Was bleibt | abc-Etüden

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Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Ideen kommen dieses Mal von Elke H. Speidel.

Meine Großmutter ist am Tag vor Heiligabend im Dezember 2000 verstorben. Wir wussten, dass sie Krebs und nicht mehr lange zu leben hat, aber irgendwie kommt das Ende immer überraschend.

Es dauerte zwei Wochen, bis die Einäscherung erfolgt war und die Beerdigung stattfinden konnte. Das neue Jahr hatte bereits begonnen, aber es war immer noch winterlich kalt, als wir uns alle unter einem kahlen, blattlosen Winterbaum versammelten, um ihr die letzte Ehre zu erweisen.

Wir hatten kein besonders enges Verhältnis zu der Mutter meines Vaters gehabt, und doch liefen mir die Tränen über das Gesicht, als wir am Grab meines Großvaters standen. Dort hatte sie immer ihre letzte Ruhe hatte finden wollen. Es war nasskalt, und die Mäntel lagen schwer von Regen auf unseren Schultern. Der Himmel weinte mit mir.

Oma war im letzten Jahr in das Betreute Wohnen eines örtlichen Altenheimes umgezogen. Sie hatte dort Kontakt zu vielen Mitbewohnern gefunden und war sehr beliebt gewesen. Das hatten wir nicht gewusst, wie so vieles aus ihrem Leben.

Diese Frau hatte in meinem Leben nie eine bedeutende Rolle gespielt, und doch hatten wir viel gemeinsam: Wir liebten das Essen, wir nahmen beide das Leben eher schwer als leicht, und bei uns beiden war im vergangenen Jahr Krebs diagnostiziert worden. Ich fühlte mich schuldig, überlebt zu haben, und konnte an ihrem Grab nicht umhin, vergangenen Möglichkeiten nachtrauern zu müssen.

Es dauerte ein paar Wochen, bis ich meine Gefühle wieder geordnet hatte. Für meine Oma und mich war es zu spät, aber seitdem bin ich sehr viel aufmerksamer geworden – mit mir selber und anderen. Das ist ihr Vermächtnis an mich. Ich werde es hoffentlich immer in Ehren halten.

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Geld und Moral | abc-Etüden

Geld und Moral | abc-Etüden

Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Ideen kommen dieses Mal von umgeBUCHt.

Der Sonntagmorgen war kalt. Er ging zügig bis zum Feldrand, kontrollierte die Bindung seiner Schuhe, machte noch ein paar Stretchingübungen und lief los. Auf dem Gras am Wegrand war Raureif,und sein Atem wehte in weißen Wolken hinter ihm her. Das Laufen half ihm immer, wenn er seinen Kopf aufräumen musste.

Mit der Zeit fanden seine Beinen in ihren eigenen Rhythmus, und die Gedanken in seinem Gehirn begannen zu wandern.

Sein Vorgesetzter hatte ihm ein Angebot für eine Beförderung gemacht. Das Gehalt war ihm geradezu sündig hoch erschienen. Es gab nur einen ganz gewaltigen Haken bei der Sache: Seine Aufgabe würde sein, die Abteilung umzustrukturieren – und die Hälfte seiner Kollegen zu entlassen. Das hatte er sich nicht unter einer leitenden Position vorgestellt. Wie weit wollte und konnte er seine moralischen Wertvorstellungen verrücken? Könnte er seinen Mitarbeitern morgens in die Augen sehen und ihnen mittags kündigen?

Irgend jemand musste diesen Job ja machen, aber er war sich nicht sicher, ob er damit leben konnte, andere Menschen ins Unglück zu stürzen. Und er musste sich innerhalb einer Woche für den neue Stelle entscheiden. Andererseits hatte er noch nie so viel Geld verdient, und die Kredite für das Auto und die Küche waren noch nicht fertig abbezahlt.

Oh Mann, das war wirklich eine schwierige Sache… Er beschleunigte das Tempo und bog nach links in den Wald ab.

Die erste große Liebe | abc-Etüden

Die erste große Liebe | abc-Etüden

Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Ideen kommen dieses Mal von Wortgerinnsel.

Als Susanne drei Jahre alt war, zogen ihre Eltern aus der Studentenwohnung im Süden der Stadt in einen „Beamtensilo“ in den Norden.

Dort lernte sie viele Kinder in ihrem Alter kennen. Vor allem mit einem Knirps namens Sebastian verband sie bald eine tiefe Freundschaft. Zusammen beobachteten sie ganz genau, was die Erwachsenen so taten.

Um manches beneideten sie ihre Eltern sehr: Niemand sagte den Großen anscheinend, wann sie ins Bett zu gehen hatten, und sie gingen ein und aus wie sie wollten.

