Versuch macht kluch…

Versuch macht kluch…

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… war der Kommentar meines Mannes zu seiner Geburtstagsfeier.

Ich hätte es dann eher Desaster genannt. Meine Schwägerin kam in das Wohnzimmer, auf dem Arm ihre sechs Monate alte Tochter, und in mir brach alles zusammen. Ich winkte in die Runde, sagte, dass ich oben bin und floh – in die Arme meiner zweifelhaften Freundin namens Rasierklinge. Danach schluckte ich mein Bedarfsmedikament und legte mich ins Bett.

Später kam meine Mutter hinterher und schlug vor, einen Spaziergang zu machen. Also zog ich mich wieder um und wir gingen eine Viertelstunde durch die verregnete Nacht und redeten. Danach fühlte ich mich etwas ruhiger. Dann ging meine Mutter zurück zur Feier und ich wieder ins Bett.

Am Sonntag fühlte ich mich miserabel und kam nicht aus dem Bett.

Gestern war es zumindest etwas besser. Aber mir wurde klar, dass ich Ruhe brauche. Also sagte ich die Ergotherapietermine für diese Woche ab. Ich möchte einfach meinen Gedanken nachhängen können und zur Ruhe kommen.

Heute ging es dann wieder ein Stück aufwärts. Ich schminkte mich immerhin ein bisschen, ging einkaufen und ruhte mich bei Kaffee und Kuchen aus, bevor ich nach Hause zurück fuhr.

Außerdem habe ich gestern wie jeden Montag mit meiner üblichen Putztour durch das Haus begonnen. Mit jedem Zimmer, das ich putze, gewinne ich wieder ein Stück Sicherheit zurück.

Und um auf den etwas locker dahin gesagten Kommentar meines Mannes zurück zu kommen: Immerhin weiß ich jetzt sicher, dass ich noch nicht bereit bin für Kontakt zu dem Baby. Die Ungewissheit davor war noch viel schlimmer. Wir alle wissen jetzt, woran wir sind. Jedem ist klar, dass ich noch Zeit brauche. Diese Klarheit empfinde ich trotz allem Schmerz als positiv.

Aber im Moment brauche ich erst einmal Ruhe, um wieder mein Gleichgewicht zu finden. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ich mich wieder besser fühlen werde, aber es ist wichtig, diese Woche erst einmal ruhiger angehen zu lassen. Wünscht mir Glück!

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Müdigkeit und Stress

Müdigkeit und Stress

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Am Samstag werden wir also volles Haus haben und den Geburtstag meines Mannes mit der Familie (inklusive Baby) feiern. Ich hatte gehofft, meine Anspannung würde wieder sinken. Das ist aber leider nicht der Fall.

Bei dem letzten Quartalsgespräch mit meiner Psychiaterin haben wir uns darauf geeinigt, ein neues Medikament (antipsychotisch, macht nicht abhängig) auszuprobieren, das mich im Bedarfsfall beruhigen soll. Im Moment geht es nicht ohne. Was die beste Dosierung ist, versuche ich gerade herauszufinden. Wenn ich nichts mehr fühle, aber auch nicht mehr aus dem Bett komme, ist auch nichts gewonnen.

Wenn es nach mir ginge, wäre morgen schon Sonntag, aber so funktioniert das Leben nicht. Außerdem sehe ich die Gefahr, dass ich nach der Anspannung der letzten Tage nach der Feier in ein Loch fallen könnte. 

Im Moment versuche ich, einfach weiter zu machen, aber es ist schwierig.

Zwickmühle

Zwickmühle

Die Geburtstagsfeier meines Mannes hat viele widersprüchliche Gefühle in mir hoch kommen lassen. Vor allem geht es natürlich um die Begegnung mit dem Baby.

Ich habe dieses Thema mehrfach mit verschiedenen Menschen besprochen. Der Tenor war: Was passieren wird, lässt sich nicht vorhersagen, und es ist meine Entscheidung. Auf mein Gefühl kann ich mich dabei leider nicht verlassen: Meine Angststörung hat mir schon oft Streiche gespielt, und Situationen können in meiner Vorstellung durchaus schlimmer sein als in Wirklichkeit. Meine Depressionen flüstern mir zu, dass sowieso alles schief geht. Und meine Borderline Persönlichkeitsstörung lacht höhnisch und sagt, dass ich nur ein kleines Stück Scheiße bin. Ein weiterer Teil von mir hat diese Negativität satt und will nicht glauben, dass alles so hoffnungslos ist.

Meine Idee war zunächst, dass ich die Feier vorbereite, danach in einem Hotel übernachte und wieder nach Hause komme, wenn alles vorbei ist. Das allerdings ist nicht, was mein Mann vorhat: Er möchte nicht ohne mich feiern. Wenn ich nicht dabei bin, feiert er lieber gar nicht. Und das fände ich furchtbar – er konnte schon letztes Jahr seinen Geburtstag nicht mit seinen Lieben verbringen, weil es mir so schlecht ging. Und ich weiß, wie sehr er diese Familienfeiern liebt. Schlimm genug, dass ich ihn fast nie begleiten kann.

Also muss eine andere Lösung her. Mein Mann fragte, ob es mir nicht reicht, wenn ich mich nach oben zurück ziehe. Ihm ist es lieber, in so einer schwierigen Situation in meiner Nähe zu sein. Ich sagte: Ja, aber dann muss aber auch klar sein, dass ich dort in Ruhe gelassen werde.

