Wegwerfgesellschaft, Teil 2

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Es war wieder einmal so weit: Das zuständige Abfallunternehmen teilte uns die Abschlagszahlungen für das aktuelle Kalenderjahr mit. In unserer Gemeinde gibt es eine Besonderheit: Der Restmüll wird nicht nach Volumen, sondern nach Kilogramm abgerechnet. Jede Mülltonne ist mit einem Barcode versehen, der Müllwagen ist mit einer Waage ausgestattet. Jeder Haushalt (das kann auch eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus sein) erhält einmal jährlich eine Abrechnung und wird so über die entsorgte Menge Restmüll informiert. Nicht zum Restmüll zählt der Biomüll, hier ist den Haushalten freigestellt, ob sie selber kompostieren oder den Biomüll in einer gesonderten Mülltonne zu einem geringeren Kilopreis als den Restmüll entsorgen. Papiermüll, gelbe Säcke und Glas werden sowieso getrennt entsorgt.

In unserem Fall wurden also 2017 für zwei Personen 84,50 kg Restmüll entsorgt. Und ich muss zugeben, dass diese Art der Abrechnung schon dazu beigetragen hat, dass wir sehr sorgfältig Müll trennen. Altkleider und Elektrokleingeräte bringen wir natürlich zu den entsprechenden Containern, wo sie kostenlos entsorgt werden können – Bequemlichkeit ist nicht nur vielleicht illegal, sie kostet in jedem Fall Geld. Diese Mentalität „Ist ja noch Platz in der Mülltonne“ entfällt. Außerdem vermeiden wir natürlich, dass Restmüll entsteht – ein Beispiel ist, dass wir mittlerweile nur noch ganz selten Essensreste wegwerfen. Dass jeder Haushalt die genaue Restmüllmenge des vergangenen Jahres mitgeteilt bekommt, kann zusätzlich Bewusstsein schaffen. Alles, was das Bewusstsein in Richtung Müllvermeidung richtet, ist positiv.

Der größte Nachteil dieses Systems ist, dass es nicht flächendeckend angewendet wird. Es findet ein Mülltourismus statt, unter dem die umliegenden Gemeinden zu leiden haben, oder die Allgemeinheit, wenn der Müll einfach im Wald entsorgt wird. Zum anderen wird der Fokus nur auf das Vermeiden von Restmüll gelegt. Hinzu kommt, dass dieses aufwändige Abrechnungssystem seinen Preis hat, der natürlich letztlich vom Endverbraucher bezahlt wird. Auch dieses System hat natürlich Ungerechtigkeiten: Haushalte, in denen regelmäßig schwere weil mit Flüssigkeit vollgesogene Babywindeln oder Inkontinenzprodukte entsorgt werden, zahlen unverhältnismäßig viel. Weshalb immer wieder eine Abschaffung, bzw. Anpassung des Systems gefordert wird, aktuell läuft gerade wieder einmal eine Online-Petition.

Fest steht, wegen der niedrigen Abfallgebühren wird niemand hier hin ziehen. Sollte dieses System weiter verbreitet werden, müssen steigende Abfallgebühren in Kauf genommen werden. Und so oder so fehlt eine Ausrichtung, die auf die Vermeidung aller Müllarten abzielt. Letztlich ist die Initiative jedes einzelnen, wie hier so schön von  Koriandermadame beschrieben, unverzichtbar.

Siehe auch:
Wegwerfgesellschaft, Teil 1

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Nachbarschaftsstreit in grün|abc-etüden

Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden. Diesmal kommt die Idee von Wesentlich Werden, die Bilder hat wie immer Ludwig Zeidler gestaltet.

Sie stand fassungslos vor ihrem Kräuterbeet. Gestern war noch alles in Ordnung gewesen und sie hatte eine Stunde im sengenden Sonnenschein Unkraut gejätet. Jetzt lagen alle Pflanzen platt auf dem Boden, auch die Pimpinellen, auf die sie besonders stolz war. Was sollte aus ihrer grünen Soße werden, die sie zum Nachbarschaftsgrillen hatte mitbringen wollen?

