Es hat nicht sollen sein|abc-Etüden

Es hat nicht sollen sein|abc-Etüden

Christiane lädt zum Etüdensommerpausenintermezzo. Ganz viele Interessierte haben dazu Worte beigesteuert, und die Bilder kommen von lz.

Durch Flüsterpropaganda hatte er von diesem Ort mitten im Wald erfahren, den angeblich kaum jemand kannte. Die Anfahrt dauerte dank einer Wanderbaustelle länger als geplant, aber auch das war ihm egal. Er brauchte einfach eine kurze Auszeit von Zuhause: Vom Drängen der Kinder, endlich das Kaninchenstallscharnier auszutauschen, vom Gesundheitswahn seiner Frau, die seinen heißgeliebten Kaffee durch Muckefuck ersetzt hatte und nur noch Knäckebrot zum Abendessen auftischte, und von der Bitte seiner Eltern, ihnen den Lampion im Garten aufzuhängen. Er liebte seine Familie, aber manchmal hatte er den Eindruck, dass alles an ihm hängenblieb. Endlich war er angekommen, setzte sich mit einem tiefen Seufzer unter eine große Tanne und genoss die Waldeinsamkeit. Ein leiser Windhauch trocknete seine Schweißtropfen und er dachte: „Perfekt! Genau, was ich brauche!“ Dann flog eine Graugans über ihn hinweg; während er noch ihrem Ruf lauschte, landete etwas Feuchtes auf seinem Hemd. Er hatte natürlich kein Taschentuch dabei, um den Graugansmist abzuwischen, aber es war nicht zu ändern. Er lehnte sich zurück an den Stamm der Tanne und versuchte, sich wieder zu entspannen. Gerade als er sich besser fühlte, hörte er Schritte, und ein turtelndes, kicherndes Liebespärchen zog vorbei. Er seufzte wieder, anscheinend war der Platz doch nicht so unbekannt. Als ihm wenige Sekunden später auch noch ein laut pfeifender Wandersmann „Frisch auf!“ zurief, gab er zähneknirschend auf und machte sich auf den Weg zurück zu seinem Auto. Er würde sich wohl andere Möglichkeiten zum Entspannen suchen müssen…

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Am Baggersee wird gebaggert |abc-Etüden

Am Baggersee wird gebaggert |abc-Etüden

Christiane lädt zum Etüdensommerpausenintermezzo. Ganz viele Interessierte haben dazu Worte beigesteuert, und die Bilder kommen von lz.

„I should be so lucky“, dachte Katharina ironisch. Als ihre Freundin Fee einen Ausflug zum Baggersee vorgeschlagen hatte, war sie davon ausgegangen, einen schönen Tag gemeinsam zu verbringen. Sie hätte sich denken können, dass das nur ein Ablenkungsmanöver von Fee war, um an einem anderen Ort nach der großen Liebe zu suchen. Fee hatte auch bald zwei Männer angesprochen, aber dann war alles schief gelaufen: Alle beide wollten sie, Katharina, beeindrucken, und Fee war bestenfalls schmückendes Beiwerk, wie ein Ohrring.

„… so gut tauchen, man nennt mich auch den Unterwasserkönig„, sagte einer der beiden Männer. „Lass‘ uns ins Wasser gehen, dann zeige ich es dir.“

„Ich möchte noch was in der Sonne bleiben, nachher vielleicht“, sagte Katharina und sehnte sich nach Sachertorte. In der Ferne konnte sie die Kirchtumspitze sehen, sie wusste, daneben war das Café „Luxusproblem„. Vor ihrem inneren Auge sah sie die gemütliche Einrichtung des Cafés mit den Biedermeierschränkchen vor sich, und in einer Stunde begann der Tanztee. Sie beobachtete eine Amsel, die in einer Pappel ihr Federkleid putzte und entschied sich, den Firlefanz zu beenden.

„Nehmt es mir nicht übel Jungs, aber ich habe kein Interesse. – Fee, gehen wir?“

Sommerausflug an den See |abc-Etüden

Sommerausflug an den See |abc-Etüden

Es gibt wieder eine neue Schreibeinladung von Christiane, die Ideen sind diesmal von Yvonne, das Yvonne, das Bild ist von Ludwig Zeidler.

Sie hasste es, in dieser Hitze mit ihren kleinen Geschwistern auf der Rückbank des alten Familienautos zu sitzen, bei dem schon seit Ewigkeiten die Klimaanlage kaputt war. Und dann musste ihr Vater auf Drängen ihrer Mutter noch einen großen Umweg zu einer besonderen Tankstelle fahren, die Biodiesel führte, wegen Umweltschutz und so. Sie fühlte sich eingeengt, nicht nur von den Geschwistern neben ihr, sondern auch von dem vollen Kofferraum hinter ihnen. Den meisten Platz nahm das neue aufblasbare Gummiboot ein, das pompös links hinter ihr thronte. Rechts waren die Kühlboxen und Getränke, viel zu viel, Mama sah sowieso schon beim Sonnenbaden aus wie ein gestrandeter Wal. Viel lieber hätte sie mit ihren Klassenkameraden am Rheinufer den Ferienbeginn gefeiert, aber die Eltern bestanden auf diesen Familienausflügen. Dabei war sie mit vierzehn viel zu alt für diesen Quatsch. Zu allem Überfluss fing der dreijährige Ben links neben ihr auch noch an zu quengeln und strampelte in seinem Kindersitz herum. Sie seufzte und sah aus dem Fenster. Wann waren sie endlich da?!

