Das Leben ist bunt|abc-Etüden

Das Leben ist bunt|abc-Etüden

abc.etüden 2019 21+22 | 365tageasatzaday

Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Denkanstöße kommen dieses Mal von dergls Team.

Als ich im Februar 2009 wegen meiner Angstzustände und Depressionen zum ersten Mal stationär in der Erwachsenenpsychiatrie aufgenommen wurde, war unter anderem auch Kunsttherapie Teil des Behandlungsprogramms.

Ich saß in der ersten Stunde ziemlich irritiert vor einem Malkasten und überlegte, wie ich das, was in mir vorging, nach außen bringen sollte. Es war schon schwer genug, mein inneres Chaos in Worte zu fassen. Kunsttherapie kam mir vor wie eine fremde Sprache, die ich weder verstand noch sprechen konnte. Ich konnte mich auch nicht daran erinnern, wann ich zuletzt etwas gemalt hatte. Allerdings wollte ich auch nicht neunzig Minuten vor einem leeren Blatt sitzen, und mein Kopf will meistens vor allem eins: Beschäftigt werden.

Also gab ich mir einen Ruck und begann, die weiße Fläche mit Farben zu füllen. Der Pinsel bewegte sich sanft gleitend über das Papier, und alles andere rückte in den Hintergrund. Die quälenden Gedanken in meinem Kopf, die sonst nicht aufhörten, meine Gefühle zu torpedieren, waren für eine Zeit ruhig.

Von da an freute ich mich jedes Mal auf die Kunsttherapie. Es war mir irgendwann völlig egal, was andere über meine Bilder dachten, oder dass die Bilder in den Stationsbesprechungen dem Personal gezeigt wurden. Wichtig war mir, dass Malen mir die Möglichkeit bot, Belastendes loszuwerden. Was den Weg aus meinem Kopf auf das Papier fand, war auf einmal viel weniger schlimm und tat weniger weh.

Auch wenn ich im Moment wenig male, es ist gut, diese Ausdrucksmöglichkeit zu haben. Ich habe jederzeit Buntstifte, Filzstifte und Acrylfarbe griffbereit und auch schon virtuell auf dem Tablet gemalt (das ist dann quasi Malen 2.0). Dabei erhebe ich keinen künstlerischen Anspruch, es geht mir einfach nur darum, Ruhe in meinen Kopf zu bringen. Solange das zuverlässig funktioniert, bin ich dankbar für diese Möglichkeit.

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Sascha|abc-Etüden

Sascha|abc-Etüden

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Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Denkanstöße kommen dieses Mal von Katha.

Meistens kann ich nicht mehr genau sagen, wann und wie ich etwas zum ersten Mal getan habe, aber ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie meine Laufbahn als menschliches Katzenkissen begann.

Ich war sechs Jahre alt, als die Familie meines Onkels in Urlaub fuhr und uns für diese Zeit ihr Kätzchen vorbei brachte. Sascha war schwarz, hatte stahlblaue Augen und hätte eigentlich ein Kater sein sollen. Das hinderte sie nicht daran, später Kätzchen zur Welt zu bringen.

Kurios war, dass Sascha nur Thunfisch-Nassfutter fraß, die ganze Wohnung stank danach. Wenn wir nicht aufpassten, saß sie vor dem Käfig mit unserem Wellensittich und tappte mit den Vorderpfoten gegen die Metallstäbe.

So quirlig sie tagsüber war, so verkuschelt war sie nachts. Ich erschreckte mich zuerst ganz ordentlich, als sie das erste Mal im Dunkeln auf mir herum balancierte und ich ein Katzenauge im Licht der Straßenlaterne leuchten sah. Aber dann rollte Sascha sich auf meinem Bauch zusammen und begann zu schnurren. Ich wusste damals kaum etwas über Katzen, aber ich fühlte die Behaglichkeit, die von diesem kleinen Katzenkörper ausging.  Zögerlich streckte ich eine Hand aus und begann, das weiche Fell zu streicheln… und Sascha schnurrte noch mehr. Solange sie bei uns war, kam sie jede Nacht zu mir.