Wäre sie nicht so sehr mit dem traurigen Anblick der verwelkten Pflanzen beschäftigt gewesen, hätte sie das glucksende Lachen auf der anderen Seite des Gartenzauns gehört. Dort konnte Herr M. vor Schadenfreude kaum noch an sich halten. Seine stürmische Attacke auf den Nachbargarten hatte sich gelohnt. Niemand, schon gar nicht die neuen Nachbarn, würde seiner grünen Soße Konkurrenz machen. Die waren doch wirklich so unverschämt gewesen, sich einfach vor ihm in die Liste einzutragen, und dann wollten sie ausgerechnet noch das gleiche mitbringen wie er. Pfeifend wandte er sich ab und ging ins Haus zurück, er hatte schließlich noch grüne Soße vorzubereiten.

Schöne neue Welt?

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Quelle pixabay.com

Wir haben keine Kinder, aber meine Schwägerin erwartet im August/September ihr erstes Kind. Irgendwie bin ich in der letzten Zeit vermehrt auf Blogs gelandet, die sich mit dem Thema Inklusion von behinderten Kindern beschäftigen. Der Tenor ist, dass Inklusion schwierig durchzusetzen ist, Gesetze hin oder her. Der Anpassungsdruck ist enorm.

Heiß diskutiert wird ja bereits der Bereich Pränataldiagnostik. Ja oder nein, in welchem Umfang… Ich erinnere mich an meine Freundin, die vor zehn Jahren ziemlich spät schwanger wurde. Damals schon wurde von Kolleginnen (die durch die Bank selber Mutter waren, wohlgemerkt) vorausgesetzt, dass sie die Schwangerschaft abbricht, wenn Behinderungen bei dem Kind festgestellt werden. Für meine Freundin hingegen kam ein Schwangerschaftsabbruch nur für den Fall in Frage, dass das Kind nicht lebensfähig ist.

Den Standpunkt, dass auch ein Leben mit Behinderung lebenswert sein kann, vertreten die wenigsten. Viele der Befürworter haben Kontakt zu behinderten Menschen, und haben somit aus erster Hand erfahren, dass Lebensfreude keinen Unterschied zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen macht. Eine der Kolleginnen, die so selbstverständlich für eine Abtreibung eines behinderten Kindes plädiert hatte, hatte ein Jahr später einen Schlaganfall. Seitdem kann sie nicht mehr arbeiten und ist im Alltag stark eingeschränkt. Ich kann sie leider nicht fragen, ob sie selber jetzt ihr Leben als weniger lebenswert betrachtet. Tatsache ist, die meisten Behinderungen bilden sich nach der Geburt aus – das Leben ist nun einmal lebensgefährlich.

Ich bemerke zusehends die Tendenz in unserer Gesellschaft, dass behinderte Menschen zusehends und von klein auf an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Angebote zur Inklusion in Schule und Arbeitsleben werden immer weniger.

Als selber Behinderte macht mich das natürlich sehr betroffen. Mein Leben war nie leicht, aber ganz sicher nicht lebenswert oder gar sinnlos. Natürlich war und bin ich auf Rücksichtnahme meiner nicht behinderten Umwelt angewiesen. Aber diese Unterstützung sollte alleine schon aus dem Grund selbstverständlich sein, weil jeder von uns ganz schnell zum Lager der Behinderten gehören kann.

Ein behindertes Kind läuft heute nicht mehr nebenbei mit, es ist Grund für unzählige Kämpfe und Rechtfertigungen. Ich weiß nicht, ob ich als Mutter dem gewachsen wäre, ich wünsche es keinem. Ich bezweifele, dass unsere Gesellschaft diesen Weg der Ausgrenzung verlassen wird. Aber ich hoffe es, ganz gegen jede Vernunft.

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0 und 40: Lass‘ uns reden

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Wieder einmal inspiriert von Lydia, die auf ihrem Blog Tipps für den Umgang mit Blinden gibt, möchte ich hier auf meine Probleme bei der Verständigung mit der normal hörenden Welt eingehen.

Vorab: Ich verstehe vollkommen, dass die Situation für Menschen ohne Hörbehinderung extrem schwierig ist. Dazu trägt natürlich vor allem bei, dass dieses Hindernis bei der Kontaktaufnahme auf den ersten Blick oft nicht erkannbar ist.

