und bei eiskaltem Regen zur Bushaltestelle durchgeschlagen. Bei der Fahrt nach Hause den mit Lebensmitteln voll bepackten Rollator daran hindern müssen, durch den ganzen Bus zu kullern. Bei Nieselregen und heftigen Windböen ausgestiegen und nach Hause gestapft. Vor der Haustüre angehalten, um den Hausschlüssel aus dem Rucksack zu angeln, dabei unfreiwillig nach rechts unten geschaut und – entdeckt, dass der Quittenstrauch anfängt zu knospen!

Wow.

Ich hoffe, es wird nicht mehr allzu kalt und die Knospen halten durch, bis es wärmer wird.

Dieses Zeichen, dass der Frühling kommen wird, habe ich heute gebraucht. Es muss nicht morgen sein, aber er wird kommen, und ich halte bis dahin durch. Den Quittenstrauch haben wir übrigens von der Schwiegeroma, die einen wirklich grünen Daumen hatte. Danke, Cläre – du bist auch bei uns unvergessen.

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0 und 40 Teil 2: Fordern und fördern

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Meine Mutter und ich im Herbst 1971

Heute hat Fundevogel einen wunderbaren Post veröffentlicht, in dem es um die Schwierigkeiten geht, einen Integrationsplatz im Kindergarten zu erstreiten. Das hat mich an die Herausforderungen erinnert, denen sich meine Familie in den 1970er Jahren gegenüber sah.

Damals gab es noch nicht diese engmaschigen Vorsorgeuntersuchungen für Kinder. Abgesehen von den Impfungen haben wir den Kinderarzt nur im Krankheitsfall zu Gesicht bekommen. In meinem Fall wurde also zum Beispiel auch nie das Hörvermögen besonders überprüft (wie in der U3 festgelegt). Verzögerungen in der Sprachentwicklung wurden auf meine Frühgeburt zurückgeführt.

Nach einer Mittelohrentzündung im späten Kindergartenalter fiel meiner Mutter auf, dass etwas mit meinem Hören ganz und gar nicht stimmen konnte, und ich nicht mehr auf Rufen und Ansprechen reagierte wie sonst. Eine Odyssee begann.

Ich erinnere mich sehr genau an die Tests. Ärzte und Hörgeräteakustiker waren damals in keiner Weise auf Kinder eingestellt. So durfte meine Mutter oft nicht bei den Untersuchungen dabei sein, obwohl ich mehr als einmal durch Weinen und Schreien deutlich machte, dass ich nicht alleine gelassen werden wollte. Außerdem hat nie jemand versucht, mir zu erklären, was genau gemacht wurde und warum. Ich war ein intelligentes Kind, ganz sicher hätte ich altersgemäße Erklärungen verstanden. Es wurde von mir verlangt, mich immer ruhig und verständig zu verhalten, wie eine Erwachsene. Das war ich natürlich nicht, eine Menge unangenehmer Erfahrungen sammelte sich an. Ich wurde sehr ängstlich und scheu und entwickelte mich zurück. Meine Mutter musste wieder immer in meiner Nähe sein. Auch für meine Mutter war das eine sehr schwere Zeit, sie konnte nur zusehen, was mit mir gemacht wurde und wurde auch nicht informiert.

Es stellte sich also heraus, dass nicht nur das rechte Ohr durch die Mittelohrentzündung geschädigt war, sondern das auf dem linken Ohr eine bislang unerkannte Taubheit vorlag – vermutlich von Geburt an durch die Frühgeburt, so die Erklärung. Schließlich wurde mir ein Hörgerät für das rechte Ohr angepasst, und meine Eltern und ich waren von da an auf uns alleine gestellt. Eine Hörgeräteakustikerin erzählte mir, dass es zumindest in ihrer Kette mittlerweile auf Kinder spezialisierte Mitarbeiter gibt. Hoffentlich ist das kein Einzelfall.

Dann kam der Schulreifetest. Ich verweigerte mich völlig. Ich wusste genau, ich hätte diese Fragen alle beantworten können, aber ich war zu unsicher. Dauernd rutschte ich auf meinem Stuhl hin und her und wollte aus dem Zimmer zu meiner Mutter, die draußen wartete. Damals gab es noch die Möglichkeit in NRW, zwischen Kindergarten und Schule ein Vorschuljahr zu schieben. Das tat mir sehr gut. Wir waren eine kleine Gruppe von ungefähr zehn Kindern, alle mit unterschiedlichen Problemen. Geleitet wurde die Gruppe von einer Lehrerin und einer Assistentin. Vieles ähnelte dem Schulalltag, wir saßen überwiegend an Tischen und behandelten Themen wie Schreiben lernen und Zählen. In dieser Zeit gewöhnte ich mich daran, mein Hörgerät zu tragen, Sprache zu verstehen und in einer Gruppe so weit wie möglich zurechtzukommen.

Dann der Tag der Einschulung, auf einer Schule für hörbehinderte und taube Kinder. Und an diesem Tag begann sie, meine Wanderung zwischen den Welten der Hörenden und der Nichthörenden. Die meisten Mitschüler sprachen Gebärdensprache und sprachen kaum. Ich kannte Gebärdensprache überhaupt nicht und war sofort außen vor. Der Unterricht fand simultan in Laut- und Gebärdensprache statt. Der Lehrstoff der ersten Klasse wurde hier auf zwei Schuljahre verteilt, das Lehrmaterial war aber stellenweise das gleiche wie in den Regelgrundschulen.