Andere Seiten des Erwachsenenlebens schienen ihnen geradezu grotesk. Taten ihre Eltern das, was in den Aufklärungsbüchern stand, wirklich? Susanne hatte eigentlich nur wissen wollen, warum ihre Tante auf einmal so einen dicken Bauch bekommen hatte und wie ein Baby da hinein gekommen sein sollte. Aber die Antworten auf ihre Fragen stellten sie nicht zufrieden.

Eines war Susanne und Sebastian schon bald klar: Sie würden zusammen bleiben und später heiraten.

Die Jahre vergingen und aus Junge und Mädchen wurden hormongesteuerte Teenager. Susanne fing an, ihre Gedanken in einem Tagebuch zu notieren. Immer noch stand für sie fest, dass sie und Sebastian zusammen bleiben würden. Sebastian aber begann, immer mehr mit seinen Kumpels zusammen zu sein und hatte kaum noch Zeit für sie.

Susannes Eltern beschlossen, umzuziehen. Ob es ihr gefiel oder nicht, sie musste mit.

Das war das Ende ihrer ersten großen Liebe. Sie lernte ihren späteren Mann mit siebzehn kennen und bereute die Heirat nie.

Dann kam das Internet, und irgendwann begann sie, nach Sebastian zu suchen. Als sie sein Bild sah, war sie überrascht über die Vielzahl von Gefühlen und Erinnerungen, die auf sie einstürmten.

Sie war glücklich verheiratet, aber einen Platz in ihrem Herzen würde Sebastian immer behalten, auch wenn sie genau wusste, dass sie sich wahrscheinlich nie wieder sehen würden.

Herzensentscheidung|abc-Etüden

Herzensentscheidung|abc-Etüden

Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Ideen kommen dieses Mal von redskiesoverparadise.

„Eliten sind eben immer darauf bedacht, ihre Pfründe zu wahren!“

Das waren seine letzten Worte gewesen, bevor die Wohnungstüre hinter ihm ins Schloss gefallen war und sie fassungslos zurück geblieben war. Wenn sie vorher gewusst hätte, dass das erste Treffen mit ihren Eltern in ein Kreuzverhör ausarten sollte, hätte sie Sören darauf vorbereitet. Oder besser noch, sie hätte ihren Eltern gesagt, wie wichtig ihr war, dass Sören sich bei ihnen wohlfühlte.

Stattdessen hatte sie mit wachsendem Unbehagen dabei zugesehen, wie ihr Vater die Falle hatte zuschnappen lassen. Ob seine Eltern denn wenigstens in den eigenen vier Wänden wohnten, was er später studieren wollte, solche Sachen hatte er gefragt.

Sie wusste, dass Sörens Eltern nicht viel Geld hatten, weil seine Mutter immer für die Kinder Zuhause geblieben war, und dass Sören nach dem Abitur am liebsten eine Lehre bei einer Bank machen wollte. Aber so mondän ihre eigene Welt auch sein mochte, so kalt und unpersönlich war sie ihr auch oft erschienen. In Sörens Familie dagegen hatte sie sich immer wohl gefühlt. Es wurde gestritten und sich geneckt, und doch hielten alle zusammen.

Sie stand auf, ging durch den Flur, nahm ihre Jacke und verließ wortlos die Wohnung. Der Aufschrei ihrer Mutter „Wo gehst du denn hin?“ folgte ihr ins Treppenhaus.

Die Geheimzutat |abc-Etüden

Die Geheimzutat |abc-Etüden

Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Ideen kommen dieses Mal von Gerda Kazakou.

Heute bin ich überzeugte Vegetarierin. Als kleines Mädchen habe ich auch nicht gerne Fleisch gegessen, aber lange Jahre habe ich eine Ausnahme für die Hühnersuppe meiner Großmutter gemacht.

Es war nicht nur das Endergebnis, das mich faszinierte, es war das ganze Drumherum.

Meine Oma, im ersten Weltkrieg geboren, hielt lange nichts von Fertiggerichten. Sie griff erst darauf zurück, als sie sehr alt war und das Selberkochen zu mühsam für ihre erschöpften Hände wurde. Aber so lange sie es konnte, benutzte sie ausschließlich frische Zutaten.

Aufmerksam verfolgte also die kleine Viola, wie ein ganzes Suppenhuhn und Gemüse skrupolös verarbeitet wurden und in den großen Topf wanderten, so dass möglichst wenig Reste übrig blieben. Am Ende kam immer ein bisschen von den frischen Kräutern dazu, die meine Oma auf dem Balkon stehen hatte. Natürlich durfte ich nicht beim Schneiden helfen, aber ich war vollkommen zufrieden, alles aus nächster Nähe verfolgen zu können und nahm alles in mich auf: Das Gelb der Möhren genauso wie den Geruch von Petersilie.

