Ein ruhiger Samstag

Ein ruhiger Samstag

Am Wochenende finden keine Therapien statt, und die meisten Patienten verlassen die Station, um nach Hause zu fahren. Ich verabredete mich also für den Nachmittag mit meinen Eltern, die in der Nähe wohnen, zum Kaffeetrinken.

Meine Mutter hat eine köstliche Torta Della Nonna gebacken, und sie war wunderbar.

Noch wichtiger war aber, dass ich ein Thema ansprach, was mich schon lange quält: Dass ich mich wie ein Versager fühle, weil ich sie nicht zu Großeltern gemacht habe. Meine Eltern wären sicher wundervolle Großeltern geworden.

Meine Mutter sagte zu mir: „Ich sage dir aus tiefstem Herzen, dass alles gut ist, wie es ist.“

Und sie meinte es auch so. Es hat mich so erleichtert, das zu hören. Keine Ahnung, warum ich das nicht schon lange vorher angesprochen habe, die Antwort wäre die gleiche gewesen.

Mein Herz ist jetzt ein Stück leichter.

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Wenn Eltern alt werden, Teil 2

Wenn Eltern alt werden, Teil 2

Mein Vater wird Ende August 72 Jahre alt, und er hält sich sicherlich noch sehr gut, aber allmählich bemerke ich auch bei ihm, dass das Alter sich bemerkbar macht. Er wiederholt sich manchmal, er will nicht mehr alles im Detail wissen, er erzählt mir von seinen Beerdigungsplänen.

Das tut weh. Noch mehr weh tut mir, dass ich auf Grund meiner Einschränkungen meinen Eltern nicht so helfen kann, wie ich gerne würde. Wir haben darüber gesprochen, alles ist geregelt und es existieren diesbezüglich auch keine bösen Gefühle zwischen uns.

Meine Aufgabe wird dann wohl eher sein, meinen Eltern bei Geldangelegenheiten zu helfen. Steuererklärung mache ich ja schon, vielleicht später auch Bankgeschäfte und Versicherungsangelegenheiten. Da haben meine Eltern großes Vertrauen in mich, und es ist etwas, was ich kann. 

Insofern kann ich wahrscheinlich doch helfen. Das ist mir wirklich eine Herzensangelegenheit.

Wenn die Eltern alt werden

Wenn die Eltern alt werden

Mein Vater und ich haben uns heute zum Kaffeetrinken verabredet. Er ist momentan ja Strohwitwer, weil meine Mutter in Reha ist. Als ich ihn bei unserem letzten Treffen vor der Reha gefragt habe, was er denn so vorhat in diesen fünf Wochen ohne meine Mutter, sagte er, dass er nichts geplant hat.

Das ist bei mir hängen geblieben, denn sonst hat sich das immer anders angehört. Eher nach dem Motto „Treffen mit X, Philharmonie am Y, Besuch bei Z.“

Mein Vater ist ein sehr positiver und zufriedener Mensch, gesund und geistig unheimlich rege. Er ist gerne unter Menschen und hat seinen Beruf als Lehrer geliebt. Er ist sich bewusst, dass er ein gutes Leben hat. Er ist glücklich über seine lange glückliche Ehe und ist froh, dass wir zwei uns nach holprigen ersten zwanzig Jahren zusammengerauft haben und uns jetzt prima verstehen. Er würde sich nie beschweren, aber manchmal müssen meine Mutter und ich sehr zwischen den Zeilen lesen.

Irgendwann habe ich es dann begriffen. Mein Vater wird im August 72 Jahre alt. In den vergangenen Jahren hat er viele Freunde und Bekannte auf ihrem letzten Weg begleitet. Manche Freunde sind mittlerweile auch krank und eingeschränkt in ihren Möglichkeiten. Ich übersehe oft, will es wahrscheinlich auch übersehen, wie alt er mittlerweile geworden ist. Ein Leben ohne meine Eltern ist für mich trotz aller schweren Zeiten unvorstellbar – ich kenne es ja nicht anders.

Ich kann leider auch nicht immer so, wie ich möchte. Wir sind uns alle darüber im Klaren, dass ich meine Eltern nicht werde pflegen können, und wir haben darüber auch ganz offen gesprochen. Trotzdem wollte ich meinem Vater heute gerne etwas Gutes tun, und so habe ich ihm heute etwas Suppe mitgebracht. Kochen ist nicht so seine Stärke (dass er einmal Pellkartoffeln ohne Wasser kochen wollte, werden meine Mutter und ich ihm wohl ewig unter die Nase reiben). Er war erfreut, fragte sich aber, wie er die Suppe heil nach Hause bekommt, aber dafür gibt es Plastikbehälter mit Schraubverschluss. Und das nächste Treffen vereinbaren wir dann bei unserem wöchentlichen Telefonat am Sonntag, da geht es dann um die Steuererklärung und um ein paar Feinheiten im Umgang mit dem neuen Laptop. Zu diesem Treffen werde ich dann einen Auflauf mitbringen, ganz unauffällig.