Wenn ich einem Fremden unter sozusagen „kontrollierten“ Bedingungen begegne, weise ich direkt nach der Vorstellung auf mein eingeschränktes Hören hin – dass das oft schnell wieder in Vergessenheit gerät und häufig wieder in Erinnerung gerufen werden muss, steht auf einem anderen Blatt.

Tatsache Nummer 1: Wenn ich mich in einem unruhigen Umfeld befinde, mit Hintergrundgeräuschen und Gesprächen um mich herum (Beispiel Busfahren: permanentes Motorengeräusch und eine Gruppe Schüler), ist mir oft nicht klar, dass ich gemeint bin. In dem ganzen Wust von Geräuschen ist es schwer für mich, Sprache herauszufiltern. Es kann dann vorkommen, dass ich auch nicht auf meinen Namen reagiere – es erreicht mich einfach nicht.
Beste Lösung: Blickkontakt zu mir suchen sich so hinstellen, dass ich gut Lippen lesen kann. Dann weiß ich, worauf ich fokussieren muss.
Zweitbeste Lösung: Leicht berühren. Dann verstehe ich auch, dass ich gemeint bin. Zweitbeste Lösung deshalb, weil ich leicht erschrecke. Mir ist schon klar, dass ich vieles nicht mitbekomme, Berührungen verdeutlichen mir, dass etwas (vielleicht auch Gefahr) sehr nahe ist.

Tatsache Nummer 2: Wenn ich in einem Gespräch häufiger sage „das habe ich nicht verstanden“, hat das oft weniger mit der Lautstärke, als mit Deutlichkeit zu tun.
Beste Lösung: Um deutliche Aussprache bemühen. Manchmal sind auch einfach Kleinigkeiten im Weg, die mir das Verstehen erschweren (zum Beispiel ein Vollbart, der mir den Blick auf den Mund des Gegenübers versperrt).
NICHT.SCHREIEN! Wie wohl jeder andere Mensch auch empfinde ich eine laute Ansprache als ziemlich unhöflich. Und wenn es an der Deutlichkeit hapert, hilft ein Mehr an Lautstärke auch nicht weiter.
Zweitbeste Lösung: Wenn es nicht klappt, müssen wir eben sehen, wie es besser geht (kurz in einen ruhigeren Raum wechseln, Stichworte aufschreiben…).

Tatsache Nummer 3: Meine geistigen Fähigkeiten sind von meiner Hörminderung nicht betroffen. Der Gebrauch von „einfacher“ oder „Babysprache“ kränkt mich und ist schlicht unangemessen.
Beste Lösung: Einfach normal reden.

Tatsache Nummer 4: verbale Kommunikation ist für mich sehr anstrengend. Es stimmt zwar, dass ich daran gewöhnt bin und viel ausgleichen kann, aber irgendwann ist einfach das Ende der Fahnenstange erreicht.
Beste Lösung: Akzeptieren, wenn ich nicht bis vier Uhr morgens auf einer Party durchhalte. Akzeptieren, wenn ich lieber Messengerdienste nutze oder eine Mail schreibe, weil es einfacher ist. Akzeptieren, dass es Zeiten gibt, in denen ich nicht zuhören und reden möchte, weil ich Ruhe zum Aufladen brauche.

Tatsache Nummer 5: Über Missverständnisse darf gelacht werden! Ich nehme das nicht krumm und bin die erste, die mitlacht!
Beste Lösung: Lachen – soll gesund sein 🙂

Und wenn ich meinem Gegenüber wortwörtlich an den Lippen hänge, liegt es daran, dass ich mein Hören mit Lippenlesen ergänze. Aber es kann ja auch mal nett sein, die ungeteilte Aufmerksamkeit des Gesprächspartners zu genießen… Es gab schon Lehrer, die sich von mir veralbert fühlten, nun ja, ich bin eben dankbar für alles, was ich verstehe.

Die Teilnahme an der Welt der normal Hörenden ist für diejenigen mit eingeschränktem oder nicht vorhandenem Hörsinn eine anstrengende Sache. Ein geeignetes Umfeld ohne Hintergrundgeräusche, dafür mit viel Licht zum Lippenlesen ist vielleicht nicht romantisch, hilft aber bei der Verständigung. Ein bisschen Rücksichtnahme ist nicht zu viel verlangt, hilft Betroffenen aber so viel weiter.