Zu diesem Zeitpunkt konnte ich schon fließend lesen und langweilte mich sehr. Mir war ganz klar, dass es „die“ Puppe heißt, nicht „der“ oder „das“ Puppe. Die Empfehlung der Lehrer war, mich so schnell wie möglich auf eine Regelgrundschule umzuschulen. Meine Eltern machten es irgendwie möglich. Ich war sehr erleichtert, weil ich viele Kinder dieser Schule aus meiner Nachbarschaft kannte. Ich musste einiges an Stoff nacharbeiten, aber das war kein Problem. Mich in einer großen Gruppe von 25 Mitschülern zurechtzufinden, war schlimm, vor allem in den Pausen oder im Sportunterricht, wo es lauter war und alle durcheinanderredeten. Und: Die Schwerhörigkeit hatte zu einer undeutlichen Aussprache geführt. Zusätzlich zum normalen Schulstoff ging es also noch einmal wöchentlich zum Logopäden. Auch hier hoffe ich sehr, dass es mittlerweile kindgerechter zugeht. Gearbeitet wurde mit Schautafeln und Büchern. Wir mussten die Objekte benennen, auf die gezeigt wurde. Auch hier keine kindgerechten Erklärungen, warum und wozu. Zu Hause wurde weiter geübt, es gab ein Bilderbuch mit Bildern. Ich musste die Gegenstände benennen, auf die meine Mutter zeigte. Ich lernte in dieser Zeit ziemlich deutlich sprechen, nur die S-Laute sind immer noch verwaschen. Mein Mann sagt, es hört sich ein bisschen an wie Lispeln. Aber sonst höre ich mich kaum anders an als jemand, der normal hört.

Soweit, so gut, möchte man meinen. Aber ich habe auch sehr viel Glück gehabt.

1.) Meine Mutter hat wie eine Löwin dafür gekämpft, dass ich die richtige Förderung erhalte und viel Zeit auf Lernen und Sprachübungen gelegt, sodass
a) ich in der Regelschule keinen Stoff versäumte, der vielleicht doch an meinen Ohren vorbeigerauscht war, und
b) so gut sprechen konnte, dass ich nicht zum Gespött meiner Mitschüler wurde.

2.) Mein Vater arbeitete zu diesem Zeitpunkt als Gymnasiallehrer. Daraus folgt
a) es war immer genug Geld für Therapien und Hörgeräte mit der neuesten Technik vorhanden,
b) meine Mutter konnte es sich leisten, zu Hause zu bleiben und mit mir zu üben, und
c) als Lehrer konnte er mit Direktoren und Kollegen auf Augenhöhe sprechen und mir damit Türen öffnen, die sonst verschlossen geblieben wären.

Allerdings war das Motto meiner Eltern: Fördern und Fordern. Es wurde von mir verlangt, dass ich mich komplett an die Welt der Hörenden anpasse. Von meiner Intelligenz her kein Problem, aber ich habe Jahre gebraucht, um endgültig zu verstehen, dass das nicht vollständig funktionieren kann und es Bereiche gibt, in denen ich einfach nicht mithalten kann. Ohne daran schuld zu sein, ohne es ändern zu können. Punkt. Schwierig war, keine Ratschläge von anderen bekommen zu können. Wir kannten keine Familien mit einer ähnlichen Konstellation oder Beratungsstellen, und vom Internet waren wir noch ein paar Jahrzehnte entfernt. Wir alle haben uns durch diese Zeit gekämpft, wie wir es am besten wussten.

Mehr dazu hier:
0 und 40: Teil 1
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Wenn es im All knallt |abc-Etüden

Immer wenn ich die aktuellen Wortspenden für die Etüden lese, denke ich, da fällt mir nie etwas zu ein… und dann geht das Kopfkino los.

Endlich hatte er seine Schwester vom Laptop vertrieben und konnte mit seinen Hausaufgaben anfangen. So ein blödes Thema, Supernovaüberrest. Ein paar Klicks weiter stieß er auf die Theorie, dass ein durch eine Supernova hervorgerufener Gammablitz sogar vor 500.000 Jahren eine Eiszeit hervorgerufen haben könnte. Angeblich war dadurch das Ozonfeld der Erde zerstört worden und ultraviolette Strahlen konnten ungefiltert die Erde erreichen. Das hatte dann irgendwelche chemischen Reaktionen in Gang gesetzt, die die Welt in eine Art Smog gehüllt hatten und keine wärmenden Sonnenstrahlen mehr durchließen. Hm, vielleicht doch nicht so unwichtig, was da oben passiert, dachte er. Und Radiostrahlung gab es auch im All, vor allem so ein Ding mit Namen frb 121102 sendete wie verrückt, aber keiner wusste so richtig, warum. Kann man diese Radiostrahlen auch hören wie im Radio, schoss es ihm durch den Kopf. So viele Theorien und keine Beweise.  „Vielleicht gibt es ja doch kleine grüne Männchen,“ murmelte er vor sich hin.

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