Neues von Sam

Neues von Sam

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Es ist einige Zeit her, dass ich von Sam berichtet habe. Das liegt daran, dass Fortschritte bei ihm viel Zeit brauchen. Aber sie passieren, und das ist die Hauptsache.

Lange war es eine echte Herausforderung, mit Sam in einer Gruppe anderer Hunde mitzugehen. Ohne Maulkorb ging nichts, und er reagierte nahezu panisch, wenn andere Hunde ihm nahe kamen, oder – noch schlimmer – Kontakt zu ihm aufnehmen wollten: Dann wurde gejault, geknurrt oder gebissen.

Sonntags veranstaltet das Tierheim einen Spaziergang. Mein Mann nimmt mit Sam und Janet daran teil. Janet ist sehr sicher mit anderen Hunden, sie ist kein dominanter Hund, aber sie ist immer freundlich und eindeutig in dem, was sie will oder nicht will. Deshalb ist sie die ideale Lehrerin für Sam, der seine erste Zeit ohne Hundekontakte in einer Tötungsstation verbrachte.

Jedenfalls sind beim Spaziergang sonntags meistens die gleichen Hunde und Menschen dabei, und Sam verstand irgendwann, dass ihm keiner etwas tut. Er wurde ruhiger, und wir konnten den Maulkorb weglassen. Neulich beschlossen alle Hundehalter, die Hunde zusammen auf einer Wiese frei laufen zu lassen. Und oh Wunder: Sam verhielt sich, als ob er nie etwas anderes getan hätte. Er forderte andere Hunde formvollendet zum Spielen auf und tobte herum. Ein Hund aus der Gruppe fixiert ihn schon mal, das ignorierte er.

Wir hätten uns kein besseres Ergebnis wünschen können.

Es gibt noch genug Baustellen mit ihm, um so schöner, wenn es Fortschritte gibt, und das ist ein großer!

Und wenn er mich so anschaut wie auf dem Foto oben bin ich sicher, dass wir noch mehr erreichen werden mit ihm.

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Wenn Hunde gelb tragen

Wenn Hunde gelb tragen

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Das ist Sams gelbe Schleife, nicht besonders sauber, aber häufig gebraucht 🙂 Wenn ein Hund eine gelbe Schleife, ein gelbes Halstuch oder ähnliches trägt, ist ein Zeichen, dass dieser Hund Freiraum braucht. Dieser Hund kann sich in der Ausbildung befinden, so dass jede Ablenkung stören würde. Dieser Hund kann alt sein und schnell mit allem überfordert. Dieser Hund kann sich gerade von einer Krankheit oder Operation erholen und einfach keine Lust auf Spielen haben. Es kann viele Gründe für Hundehalter geben darum zu bitten, Abstand zu ihrem Hund zu halten. Mehr Informationen darüber gibt es hier: Yellowdogs in Deutschland .

In Sams Fall wollen wir auf der sicheren Seite sein, weil sein Verhalten sehr stark schwanken kann. An einem Tag sind ihm andere Menschen, Hunde, Jogger und Radfahrer egal, an anderen kann er das alles nicht ertragen, bellt alle an und will alle verjagen. Auch wenn wir sehr vorsichtig und aufmerksam sind, mehr Freiraum ermöglicht uns, die Situation ruhiger zu handhaben.  

Meiner Meinung nach ist es eine gute Sache, einen möglicherweise problematischen Hund von weitem zu erkennen. Fußgänger wissen dann von vornherein, dass es keine gute Idee ist, diesen Hund zu streicheln. Andere Hundehalter haben genug Zeit, ihre eigenen Hunde zu sich zu holen und anzuleinen. Macht das Leben für alle Beteiligten einfacher, würde ich sagen.

Also, wenn ein Hund gelb trägt, kann das mehr als eine fixe Idee des Halters und ein Zeichen sein, diesen Hund besser einfach in Ruhe zu lassen.

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Harte Zeiten für Sam (und für uns)

Harte Zeiten für Sam (und für uns)

Manche Tiere aus dem Tierschutz gewöhnen sich schnell an ihr neues Leben in Sicherheit, andere tragen noch länger an ihrer schweren Vergangenheit. Während Janet zur ersten Gruppe gehört und nur noch ganz selten aus der Ruhe zu bringen ist, ist Sam immer noch sehr stressanfällig. Wenn er sich in einer Situation unwohl fühlt, reagiert er darauf, ohne auf Zeichen seiner Menschen zu achten. Vor allem wird er extrem hektisch, wenn sich jemand unserem Haus nähert, oder etwas auf der Straße geschieht. Wir wohnen in einer Sackgasse, also ziemlich ruhig. Trotzdem wird natürlich auch hier morgens die Zeitung geliefert, der Postbote kommt und wirft Briefe ein, der Müll wird abgeholt, Menschen gehen am Haus vorbei, und so weiter. Wenn wir nicht eingreifen, läuft Sam zum nächsten Fenster oder zur Haustüre und bellt, bis es wieder ruhig wird. Dieses territoriale Verhalten hat dazu geführt, dass er nach einer Vermittlung wieder ins Tierheim zurück gebracht wurde, und es ist in der Tat sehr anstrengend.

Für uns war sehr wichtig, die Wurzel dieses Übels zu erkennen. Es handelt sich hierbei nicht um Ungehorsam, wie es auf den ersten Blick aussehen könnte. Es ist die blanke Angst, die ihn so reagieren lässt. Das bedeutet auch, dass wir ihn in diesen Situationen nicht bestrafen dürfen, das steigert auf lange Sicht seine Angst nur noch weiter. Es werden auch rassetypische Eigenschaften dazu kommen, Sam ist definitiv ein Hütehundmix (die Tierheimleitung tippt auf belgischen Schäferhund, Malinois). Leider ist Angst schwerer zu therapieren als Ungehorsam, und wahrscheinlich wird davon auch immer ein Rest bleiben.