Meine Eltern erlaubten mir nicht, eine Katze zu halten, aber mein Mann und ich haben uns 1996 den ersten Stubentiger ins Haus geholt. Seitdem war ich unzählige Male menschliches Katzenkissen, und ich genieße es jedes Mal.

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Schwere Kost|abc-Etüden

Schwere Kost|abc-Etüden

abc.etüden 2019 17+18 | 365tageasatzaday

Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Denkanstöße kommen dieses Mal von Agnes Podczeck.

Sie stellte die Schüssel auf den Tisch und sagte: „Greif zu!“
Er spießte eine Kartoffel auf seine Gabel und bugsierte sie auf seinen Teller. Und noch eine, und noch eine. Dazu nahm er noch reichlich Buttergemüse und eine Bratwurst. Nach einem langen Arbeitstag hatte er großen Hunger und begann sofort mit dem Essen. Dann sah er, dass wieder nur eine Kartoffel und ein Löffel Gemüse den Weg auf ihren Teller gefunden hatten.

„Denkst du, dass du von so viel Essen fett wirst?“ bemerkte er anzüglich.

„Hör‘ auf, mich zu bevormunden!“ schoss sie zurück.

Den Rest des Abendessens verbrachten sie schweigend und hingen ihren Gedanken nach.

Er machte sich insgeheim große Sorgen um seine Frau. Seit Wochen konnte er zusehen, wie sie immer dünner wurde. Und auch ihre Stimmung war schlecht, sie war nervös und reizbar. Aber er kam nicht mehr richtig an sie heran und wusste überhaupt nicht, was in ihr vorging.

Während sie an ihrem Essen herumpickte, überlegte sie, wie es weiter gehen sollte. In ihrem Magen lagen Gedanken wie schwere Steine und machten essen geradezu unmöglich. Sie hatte große Angst, unheilbar krank zu sein, seit Wochen quälten sie Bauchschmerzen. Bei ihrer Tante, die an Krebs gestorben war, hatte es genau so angefangen. Aber sie wollte ihn damit nicht belasten, auf der Arbeit war es im Moment schwierig genug. Sie traute sich aber auch nicht, zum Arzt zu gehen.

Er war fertig und schob den Teller ein Stück zurück. „Es war lecker wie immer“, bemerkte er etwas unbeholfen. Sie nickte flüchtig und stand auf, um den Tisch abzuräumen.

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Frühling ohne Leben|abc-Etüden

Frühling ohne Leben|abc-Etüden

abc.etüden 2019 15+16 | 365tageasatzaday

Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Denkanstöße kommen dieses Mal von Vro jongliert.

Meine Mutter erzählte mir neulich von meiner Tante, die immer noch sehr an ihrem neuen Alltag zu knabbern hat, seit kurz vor Weihnachten ihr Mann nach über 50 gemeinsamen Jahren verstorben ist. Nachdem ich dann neulich noch von meinem Onkel geträumt habe, war klar worüber ich dieses Mal schreibe.

Der Frühling war tatsächlich da.

Sie stand am Fenster und sah in den Garten hinaus. Dort, wo sie im Herbst die Tulpenzwiebeln in die Erde versenkt hatte, zeigten sich grüne Stengel, die täglich größer wurden.

Im Herbst war ihr Mann noch bei ihr gewesen. Ja, er war schwer krank gewesen, ja, er hatte Schmerzen gehabt, aber er war hier gewesen, in diesem Haus, und sie konnten miteinander reden. Manchmal waren ihre Gespräche lang und ernst gewesen, manchmal kurzweilig und leicht, aber immer voller Liebe. Sie hatten beide gewusst, dass ihre Zeit zusammen dem Ende zuging, und sie hatten das Beste daraus gemacht.