Dann kam der für mich schwerste Teil: Das lange Warten, bis alles fertig gekocht hatte. Ich muss ungefähr alle fünf Minuten gefragt haben, ob ich jetzt endlich essen kann. Es dauerte immer seine Zeit. Aber das Warten hat sich immer gelohnt.

Nie wieder habe ich etwas mit so viel Genuss gegessen wie die Hühnersuppe meiner Oma damals. Erst später wurde mir klar, dass das auch einer besonderen Zutat lag, die es nicht zu kaufen gibt: Liebe.

Wer auf High Heels steigt|abc-Etüden

Wer auf High Heels steigt|abc-Etüden

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Christiane lädt wieder ein zu den abc-Erüden, die Ideen kommen dieses Mal von Anna-Lena.

Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich in das Krankenhausbett zurückfallen. Der Gips bedeckte fast sein ganzes linkes Bein, und Schmerzen hatte er auch. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass es noch eine Stunde bis zur nächsten Schmerzmittelausgabe dauerte.

Nie im Leben hätte er gedacht, dass eine Kreuzfahrt so gemeingefährlich sein könnte. Er hatte sein Leben  lang davon geträumt, auf einem großen Passagierschiff über den Atlantik zu fahren.

Und es hatte alles so gut angefangen, bereits am zweiten Abend hatte er die umwerfend hübsche Fee kennen gelernt, und seine Zuneigung wurde erwidert. Beim Tanzen sprühten die Funken zwischen ihnen, und er hatte sich Hoffnung auf mehr gemacht.

Der letzte Cocktail war vielleicht doch zu viel gewesen. Er konnte sich nicht daran erinnern, wer die Idee gehabt hatte, dass er in Fees High Heels über das Deck stelzen sollte. Jedenfalls war er gestürzt und die Treppe zum Pool heruntergefallen, das Resultat war ein komplizierter Bruch. Sein Urlaub endete im nächsten Hafen. Immerhin waren die Kosten für den Rücktransport durch seine Auslandskrankenversicherung gedeckt.

Sein Handy vibrierte, und er nahm es in die Hand. Fee erkundigte sich, wie es ihm ging. Sie hatte die Kreuzfahrt natürlich fortgesetzt, aber sie lebten im normalen Leben nur 50 km voneinander entfernt. Er musste lächeln. Vielleicht war dieser Sturz nur der Anfang einer wirklich großen Liebesgeschichte.

Brotlose Kunst?|abc-Etüden

Brotlose Kunst?|abc-Etüden

Die Sommerpause ist vorbei und Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden im neuen Gewand.

Sie stieg in die Bahn ein und fand weiter hinten noch einen Platz. Das große, längliche Paket in ihren Händen durfte auf keinen Fall beschädigt werden. 

Die Fahrt dauerte lange, und sie wurde müde. Sie hatte die alte Frau Schmidt, eine ehemalige Nachbarin, im Altenheim zum Kaffeetrinken besucht. Diese Kaffeekränzchen fanden mindestens einmal im Monat statt, aber diesmal war alles anders gewesen.

„Ich möchte, dass du dieses Bild mitnimmst und in Ehren hältst“, hatte Frau Schmidt gesagt. „Du bist die einzige, mit der ich mich immer über Kunst unterhalten könnte.“

Das stimmte. Alle anderen hatten sie immer belächelt, wenn sie wieder zu einer Ausstellung loszogen: „Brotlose Kunst. Wie könnt ihr dafür Zeit und Geld verschwenden?“ Sie waren trotzdem gegangen.

Sie stieg aus und war wenige Minuten später in ihrer Wohnung. Die Verpackung des Bildes war schnell abgerissen. Es war betitelt „Parforcejagd mit Hunden“, Öl auf Leinwand, unbekannter Künstler. Das Aufhängen würde bis morgen warten müssen, sie war müde und wollte nur noch ins Bett.

Am nächsten Morgen wurde sie von Klingeln ihres Telefons geweckt. Noch ganz verschlafen meldete sie sich. Es war Schwester Anna vom Altenheim Bergfrieden, die ihr mitteilte, dass Frau Schmidt heute Nacht gestorben war.

Tränenblind stolperte sie ins Wohnzimmer, sie musste unbedingt das Bild aufhängen. Ein Nagel war schnell in die Wand geschlagen, aber als sie das Bild anhob, fiel ihr eine merkwürdig dicke Stelle an der Rückseite auf. Sie löste den Hintergrund vorsichtig ab und fand ein Bündel Hundert-Euro-Scheine.

Sie ließ die Tränen laufen und ließ sich auf den nächsten Stuhl sinken. „Danke, Frau Schmidt!“ flüsterte sie. Kunst war eben nicht immer brotlos.