Die Geheimzutat |abc-Etüden

Die Geheimzutat |abc-Etüden

Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Ideen kommen dieses Mal von Gerda Kazakou.

Heute bin ich überzeugte Vegetarierin. Als kleines Mädchen habe ich auch nicht gerne Fleisch gegessen, aber lange Jahre habe ich eine Ausnahme für die Hühnersuppe meiner Großmutter gemacht.

Es war nicht nur das Endergebnis, das mich faszinierte, es war das ganze Drumherum.

Meine Oma, im ersten Weltkrieg geboren, hielt lange nichts von Fertiggerichten. Sie griff erst darauf zurück, als sie sehr alt war und das Selberkochen zu mühsam für ihre erschöpften Hände wurde. Aber so lange sie es konnte, benutzte sie ausschließlich frische Zutaten.

Aufmerksam verfolgte also die kleine Viola, wie ein ganzes Suppenhuhn und Gemüse skrupolös verarbeitet wurden und in den großen Topf wanderten, so dass möglichst wenig Reste übrig blieben. Am Ende kam immer ein bisschen von den frischen Kräutern dazu, die meine Oma auf dem Balkon stehen hatte. Natürlich durfte ich nicht beim Schneiden helfen, aber ich war vollkommen zufrieden, alles aus nächster Nähe verfolgen zu können und nahm alles in mich auf: Das Gelb der Möhren genauso wie den Geruch von Petersilie.

Dann kam der für mich schwerste Teil: Das lange Warten, bis alles fertig gekocht hatte. Ich muss ungefähr alle fünf Minuten gefragt haben, ob ich jetzt endlich essen kann. Es dauerte immer seine Zeit. Aber das Warten hat sich immer gelohnt.

Nie wieder habe ich etwas mit so viel Genuss gegessen wie die Hühnersuppe meiner Oma damals. Erst später wurde mir klar, dass das auch einer besonderen Zutat lag, die es nicht zu kaufen gibt: Liebe.

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Wer auf High Heels steigt|abc-Etüden

Wer auf High Heels steigt|abc-Etüden

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Christiane lädt wieder ein zu den abc-Erüden, die Ideen kommen dieses Mal von Anna-Lena.

Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich in das Krankenhausbett zurückfallen. Der Gips bedeckte fast sein ganzes linkes Bein, und Schmerzen hatte er auch. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass es noch eine Stunde bis zur nächsten Schmerzmittelausgabe dauerte.

Nie im Leben hätte er gedacht, dass eine Kreuzfahrt so gemeingefährlich sein könnte. Er hatte sein Leben  lang davon geträumt, auf einem großen Passagierschiff über den Atlantik zu fahren.

Und es hatte alles so gut angefangen, bereits am zweiten Abend hatte er die umwerfend hübsche Fee kennen gelernt, und seine Zuneigung wurde erwidert. Beim Tanzen sprühten die Funken zwischen ihnen, und er hatte sich Hoffnung auf mehr gemacht.

Der letzte Cocktail war vielleicht doch zu viel gewesen. Er konnte sich nicht daran erinnern, wer die Idee gehabt hatte, dass er in Fees High Heels über das Deck stelzen sollte. Jedenfalls war er gestürzt und die Treppe zum Pool heruntergefallen, das Resultat war ein komplizierter Bruch. Sein Urlaub endete im nächsten Hafen. Immerhin waren die Kosten für den Rücktransport durch seine Auslandskrankenversicherung gedeckt.

Sein Handy vibrierte, und er nahm es in die Hand. Fee erkundigte sich, wie es ihm ging. Sie hatte die Kreuzfahrt natürlich fortgesetzt, aber sie lebten im normalen Leben nur 50 km voneinander entfernt. Er musste lächeln. Vielleicht war dieser Sturz nur der Anfang einer wirklich großen Liebesgeschichte.

Brotlose Kunst?|abc-Etüden

Brotlose Kunst?|abc-Etüden

Die Sommerpause ist vorbei und Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden im neuen Gewand.

Sie stieg in die Bahn ein und fand weiter hinten noch einen Platz. Das große, längliche Paket in ihren Händen durfte auf keinen Fall beschädigt werden. 

Die Fahrt dauerte lange, und sie wurde müde. Sie hatte die alte Frau Schmidt, eine ehemalige Nachbarin, im Altenheim zum Kaffeetrinken besucht. Diese Kaffeekränzchen fanden mindestens einmal im Monat statt, aber diesmal war alles anders gewesen.