Dann war der Winter gekommen und hatte ihren Mann mitgenommen. Nicht auf einmal, aber Stück für Stück. Es ging ihm jeden Tag ein bisschen schlechter, und irgendwann führte kein Weg mehr am Krankenhaus vorbei. Und da hatte sie eingesehen, dass sie ihn gehen lassen musste.

Dann war er gestorben, und seitdem wusste sie nicht mehr, wie sie weiter leben sollte. Aber die Welt hörte nicht auf, sich zu drehen. Weihnachten kam und ging, ein neues Jahr brach an, die Beerdigung fand statt, ihre Tochter feierte den ersten Geburtstag ohne ihren Vater. Und jetzt regte sich auch die Natur wieder. Ihr Mann aber würde nicht wieder auferstehen.

Sie seufzte und legte die Hand auf ihren Magen, in dem seit Monaten ein Stein zu liegen schien. Weitermachen sollte sie, hatte er gesagt, für ihre Tochter da sein. Sie versuchte es ja, aber es war so schwer. Alles diese neue Leben draußen schien sie ärgern zu wollen und zeigte ihr nur noch deutlicher, was sie verloren hatte.

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Verregnet|abc-Etüden

Verregnet|abc-Etüden

Extraetüden 14.19 | 365tageasatzaday

Am fünften Sonntag eines Monats lädt Christiane zu den Extraetüden ein. Diesmal sollen fünf Wörter in maximal 500 Worten untergebracht werden. Die Idee lieferte mir der heutige Tag, der immer wieder mal Regen im Programm hatte.

Der elende Nieselregen hatte ihm den ganzen Tag verdorben. Laut Kalender sollte es Frühling sein, aber das Wetter scherte sich nicht darum. Und natürlich hatte er keinen Schirm dabei gehabt.

Er schloss die Wohnungstür auf, und natürlich war der Schirm an der Garderobe das Erste, was er sah. „Miststück!“, knurrte er, und sah zu, dass er aus dem nassen Mantel heraus kam.

Natürlich hatte er in der Mittagspause keine Zeit gehabt, in seinem Lieblingscafé einen warmen Tee zu trinken. Also stellte er erstmal den Wasserkocher an und suchte im Schrank neben dem Herd nach dem schwarzen Tee. Die Dose war leer… Hatte er wirklich vergessen, beim letzten Einkauf Nachschub zu besorgen? „War ja klar“, seufzte er.

Naja, ein Bier passte wohl sowieso besser zu seiner Stimmung. Als er vorhin mit Marie telefoniert hatte, war sie irgendwie kurz angebunden gewesen. Irgendetwas stimmte nicht, da konnte er sich nicht irren.

Wenigstens konnte er sich auf seine Couch verlassen, die war angenehm weich. Er griff zur Fernbedienung. Hauptsache an irgend etwas anderes denken. Es war angenehm warm, und das Bier tat seine Wirkung. Er war gerade dabei einzunicken, als sein Handy klingelte. Schlaftrunken meldete er sich, ohne vorher auf das Display zu schauen: „Hallo?“

„Hallo, ich bin’s, Marie… Ich wollte mich nur kurz noch mal melden, vorhin stand mein Chef hinter mir…“

Mit einem Mal war er wieder hellwach und richtete sich auf. Vielleicht nahm dieser Tag noch ein versöhnliches Ende.

Januar 1992 |abc-Etüden

Januar 1992 |abc-Etüden

Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Denkanstöße kommen dieses Mal von Rina.

Im ersten Halbjahr der dreizehnten Klasse fuhr die ganze Jahrgangsstufe zusammen nach Berlin. So war es Tradition am Otto-Hahn-Gymnasium.

Es war Januar, und ich hatte nicht bedacht, dass es im Osten Deutschlands ein ordentliches Stück kälter sein würde als im milden Rheinland. Die ganze Zeit über fror ich, es war wirklich ein Gefühl, als würde die Kälte mich beißen (damals hatte ich noch keine schützende Speckschicht und wog um die 50 Kilo).