An Tagen wie heute werden mir meine engen Grenzen wieder einmal bewusst. Wäre ich belastbarer, hätte ich noch ein Auto, könnte ich häufiger bei meinem Vater vorbei schauen. Ich versuche mich damit zu trösten, dass ich meinen Eltern trotzdem noch auf die eine oder andere Art helfen kann. Und sei es nur mit Kochen oder technischer Hilfe. Ich weiß, dass meine Eltern dankbar für alles sind was ich für sie tue, wir uns wirklich gut verstehen, und dass sie mir nichts vorwerfen. Das ist viel wert. Aber ich wäre gerne wieder mein früheres, stärkeres, verlässliches Ich.

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Wenn die eigene Mutter ihren Weg neu finden muss

Wenn die eigene Mutter ihren Weg neu finden muss

Meine Mutter war noch keine siebzehn Jahre alt, als ich geboren wurde. Durch diesen geringen Altersunterschied hatten wir nie das klassische Mutter-Tochter-Verhältnis. Wir sind ziemlich verschieden, vor allem in einem Punkt sind wir völlig verschiedener Meinung. Sie war und ist immer noch davon überzeugt, dass die Welt ein Ort ist, in dem das Gute überwiegt. Ich war schon als Kind eher zurückhaltend und beobachtend. Von klein auf hatte ich oft das Gefühl, dass ich meine Mutter beschützen muss, und nicht umgekehrt.

Meine Mutter ist eine starke Frau. Sie kämpft wie eine Löwin, wenn jemand ihre Hilfe braucht: ich, ihre Schwiegermutter, ihre eigene Mutter. Nicht zu vergessen die vielen Menschen, denen sie während ihrer rund zwanzig Jahre dauernden Tätigkeit als Sozialpädagogin geholfen hat.

Meine Mutter musste sich lange keine Gedanken um ihre Gesundheit machen. Im Jahr 2016 hatte sie einen leichten Schlaganfall. Sie hatte Glück, fast alle Beschwerden haben sich wieder zurückgebildet – geblieben sind Missempfindungen auf der linken Körperseite, die sich vor allem bei Stress verstärken. Einen Grund für diesen Zwischenfall konnten die Ärzte nicht finden. 2017 hatte sie eine OP an der Speiseröhre, weil das Essen nicht mehr richtig in den Magen weiter rutschte. Die Schluckbeschwerden konnten dadurch nicht vollständig beseitigt worden. Sie musste ihre Ernährung umstellen, Sodbrennen und Speiseröhrenkrebs lauern seitdem immer im Hintergrund.

Meine Mutter versuchte nach diesen beiden Schicksalsschlägen, ihr Leben ganz normal weiterzuleben. Die Angst vor einem erneuten Schlaganfall, die Empfindungsstörungen und die weiter andauernden Einschränkungen beim Essen blieben. Die Erinnerung an beide Ereignisse wird durch die tägliche Einnahme von Medikamenten wach gehalten. Die berufliche Belastbarkeit nahm ab, viele kleine Erkrankungen wie Erkältungen begannen sich über Wochen hinzuziehen. Arbeitgeber und Kollegen reagierten mit Unverständnis und erzeugten weiteren Druck.

Meine Mutter hat das Glück, in finanziell gesicherten Verhältnissen zu leben. Sie könnte einfach in Rente gehen und das alles hinter sich lassen. Aber auch wenn sie sich dauernd über ihre Arbeit beklagt, kann sie sich dazu nicht durchringen. Nächste Woche wird sie erst einmal fünf Wochen in Reha gehen. Wenn wir sie fragen, was sie einem ihrer Patienten in vergleichbarer Lage raten würde, ist der Fall klar: Nach der Reha nicht mehr in den Beruf zurückkehren und die Altersrente beantragen. Sich selber gesteht sie das nicht zu, sie hat das Gefühl, zu scheitern und zu versagen. Ich kenne dieses Gefühl sehr gut und schäme mich manchmal heute noch, dem Arbeitsleben nicht mehr gewachsen zu sein.

Meine Mutter hat natürlich das Recht, ihre Entscheidung frei zu treffen. Gestern Abend waren wir noch einmal griechisch essen vor ihrer Abfahrt, und wieder wurde deutlich, wie unentschlossen sie ist. Ich hätte sie gerne geschüttelt. Sie muss sich jetzt endlich selber helfen!

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