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Freitags-Füller #461

Weil ich die Idee so schön finde, mache ich mit bei Barbaras

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Meine Ergänzungen sind fett gedruckt.

1. Die Kombination süß und fettig wie in Schokolade ist einfach zu verführerisch für mich.

2.  Die meisten Streitereien sind überflüssig.

3.  Pizza mit richtig viel Käse drauf ist genial.

4.  Ich finde mein Zuhause ohne Fellnasen ungemütlich.

5.  Ich sag besser nicht, wieviel Kaffee ich heute schon getrunken habe.

6.   Dieses Mal sind die Olympische Winterspiele für mich zum ersten Mal so richtig uninteressant.

7. Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf Katzenkuscheln , morgen habe ich geplant, trotz Schwindel in die Stadt zu fahren, und Sonntag möchte ich mich einfach mal ausruhen!

[#WritingFriday] Week 7

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Elizzy lädt ein zum Writing Friday.

Die Regeln im Überblick;

  • Jeden Freitag wird veröffentlicht
  • Wählt aus einem der vorgegeben Schreibthemen
  • Schreibt eine Geschichte / ein Gedicht / ein paar Zeilen – egal Hauptsache ihr übt euer kreatives Schreiben
  • Vergesst nicht den Hashtag #WritingFriday und den Header zu verwenden
  • Schaut unbedingt bei euren Schreibkameraden vorbei und lest euch die Geschichten durch!
  • Habt Spass und versucht voneinander zu lernen

Schreibthemen Februar

  • Sammle spontan 25 Wörter, die Dinge aus deiner Kindheit beschreiben.
  • George und Amal Clooney reichen die Scheidung ein. Du schreibst für die „Gala“ einen Artikel.
  • Erkläre einem Ausserirdischen, was Liebe ist.
  • Ein vernachlässigtes Cello erzählt.
  • Du erklärst einem Kind aus den Tropen, was Schnee ist.

Und wieder gilt, egal ob frei erfunden oder die pure Wahrheit, schreibt einfach drauf los!

Mich hat vor allem das erste Thema angesprochen, und so sind hier ein paar Assoziationen zu meiner Kindheit:

  1. Weich, wie das Gefieder meiner Wellensittiche und das Fell von Hamstern und Pferden.
  2. Spannend, wie die ersten Bücher, die ich alleine lesen konnte.
  3. Seidig, wie die Kleider, die meine Mutter für mich genäht hat.
  4. Glatt, wie die Seiten der Legosteine, mit denen ich stundenlang immer wieder neue Gebilde erschaffen habe.
  5. Kratzig, wie die Wollmützen, Schals und Handschuhe, die ich im Winter tragen musste.
  6. Rau, wie der Teppich in meinem Zimmer, auf dem ich so oft gespielt habe.
  7. Kuschelig, wie meine Bettdecke, auf die ich mich jeden Abend gefreut habe, und meine heißgeliebte Kuscheltiere (das letzte habe ich noch mit sechzehn mit ins Bett genommen).
  8. Kühl, wie mein Kinderbesteck, dass ich sehr lange benutzt habe.
  9. Warm, wie die in ein Handtuch eingewickelte Wärmflasche im Winter.
  10. Rot, wie mein erster Füllfederhalter und mein erster Schulranzen.
  11. Gelb, wie mein erstes Fahrrad und meine Schultüte.
  12. Hellbraun, wie meine erste Flöte aus Birnbaumholz.

Mehr will mir nicht einfallen. Anders als ilseluise bin ich in den 70er Jahren groß geworden, aber auch ich bekomme keine 25 Dinge zusammen. Jedenfalls war es eine bunte und ereignisreiche Zeit. Danke für die Gelegenheit, nochmal ausführlich in Erinnerungen zu wühlen!

Wenn das Glas halbleer ist

Tage wie heute wollen einfach nur durchgestanden sein.

Die Einnahme des Milnacipran war heute sehr unspektakulär. Anstatt darüber froh zu sein, war ich einfach genervt, dass die positive Wirkung auch noch auf sich warten lässt – auch wenn mir klar ist, dass das einfach noch etwas braucht. Ich weiß, man kann es mir im Moment einfach nicht recht machen 😉.

Es hat wieder geschneit, beim Schnee räumen bin ich ausgerutscht und hingefallen. Nichts Schlimmes passiert, aber das war dann der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und mich die nächsten Stunden heulend im Bett verbringen ließ.