Am Anfang haben wir es mit einem Halsband versucht, das Pheremone abgibt, allerdings ohne sichtbaren Erfolg. Allerdings können wir mit unserem Verhalten schon Veränderungen in seinem Verhalten bewirken.

  • Wir müssen schnell reagieren, damit Sam sich nicht in seine Angst hineinsteigert.
  • Mit einem energischen „Nein!“ und Versperren des Zugangs zu Fenster oder Türe zeigen, dass der Mensch die Situation regelt, und dass sein Verhalten unerwünscht ist.
  • Befehl zum Absitzen oder Hinlegen geben und durchsetzen.
  • Wenn er ruhig sitzt oder liegt, loben.
  • Bei ihm bleiben, bis die Situation vorbei ist.
  • Nochmals loben.
  • Wieder zum Alltag übergehen.

Aus Erfahrung wissen wir, dass so schnell wieder Ruhe einkehrt. Allerdings müssen wir das auch jedes Mal konsequent durchziehen, und das ist nicht immer machbar. Wenn ich alleine zu Hause bin und zum Beispiel an die Haustüre gehen muss, um ein Paket anzunehmen, kann ich nicht gleichzeitig Sams Verhalten korrigieren. Das gleiche gilt für die Zeiten, in denen die Hunde alleine sind (wir haben eine Kamera installiert und wissen daher, dass er auch dann mit Bellen und zur Türe/zum Fenster laufen reagiert).

Seit der letzten Woche werden auf zwei Häusern der gegenüberliegenden Straßenseite die Dächer neu gedeckt. Das bedeutet Dauerstress für Sam, und somit auch Dauerbereitschaft für mich. Mittlerweile ist er etwas ruhiger geworden und lässt sich auch manchmal mit seinem geliebten Tennisball ablenken. Aber von locker und entspannt sind wir mit ihm noch weit entfernt. Das hindert uns nicht daran, unseren „kleinen Mann“zu lieben. Wer kann diesem Hundblick schon widerstehen?!

Ein Weihnachten zum Vergessen

Ein Weihnachten zum Vergessen

Dieses Jahr war Weihnachten so weit von besinnlich entfernt wie lange nicht mehr. Heiligabend hatten wir Besuch von meinen Eltern. Sam war zuerst unruhig und hat gebellt, aber das kennen wir von ihm. Erfahrungsgemäß beruhigt er sich nach einigen Minuten wieder, und so schien es auch diesmal wieder zu sein. 

Als wir dachten, alles ist in Ordnung, sprang er aus heiterem Himmel meine Mutter an, die aufgestanden war und hinter mir her zur Küche ging. Auch 23 Kilo können jemand aus dem Gleichgewicht bringen, der nicht damit rechnet. Sie stolperte gegen den Türrahmen und schlug sich den Ellbogen auf. Gestern habe ich erfahren, dass meine Mutter heute deswegen zum Arzt gehen will, und sie ist niemand, der das wegen jeder Kleinigkeit tut. 

In mir ist damit ein Fass übergelaufen, das sich seit Sams Ankunft mit jedem Zwischenfall langsam gefüllt hat. Jedes Mal, wenn ich ihn in ein anderes Zimmer sperren muss, weil er sonst auf Postboten, Nachbarn, Freunde oder Verwandte los gegangen wäre – ein Tropfen. Jedes Mal, wenn er beim Spazierengehen hektisch an der Leine zieht, sodass an Entspannung nicht zu denken ist und ich mit dem Rollator kaum folgen kann – ein Tropfen. Jedes Mal einen wild bellenden Sam vom Fenster wegholen, wenn ein Auto oder ein Mensch am Haus vorbei geht – ein Tropfen. Jedes Mal Radfahrer oder Jogger attackieren – ein Tropfen. Mir ist egal, dass Sam bei uns sanft, verspielt und verkuschelt ist. Mir ist egal, dass mein Mann den Vorfall auf seine Kappe nimmt und sagt, dass es seine Schuld ist und er nicht aufgepasst hat. Mir ist egal, dass immer gesagt wird, wir wären Sams letzte Chance. So etwas darf nicht passieren und ich bin total entmutigt und ratlos, was weiter werden soll.

Am ersten Weihnachtstag sind wir zur Schwester meines Mannes gefahren, die ein gutes Stück entfernt lebt. Uns wurde als Weihnachtsgeschenk präsentiert, dass sie schwanger ist. Rumms. Wir sind ungewollt kinderlos, das hat alle alten Wunden wieder aufgerissen. Schneller Ruckzug unmöglich, wegen des langen Weges war eine Übernachtung dort vorgesehen. Ich war die ganze Zeit wegen Sam und den Ereignissen vom Vortag zusätzlich angespannt und hatte Angst, dass etwas Ähnliches noch einmal passieren könnte. Das Gästebett war eine Zumutung für uns beide und unglaublich hart. Morgens um halb sechs wollten wir dann still und heimlich nach Hause fahren. Das Auto hatte andere Pläne und sprang nicht an, leere Batterie. Also alle wach geklingelt und wieder zurück ins Haus. Für mich war die Nacht gelaufen, mein Mann fand noch ein paar Stunden Schlaf. Um neun hat mein Schwager uns dann Starthilfe gegeben und wir fuhren endlich wieder nach Hause.

Ab heute herrscht bei uns bis Silvester beruhigender Alltag, auch weil mein Mann arbeiten geht. Ich muss jetzt erst mal wieder mein Nervenkostüm in den Griff bekommen.