Wir besuchten das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen. Als wir in der Baracke standen, in der Dietrich Bonhoeffer untergebracht war, fragte ein Mitschüler: „Und wo ist die Heizung?“
Mir war nicht nach Späßen. Ich fühlte mich, als ob in diesen Räumen auch nach all den Jahren das Grauen wohnte. Auf der Rückfahrt in die Pension weinte ich.

Etwas leichter war die Atmosphäre in Schloss Sanssouci in Potsdam. Und wie die Menschen früher gelebt haben, hat mich schon immer interessiert (mein Vater hat vierzig Jahre Geschichte unterrichtet. das hat abgefärbt). Unser Lehrer fragte mich am Grab vom Alten Fritz: „Sollten wir in Deutschland einen Kaiser haben, was meinen Sie, Viola?“ – „Definitiv nicht, Herr H. Stellen Sie sich einen Herrscher vor, der seine Hunde über sein Volk stellt!“

Nachdem wir uns noch den Garten angesehen hatten, wärmten wir uns in einem Café auf. Leider war mein Stück gedeckter Apfelkuchen wohl irgendwie verdorben, und ich hatte am nächsten Tag heftige Bauchschmerzen (und das passiert mir eher selten).

Nach fünf Tagen fuhren wir wieder heimwärts. Einige von uns waren noch so betrunken, dass sie die Heimreise schlafend im Gang des Busses verbrachten. Die Pension hat nie wieder Schüler unserer Schule aufgenommen.

Ein paar Monate später verließen wir die Schule mit der sogenannten Reifeprüfung in der Tasche und wurden auf die Menschheit losgelassen. Aber das ist eine andere Geschichte 🙂

 

 

 

Alles auf Anfang|abc-Etüden

Alles auf Anfang|abc-Etüden

abc.etüden 2019 10+11 | 365tageasatzaday

Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Denkanstöße kommen dieses Mal von Natalie. Und ich freue ich mich sehr, nach der stressigen Zeit wieder endlich einmal den Kopf für die Etüden frei zu haben 🙂 Eigentlich wollte ich diesen Beitrag ja gestern schon posten, aber wir hatten am Abend satte drei Stunden Stromausfall, dem Sturm sei Dank.

Das Wetter passte wirklich nicht zu einer ersten Verabredung, aber das störte das junge Paar nicht. Ganz im Gegenteil, der Nieselregen gab ihnen die Gelegenheit, unter ihrem kleinen Schirm die Köpfe zusammen zu stecken. Sie hatten den Abend im Kino begonnen und danach noch beim „goldenen M“, wie er es nannte, hemmungslos in Fett und Zucker geschwelgt. Mittlerweile war es nach Mitternacht, aber sie konnten noch nicht voneinander lassen.

„… und dann ist sie tatsächlich mit dem Stuhl umgekippt, kannst du dir das vorstellen?“, kicherte sie.

„Das hätte ich zu gerne gesehen!“ Er lachte mit ihr und legte seine Wange auf ihren Kopf. Ihr Haar war so weich und roch fruchtig.

Sie traten aus dem dunklen Park auf eine helle beleuchtete Straße, und der Zauber war mit einem Mal verflogen.

„So, da vorne wohne ich. Danke, dass du mich nach Hause gebracht hast, aber jetzt bin ich todmüde!“ sagte sie.

Wenn er enttäuscht war, ließ er es sich nicht anmerken. „Ja, war ein langer Tag. Ich melde mich morgen bei dir. Schlaf gut!“

Er umarmte sie kurz und fühlte noch einmal flüchtig ihre Wärme. Da war etwas zwischen ihnen, er fühlte es ganz deutlich. Er konnte sich nicht irren. Aber jetzt war es besser, den Abend zu beenden.

„Tschüss!“ sagten beide gleichzeitig, er drehte sich um und ging.

Nachdenklich sah sie ihm nach. Gerne hätte sie ihn noch zu einem Kaffee hoch in ihre Wohnung gebeten, aber vorher wollte sie ihn doch noch besser kennen lernen.