Bis mein Mann von der Arbeit nach Hause kam, taten die tierischen Mitbewohner ihr Möglichstes. Jackie (oben) behandelt mich dann immer wie ein Kätzchen, leckt mich und schnurrt. Sam lag am Fußende und hielt Wache. So ging auch diese Zeit vorbei.

Mein Mann kam nach Hause und durfte gleich noch mal Tränen trocknen, die saßen heute einfach locker. Mein Verstand kann meine Seele einfach nicht davon überzeugen, dass eigentlich alles in Ordnung ist.

Ok, ich mache mal einen dicken Haken hinter diesen Tag und hoffe auf morgen. Es ärgert mich nur, dass ich heute so alles habe schleifen lassen.

Hausgemachter Horrortrip

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Im gestrigen Post habe ich bereits erwähnt, dass Psychopharmaka keine Hustenbonbons sind. Die erste Einnahme von Milnacipran heute morgen hat mich nachdrücklich daran erinnert. Das war echt ein Drama in drei Akten, handelnde Personen vernünftige Viola (vV) und durchgeknallte Viola (dV).

1. Akt

vV und dV: Dann versuchen wir es mal damit! [Schlucken Milnaciprankapsel]

[vV und dV frühstücken, trinken Tee und plaudern mit dem Postboten, alles gut].

dV zu vV: Du, ich fühle mich irgendwie komisch…

vV: Komm, wir suchen uns ein ruhiges Plätzchen.

[dV und vV legen sich ins Bett, surfen im Netz und schauen, was so passiert ist in der Welt… Henrik von Dänemark ist gestorben, der Dax erholt sich, sonniges Winterwetter… ]

dV [springt auf]: Hilfe! Ich sterbe! Mein Herz rast, mir ist todschlecht, es dreht sich alles und mein Kopf platzt! vV, ruf den Notarzt, das ist ein verf*cktes Serotoninsyndrom!!!

vV [mit offen stehendem Mund]: Scheiße!

2. Akt

[dV rennt kopflos durch die Gegend und redet Blödsinn, „Warum habe ich mich dazu überreden lassen, das Zeug zu probieren; immer der gleiche Mist damit; was soll ich machen; alleine zu Hause… „]

vV [recherchiert im Internet mögliche Nebenwirkungen und Wirkungsdauer von Milnacipran, kontaktiert Verbündete und fühlt sich dann schon wieder etwas sicherer. Klopft dV auf die Schulter]: Komm‘ mal runter, da müssen wir jetzt durch! Kennen wir doch von anderen Antidepressiva, das geht vorbei! Aber wir müssen jetzt echt mal auf die Toilette, da will was raus!

Eine halbe Stunde später.

[dV zu vV]: Beschissene Situation, wie?

vV: Wortwörtlich. Aber ich glaube, das war es jetzt erstmal.

3. Akt

[dV und vV hängen auf dem Bett ab und knabbern an einem Toastbrot].

vV: Siehst du, ist schon wieder alles viel besser.

dV: Ja. Hoffentlich passiert das morgen nicht wieder.

vV: Ja, hoffentlich…

Spaß beiseite: Ich habe die Fähigkeit entwickelt, oft wenigstens ein bisschen handlungsfähig zu bleiben. Wenn das nicht klappt, sitze ich auch schon mal wie ein kleines Häufchen Elend in der psychiatrischen Institutsambulanz. Das es erst einmal schlimmer wird, bevor die positive Wirkung einsetzt, ist ein durchaus bekanntes Phänomen bei Antidepressiva und muss ernst genommen werden.

Ich bin damit vertraut und weiß, was ich im Fall einer Krise tun kann – es hat mir heute ungeheuer geholfen, dass es einfach Menschen gibt, bei denen ich mich in solchen Situationen melden kann. Ich weiß auch von anderen Betroffenen, wie wohltuend das ist, wenn einfach jemand zuhört und sagt: „Oje, dumme Sache!“

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Milnacipranhydrochlorid und andere Zungenbrecher

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Das ist das neue Antidepressivum, was mir morgens beim Start in den Tag helfen soll. Ich habe mittlerweile schon sehr viele Psychopharmaka ausprobiert, und es ist leider in der Tat so, dass die Patienten sehr viel Geduld mitbringen und oft mehrere Präparate ausprobieren müssen, bis es passt. Die geschilderten Erfahrungen sind in keiner Weise allgemein gültig, gerade Psychopharmaka wirken oft bei jedem anders.