„Ich möchte, dass du dieses Bild mitnimmst und in Ehren hältst“, hatte Frau Schmidt gesagt. „Du bist die einzige, mit der ich mich immer über Kunst unterhalten könnte.“

Das stimmte. Alle anderen hatten sie immer belächelt, wenn sie wieder zu einer Ausstellung loszogen: „Brotlose Kunst. Wie könnt ihr dafür Zeit und Geld verschwenden?“ Sie waren trotzdem gegangen.

Sie stieg aus und war wenige Minuten später in ihrer Wohnung. Die Verpackung des Bildes war schnell abgerissen. Es war betitelt „Parforcejagd mit Hunden“, Öl auf Leinwand, unbekannter Künstler. Das Aufhängen würde bis morgen warten müssen, sie war müde und wollte nur noch ins Bett.

Am nächsten Morgen wurde sie von Klingeln ihres Telefons geweckt. Noch ganz verschlafen meldete sie sich. Es war Schwester Anna vom Altenheim Bergfrieden, die ihr mitteilte, dass Frau Schmidt heute Nacht gestorben war.

Tränenblind stolperte sie ins Wohnzimmer, sie musste unbedingt das Bild aufhängen. Ein Nagel war schnell in die Wand geschlagen, aber als sie das Bild anhob, fiel ihr eine merkwürdig dicke Stelle an der Rückseite auf. Sie löste den Hintergrund vorsichtig ab und fand ein Bündel Hundert-Euro-Scheine.

Sie ließ die Tränen laufen und ließ sich auf den nächsten Stuhl sinken. „Danke, Frau Schmidt!“ flüsterte sie. Kunst war eben nicht immer brotlos.

Es hat nicht sollen sein|abc-Etüden

Es hat nicht sollen sein|abc-Etüden

Christiane lädt zum Etüdensommerpausenintermezzo. Ganz viele Interessierte haben dazu Worte beigesteuert, und die Bilder kommen von lz.

Durch Flüsterpropaganda hatte er von diesem Ort mitten im Wald erfahren, den angeblich kaum jemand kannte. Die Anfahrt dauerte dank einer Wanderbaustelle länger als geplant, aber auch das war ihm egal. Er brauchte einfach eine kurze Auszeit von Zuhause: Vom Drängen der Kinder, endlich das Kaninchenstallscharnier auszutauschen, vom Gesundheitswahn seiner Frau, die seinen heißgeliebten Kaffee durch Muckefuck ersetzt hatte und nur noch Knäckebrot zum Abendessen auftischte, und von der Bitte seiner Eltern, ihnen den Lampion im Garten aufzuhängen. Er liebte seine Familie, aber manchmal hatte er den Eindruck, dass alles an ihm hängenblieb. Endlich war er angekommen, setzte sich mit einem tiefen Seufzer unter eine große Tanne und genoss die Waldeinsamkeit. Ein leiser Windhauch trocknete seine Schweißtropfen und er dachte: „Perfekt! Genau, was ich brauche!“ Dann flog eine Graugans über ihn hinweg; während er noch ihrem Ruf lauschte, landete etwas Feuchtes auf seinem Hemd. Er hatte natürlich kein Taschentuch dabei, um den Graugansmist abzuwischen, aber es war nicht zu ändern. Er lehnte sich zurück an den Stamm der Tanne und versuchte, sich wieder zu entspannen. Gerade als er sich besser fühlte, hörte er Schritte, und ein turtelndes, kicherndes Liebespärchen zog vorbei. Er seufzte wieder, anscheinend war der Platz doch nicht so unbekannt. Als ihm wenige Sekunden später auch noch ein laut pfeifender Wandersmann „Frisch auf!“ zurief, gab er zähneknirschend auf und machte sich auf den Weg zurück zu seinem Auto. Er würde sich wohl andere Möglichkeiten zum Entspannen suchen müssen…

Am Baggersee wird gebaggert |abc-Etüden

Am Baggersee wird gebaggert |abc-Etüden

Christiane lädt zum Etüdensommerpausenintermezzo. Ganz viele Interessierte haben dazu Worte beigesteuert, und die Bilder kommen von lz.