Das grüne Wunder | abc-Etüden

Das grüne Wunder | abc-Etüden

Es gibt wieder eine neue Schreibeinladung von Christiane, die Ideen sind diesmal von mir, das Bild ist von Ludwig Zeidler. Danke, dass ich auch einmal Ideengeberin sein darf!

Sie konnte ihren Blick nicht mehr von der Uhr abwenden, wie lange musste die Haarfarbe denn noch einwirken?! Auf ihrem Kopf brannte es, als ob eine Kernschmelze im Gange war. Endlich war es soweit, die Küchenuhr bimmelte, und sie stürmte in die Dusche um die Blondierungscreme abzuwaschen. Das Brennen ließ nach, sie rubbelte das Haar mit einem Handtuch trocken und stellte sich erwartungsvoll vor den Spiegel. Dann zog sie das Handtuch weg… Die Haare waren nicht blond, sondern grün geworden. Ihr stiegen heiße Tränen in die Augen und für einen Moment wollte sie die Karte für das Konzert am Abend wegwerfen. Doch dann dachte sie, dass sie dort niemand kannte und also keiner wusste, dass die Haare nicht grün, sondern hellblond sein sollten. Sie würde sich eine Lösung für die Arbeit einfallen lassen müssen, aber morgen war noch genug Zeit zum Recherchieren und Überfärben. Aber erst einmal würde sie den heutigen Abend genießen!

Sommernachtsalbtraum|abc-etüden

Sommernachtsalbtraum|abc-etüden

Es gibt wieder eine neue Schreibeinladung von Christiane, die Ideen sind diesmal von Natalie, das Bild ist von Ludwig Zeidler

Nie würde er vergessen, wie seine Famile im Sommer 1993 zerbrochen war.

Die Sommernacht war schwül gewesen, und seine Mutter hielt seine Hand auf dem Heimweg fest in ihrer. In seinem Magen formte sich ein fester Knoten, es wurde immer schwerer für ihn, nicht zu verraten, dass Onkel Matthias oft zu ihnen nach Hause kam, wenn sein Vater arbeiten musste. Über ihnen flatterte eine Fledermaus, und er wünschte sich, ebenso frei zu sein. Auf einmal war sein Vater stehen geblieben und hatte seine Mutter so fest am Arm gepackt, dass sie aufschrie. „Glaub‘ nicht, dass ich nicht weiß, dass du hinter meinem Rücken mit meinem Bruder ‚rummachst“, hatte er sie angezischt…

Er wälzte sich im Bett unruhig hin und her. Er hatte mittlerweile selber Familie und konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass er sich eines Tages in der gleichen Situation wiederfinden würde wie sein Vater damals.

Der nächste Schritt |abc-Etüden

Der nächste Schritt |abc-Etüden

Es gibt wieder eine neue Schreibeinladung von Christiane, die Ideen sind diesmal von Werner Kastens, das Bild ist von Ludwig Zeidler.

Vor ihm lag ein unscheinbares Blatt Papier und wartete geduldig darauf, unterschrieben zu werden. Es ging um die Zensur der Sprache, was manche Angehörige der Oppositionsparteien „Einführung der Sprachpolizei “ nannten. Es würde zukünftig ein Vergehen sein, die rechten Regierungsparteien ausländerfeindlich, populistisch, rechtsextrem oder ähnliches zu nennen. In den Augen der Regierungsparteien war dieser Wortschatz verroht und gehörte verboten. „Vor zehn Jahren wäre das nicht möglich gewesen“, dachte er. Aber jetzt war es 2030, und alles hatte sich geändert.

„Herr Bundespräsident?“ Sein Sekretär wurde unruhig, weil noch sehr viel an diesem Tag zu erledigen war.

Er unterschrieb, wohl wissend, dass das nicht das letzte Gesetz dieser Art war, dass er würde absegnen müssen.

Der Freundin neue Kleider |abc-Etüden

Der Freundin neue Kleider |abc-Etüden

Es gibt wieder eine neue Schreibeinladung von Christiane, die Ideen sind diesmal von Wortgeflumselkritzelkram, das Bild ist von Ludwig Zeidler.

Sie liebte ihre beste Freundin wirklich sehr. Wahrscheinlich fand man eher ein Drachenei als so eine gute Freundin. Aber sie hatten sich gefunden, und sie waren beide dem Schicksal unendlich dankbar dafür. Auch wenn es manchmal zwischen ihnen heftig knallen konnte. Was hatten sie nicht alles schon zusammen erlebt: Arbeitsplatzwechsel, Hochzeiten, Kinder, Krankheiten, den Tod lieber Verwandten. Während dieser ganzen Zeit war eines immer gleich geblieben: Petras etwas altbackene Kleidung. „Jetzt gehen wir erst einmal schön einkaufen!“, sagte sie und schob Petra vor sich her in die kleine, modische Boutique.

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