Meine erste Begegnung mit Psychopharmaka hatte ich bei meinem damaligen Hausarzt, der mir eine Packung Zoloft (Wirkstoff Sertralin) über den Tisch reichte. Ich lehnte ab. Ich würde auch jedem anderen raten, diese Medikamente nur nach Absprache mit einem Arzt zu nehmen, der sich damit auch wirklich auskennt. Das sind keine Hustenbonbons, sie verändern wirklich etwas im Kopf. Außerdem müssen während der Einnahme regelmäßig die Leberwerte kontrolliert und EKGs durchgeführt werden. Es ist also wirklich ratsam, mögliche Gefahren und Nutzen genau abzuwägen.

Der nächste Versuch war Opipramol. Ich fühlte mich damit nicht wohl, als ob ich in einer Blase abgeschnitten von der Umwelt leben würde. Die Angstzustände blieben außerdem unverändert, ich brach die Behandlung ab.

Bei meinem ersten stationären Aufenthalt Anfang 2009 begann ich dann mit Sertralin. Die ersten Tage waren schlimm, ich war dauernd rappelig und konnte kaum still sitzen. Dann wurde es stetig besser, die Angstzustände verschwanden fast völlig, und ich fühlte mich dem Leben wieder gewachsen.

Im Winter 2012 war es dann plötzlich, als ob das Sertralin überhaupt nicht mehr wirkt. Zeitgleich nahmen die Schmerzen in meinem Rücken zu. Bei meinem nächsten stationären Psychiatrieaufenthalt wurde ich dann – mit einem kurzen Umweg über Duloxetin –  auf Venlafaxin eingestellt, womit auch vorübergehend alles wieder besser wurde.

Nach ungefähr eineinhalb Jahren waren meine Leberwerte so schlecht, dass mein Hausarzt mich an die Onkologie verwies. Leberprobleme sind eine häufige Nebenwirkung von Psychopharmaka. Nach einer Leberbiopsie war klar, dass das Venlafaxin abgesetzt werden muss. Ich habe seitdem nichts mehr gefunden, das dauerhaft so stimmungsaufhellend wirkt (Tianeptin, Escitralopram, Bupoprion…). Oft hatte ich das Problem, das die Wirkung nach einer kurzen Zeit wieder nachließ, trotz Dosiserhöhung.

Daran zeigt sich, dass Psychopharmaka kein Allheilmittel sind. Sie zu verteufeln ist falsch, ich bin sehr dankbar für die schönen Jahre, die sie mir ermöglicht haben, und ich kenne viele, denen es ebenso geht. Genauso falsch ist es aber, sie als Wundermittel anzupreisen.

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Gerade noch mal gut gegangen|abc-etüden

Christiane lädt wieder ein zu den abc-etüden, die Wortspende ist diesmal von  Redskiesoverparadise.

Sie war einem Ohnmachtsanfall nahe, und er hörte einfach nicht auf, an dem Preisschild zu piddeln, das immer noch auf der Verpackung klebte. Na toll, auch noch ein Sonderangebot, nicht einmal 10 € war es ihm wert gewesen, sie zu beleidigen, vor allen Leuten, und an ihrer Geburtstagsfeier noch dazu. Wutschnaubend riss sie ihm das Buch aus den Händen, warf es auf den Boden, trampelte darauf herum, rannte ins Haus zurück und ließ die ganze Gesellschaft ratlos im Garten stehen.
„Warte doch!“ rief er, hob das Buch wieder auf, lief ihr bis in die Küche hinterher und nahm ihre Hand.
Tränenverschmiert sah sie zu ihm auf.
Er ging vor ihr auf die Knie und hielt ihr das Buch feierlich hin: „Ich habe dich doch nur angekohlt, willst du meine Frau werden?“
„Ja“, schluchzte sie, und sah erst jetzt, dass er im Titel „Ringe tauschen ist auch keine Lösung“ das k durchgestrichen hatte und daraus „Ringe tauschen ist auch eine Lösung“ gemacht hatte.

 

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