„I should be so lucky“, dachte Katharina ironisch. Als ihre Freundin Fee einen Ausflug zum Baggersee vorgeschlagen hatte, war sie davon ausgegangen, einen schönen Tag gemeinsam zu verbringen. Sie hätte sich denken können, dass das nur ein Ablenkungsmanöver von Fee war, um an einem anderen Ort nach der großen Liebe zu suchen. Fee hatte auch bald zwei Männer angesprochen, aber dann war alles schief gelaufen: Alle beide wollten sie, Katharina, beeindrucken, und Fee war bestenfalls schmückendes Beiwerk, wie ein Ohrring.

„… so gut tauchen, man nennt mich auch den Unterwasserkönig„, sagte einer der beiden Männer. „Lass‘ uns ins Wasser gehen, dann zeige ich es dir.“

„Ich möchte noch was in der Sonne bleiben, nachher vielleicht“, sagte Katharina und sehnte sich nach Sachertorte. In der Ferne konnte sie die Kirchtumspitze sehen, sie wusste, daneben war das Café „Luxusproblem„. Vor ihrem inneren Auge sah sie die gemütliche Einrichtung des Cafés mit den Biedermeierschränkchen vor sich, und in einer Stunde begann der Tanztee. Sie beobachtete eine Amsel, die in einer Pappel ihr Federkleid putzte und entschied sich, den Firlefanz zu beenden.

„Nehmt es mir nicht übel Jungs, aber ich habe kein Interesse. – Fee, gehen wir?“

Sommerausflug an den See |abc-Etüden

Sommerausflug an den See |abc-Etüden

Es gibt wieder eine neue Schreibeinladung von Christiane, die Ideen sind diesmal von Yvonne, das Yvonne, das Bild ist von Ludwig Zeidler.

Sie hasste es, in dieser Hitze mit ihren kleinen Geschwistern auf der Rückbank des alten Familienautos zu sitzen, bei dem schon seit Ewigkeiten die Klimaanlage kaputt war. Und dann musste ihr Vater auf Drängen ihrer Mutter noch einen großen Umweg zu einer besonderen Tankstelle fahren, die Biodiesel führte, wegen Umweltschutz und so. Sie fühlte sich eingeengt, nicht nur von den Geschwistern neben ihr, sondern auch von dem vollen Kofferraum hinter ihnen. Den meisten Platz nahm das neue aufblasbare Gummiboot ein, das pompös links hinter ihr thronte. Rechts waren die Kühlboxen und Getränke, viel zu viel, Mama sah sowieso schon beim Sonnenbaden aus wie ein gestrandeter Wal. Viel lieber hätte sie mit ihren Klassenkameraden am Rheinufer den Ferienbeginn gefeiert, aber die Eltern bestanden auf diesen Familienausflügen. Dabei war sie mit vierzehn viel zu alt für diesen Quatsch. Zu allem Überfluss fing der dreijährige Ben links neben ihr auch noch an zu quengeln und strampelte in seinem Kindersitz herum. Sie seufzte und sah aus dem Fenster. Wann waren sie endlich da?!

Das grüne Wunder | abc-Etüden

Das grüne Wunder | abc-Etüden

Es gibt wieder eine neue Schreibeinladung von Christiane, die Ideen sind diesmal von mir, das Bild ist von Ludwig Zeidler. Danke, dass ich auch einmal Ideengeberin sein darf!

Sie konnte ihren Blick nicht mehr von der Uhr abwenden, wie lange musste die Haarfarbe denn noch einwirken?! Auf ihrem Kopf brannte es, als ob eine Kernschmelze im Gange war. Endlich war es soweit, die Küchenuhr bimmelte, und sie stürmte in die Dusche um die Blondierungscreme abzuwaschen. Das Brennen ließ nach, sie rubbelte das Haar mit einem Handtuch trocken und stellte sich erwartungsvoll vor den Spiegel. Dann zog sie das Handtuch weg… Die Haare waren nicht blond, sondern grün geworden. Ihr stiegen heiße Tränen in die Augen und für einen Moment wollte sie die Karte für das Konzert am Abend wegwerfen. Doch dann dachte sie, dass sie dort niemand kannte und also keiner wusste, dass die Haare nicht grün, sondern hellblond sein sollten. Sie würde sich eine Lösung für die Arbeit einfallen lassen müssen, aber morgen war noch genug Zeit zum Recherchieren und Überfärben. Aber erst einmal würde sie den heutigen Abend genießen!