Morgennebel

Diese Geschichte ist Teil der Blogreihe Schattenklänge.

Der Bus kam, und sie stieg ein. Es waren nur noch wenige Sitze frei. Um diese Zeit morgens waren die Pendler unterwegs, die zur Arbeit in die Großstadt fuhren. Sie war umgeben von Anzügen, Blazern und Röcken. Die meisten der Frauen waren sorgfältig geschminkt und frisiert, der Mann neben ihr roch durchdringend nach einem teuren Rasierwasser. Der Geruch kam ihr vertraut vor, aber der Name wollte ihr nicht einfallen. Überhaupt war noch ein Nebel im Kopf, der ihre Gedanken bedeckte. Normalerweise war sie nach ihrer neuen Zeitrechnung noch gar nicht wach. Vor zehn Uhr fand sie den Weg aus dem Bett nur, wenn es wirklich dringend war und sie auf Toilette musste. Die Medikamente, die ihr abends beim Einschlafen helfen sollten, wirkten eben länger als nötig. Darauf verzichten wollte sie auch nicht, sich schlaflos im Bett von einer Seite auf die andere zu drehen, war noch viel schlimmer. Dann gab es noch die Tabletten am Morgen, mit denen sie sich lebendiger und wacher fühlen sollte, aber die wirkten wohl noch nicht. Die hatte sie quasi im Vorbeigehen geschluckt, bevor die Wohnungstür hinter ihr ins Schloss gefallen war.

Der Bus war jetzt so voll, dass die neu eingestiegenen Fahrgäste stehen mussten. Neben ihr hielt sich eine schlanke Frau an der Stange fest. Lange braune Haare waren akkurat zu einem Pferdeschwanz gebunden, unter dem langen Sommermantel sah sie ein paar schlichte, schwarze Pumps. Wahrscheinlich in ihrem Alter, schätzte sie. Es war schon Jahre her, aber sie hatte auch einmal zu diesen Leuten gehört, die sich morgens fein machten und zur Arbeit fuhren. Sie konnte sich noch gut an dieses Gefühl erinnern, an diese Leichtigkeit, mit der sie damals jeden Tag begonnen hatte. Sie hatte gerne alles aufeinander abgestimmt, von den Schuhen bis zur Handtasche. Beschämt musterte sie ihre mit Schlamm bespritzten Schuhe. Kunstleder, echtes Leder war unerschwinglich geworden. Darüber eine billige Jeans vom Discounter, die Zeiten von knielangen Röcken waren unwiederbringlich vorbei.

Der Bus bog um eine Kurve und hielt an der Endhaltestelle. Die Türen öffneten sich, Menschenmassen ergossen sich auf den Bahnsteig. Eingeschüchtert von der Zielstrebigkeit der anderen blieb sie so lange wie möglich sitzen und stieg als letzte aus. Dann stand auch sie vor dem Bus, etwas verloren. Sie musste als einzige nach links Richtung Fußgängerzone, mitten durch die Menschenmenge, die Richtung Bahnsteig drängte. Sie ging weiter, bis sie nur noch vereinzelten Nachzüglern begegnete, und drehte sich nicht mehr um.

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3 Gedanken zu “Morgennebel

  1. Danke dir herzlich für deinen Beitrag. Irgendwie fehlt mir in der Geschichte noch etwas. Wohin ist sie unterwegs? Warum ist sie heute früher aufgestanden? Die Schilderung des ausnahmsweise früheren Aufstehens und die Busfahrt finde ich gut … Offene Enden finde ich ja an sich gut, aber hier fehlt mir trotzdem etwas. Ich habe ja den Eindruck, dass sie nicht freiwillig unterwegs ist …

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    • Danke für deinen Kommentar, es ist immer gut zu wissen, wie eine Geschichte bei anderen ankommt.
      Ich habe mich bewusst dafür entschieden, hier vieles offen zu lassen. Diese Figur soll für viele Menschen stehen, die irgendwie fehl am Platz wirken, und bei denen wir uns genau diese Fragen nach dem Woher und Wohin stellen.
      Liebe Grüße
      Viola.

      Gefällt 1 Person

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