Die zweite Chance|abc-Etüden

Die zweite Chance|abc-Etüden

2019 02+03 | 365tageasatzaday

Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Denkanstöße kommen dieses Mal von Ludwig Zeidler.

Als sie die Türe aufschloss, konnte sie schon Astros Krallen auf den glatten Fliesen hören, und kaum stand sie im Flur, war er an ihrer Seite. Wie immer wedelte er so heftig mit dem Schwanz, dass sich sein ganzer Körper mitbewegte. Sie streichelte das weiche Fell an seinem Kopf und redete leise auf ihn ein, bis er sich wieder beruhigte. Er wich ihr nicht von der Seite, als sie sich im Schlafzimmer bequeme Kleidung anzog und sich danach in der Küche eine kleine Schüssel Salat machte. Erst als sie sich im Wohnzimmer auf die Couch setzte und zu essen begann, legte er sich in sein Körbchen, aber er ließ sie nicht aus den Augen.

Astro war ihr ganz persönliches Abfallglück. Wortwörtlich, er war auf einer Müllhalde eingefangen wurden. Er hatte einen Chip, der aber bei keiner bekannten Organisation registriert war. Von Anfang an, hatten ihr die Pfleger im Tierheim erzählt, hatte er den Kontakt zu Menschen gesucht und war sehr anhänglich. Er liebte Menschen, und das obwohl die Liebe seiner vorherigen Familie ein viel zu frühes Verfallsdatum gehabt hatte.

Sie hatte im Fernsehen von Astros Geschichte erfahren, ein halbes Jahr nachdem ihr vorheriger Hund gestorben war und als ihr Herz wieder bereit war für einen neuen tierischen Wegbegleiter. Als sie ihn das erste Mal gesehen hatte, hatte sein Blick – so unschuldig und sorglos – sie direkt in ihr Innerstes getroffen. Sie gehörten einfach zusammen. Das war jetzt zwei Jahre her.

Astro kam zu ihr, legte den Kopf auf ihr Knie und sah sie an – Zeit für seine heiß geliebte Runde durch den Wald. „Wie machst du das nur, die Vergangenheit einfach beiseite zu schieben?“, fragte sie. Natürlich bekam sie darauf keine Antwort. Seufzend stand sie auf, um die Leine zu holen.

(Diese Geschichte ist inspiriert von Anja und ihrer Hündin Irmi. Irmi wurde Heiligabend 2017 vor dem Tierheim angebunden aufgefunden. Sie entpuppte sich als ein wunderbar ausgeglichenes Tier und lebt friedlich mit einem Katzenrudel zusammen. Wer sie kennen lernt, liebt sie, und sie bringt uns alle dauernd zum Lachen. Ihr einziger Makel ist ihr Alter…
Wir waren etwas naiv und dachten, so etwas erleben wir nur einmal. Heiligabend 2018 wurden wir eines besseren belehrt, als wieder ein Hund vor dem Tierheim ausgesetzt wurde).

Werbeanzeigen

9 Gedanken zu “Die zweite Chance|abc-Etüden

    1. Leider kommt so etwas immer noch vor. Unsere Katze hat uns auch mit Jungtieren überrascht, aber da haben wir dann den Kätzchen selber schöne Zuhause gesucht. Aber wegwerfen finde ich schlimm. Dann wenigstens den Hintern in der Hose haben, die Tiere persönlich im Tierheim abzugeben, finde ich!

      Gefällt mir

  1. Mir geht das berühmte Messer in der Tasche auf, wenn ich von ausgesetzten Tieren lese. Wobei es deine Beispieltiere ja noch relativ gut treffen: Ausgesetzt vor dem Tierheim sollten sie die besten Überlebenschancen haben. Wenn ich an die Geschichten von Katzen in Müllcontainern und Hunden an Autobahnparkplätzen denke …
    Ich hör schon auf.
    Liebe Grüße und danke
    Christiane

    Gefällt 2 Personen

    1. Und oft sind es wunderbare Tiere, die einfach nur alt geworden sind, oder nicht mehr in das Leben passen. Es ist ziemlich hart, das immer wieder zu hören und zu sehen.
      Naja, wir tun was wir können und nehmen gerne Tiere aus dem Tierschutz bei uns auf – auch so verstörte wie unseren Schäferhundmischling, der sicher nie einfach zu handhaben sein wird, uns aber heiß und innig liebt.

      Gefällt 2 Personen

  2. Danke für die schöne Geschichte. In der Stadt, in die meine Post geht (also nicht meine) hat ein böser Mann (ein Mensch ist das nicht unbedingt) letztens eine alte Hündin in den Fluss geworfen. Sie konnte nicht mehr gerettet werden. So schade.

    Gefällt 1 Person

      1. Es ist so schade. In dem Fall war das am hellichten Tag und es gab Zeugen, die sofort den Versuch gemacht haben das Tier zu retten und die Polizei gerufen haben, so dass der Täter gefasst werden konnte und sich nun wegen Tierquälerei verantworten muss. Wenigstens etwas, oft kriegt man die ja nicht.

        Gefällt 1 Person

      2. Ja, das ist leider häufig so. Ich fände manchmal eine Registrierungspflicht für Hunde und Katzen angebracht, ist ja auch für jedes Auto vorgeschrieben. Manche Menschen haben die Zuneigung ihrer vierbeinigen Gefährten wirklich nicht verdient.
        Das ist nicht unbedingt eine Geldfrage, viele Obdachlose kümmern sich sehr gut um ihre Tiere.

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s