„Deine Mutter wird schon nach dir sehen wollen“, sagte er.

„Das ist etwas anderes!“ sagte ich – meine Eltern und ich haben nun wirklich ziemlich viel Blödes zusammen durch.

„Und ich würde auch nach dir sehen wollen“, fügte er hinzu.

„Das ist auch was anderes!“ entgegnete ich, weil… nun ja, siehe oben.

Eines ist sicher: Ich fühlte mich von meinem Mann verstanden, und wir versuchen, einen Weg für beide zu finden. So soll es ja in einer Ehe auch sein, war es aber bei uns nicht immer, weil ich zu Alleingängen neige. Dass es diesmal anders ist, werte ich als Fortschritt.

Und doch bleibt die Angst, ich könnte mit dieser Situation überfordert sein. Um über diesen Schatten zu springen, brauche ich sehr viel Kraft.

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Krieg im Kopf

Krieg im Kopf

Im Moment hat mein Gehirn Anpassungsschwierigkeiten. Ich kenne das schon von anderen Antidepressiva.

Die Wahrnehmung verändert sich, Dinge erscheinen heller, Licht ist gleißend. Das wird begleitet von einem permanenten Unruhegefühl und Reizbarkeit. Dieser Zustand ist schwer zu beschreiben. Ich bin empfindlich was meine Wahrnehmung angeht, weil meine übrigen Sinne mir das fehlende Hören ersetzen müssen. Deswegen irritiert mich jede Änderung sehr. Positiv ist zu sehen, dass die Angstanfälle weniger werden.

Bleibt zu hoffen, dass wir bald zum nächsten Zustand übergehen und alles besser wird. Ich bemühe mich um Normalität und habe trotzdem meinen samstäglichen Ausflug in die Kreisstadt durchgezogen. Soweit wie möglich einfach weitermachen, das hat mir schon in der Vergangenheit durch schwierige Zeiten geholfen.

Diese kleinen Siege im Kampf gegen den scheinbar übermächtigen Gegner Depression mögen für Außenstehende unbedeutend erscheinen, mir geben sie die Kraft, weiter durchzuhalten.

Eine Woche Milnacipran

Eine Woche Milnacipran

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Seit einer Woche nehme ich jetzt Milnacipran. Zuerst 50 mg morgens, seit zwei Tagen je 50mg morgens und abends.

Wenn es nach mir ginge, würde ich mich jetzt wunderbar fühlen, aber dem ist nicht so. Ich weiß ja auch, dass es für ein abschließendes Urteil noch zu früh ist, aber im Moment bin ich einfach nur hochgradig genervt und angespannt. Ich habe sehr mit Nebenwirkungen zu kämpfen, insbesondere Schwindel (der natürlich sofort Freundschaft mit meiner Gangunsicherheit geschlossen hat) und Angstzustände (natürlich die hinterhältige Variante, die mich aus dem Nichts überfällt – obwohl ich meine Anti-Angstmedikation erhöht habe).

Das zieht dann noch einen blöden Rattenschwanz nach sich, Autofahren traue ich mir so nicht zu. Was sich verschieben ließ, habe ich verschoben. Und ich war nicht sehr unglücklich, dass beide Ergotherapietermine diese Woche krankheitsbedingt ausgefallen sind. Es ärgert mich allerdings, dass damit einige Sachen immer noch nicht erledigt sind, wie zum Beispiel die Steuererklärung meiner Eltern.

Im Moment bin ich ziemlich auf mein Sicherheitsnetz angewiesen, was mich zusätzlich wurmt. Auch, wenn alle verständnisvoll reagieren. Zum Glück habe ich morgen früh Psychotherapie und meinen monatlichen Termin bei der Podologin, ein bisschen Ablenkung wird sicher gut tun.

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Quartalsgespräch beim Psychiater

Quartalsgespräch beim Psychiater

Heute (ja, am Rosenmontag im Rheinland!) hatte ich ein Quartalsgespräch bei meinem Psychiater. Dabei wird über den psychischen Zustand gesprochen, zusätzliche Therapien angeordnet oder eben an der Medikation etwas geändert.

Ich bin in der Psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) des zuständigen Krankenhauses in Behandlung. Als Vorteile empfinde ich, dass

  • im Notfall zeitnah eine stationäre Einweisung erfolgen kann,
  • rund um die Uhr ein Arzt erreichbar ist,
  • im Zweifelsfall ein anderer Arzt für eine zweite Meinung hinzugezogen werden kann (das nur während des normalen Tagesbetriebes).

Nachteile sind

  • manchmal lange Wartezeiten trotz Termin, falls viele Notfälle dazwischen kommen,
  • wechselnde Ärzte (befristete Verträge, Assistenzärzte rotieren oft und gehen auf die vollstationären oder tagesklinischen Einheiten).

In der letzten Zeit bin ich extrem antriebsarm, gleichzeitig haben auch die Angstanfälle und selbst verletzendes Verhalten zugenommen. Womit sich wieder einmal bewahrheitet, dass Depressionen und Angst oft zwei Seiten einer Medaille sind. Also haben wir beschlossen, mein morgendliches Antidepressivum auszutauschen und meine Anti-Angstmedikation zu erhöhen. „Wir“ wörtlich zu nehmen, ich hatte jederzeit Mitspracherecht. Gesprächstherapie und Ergotherapie werden fortgeführt.

Und jetzt heißt es wieder: Geduld! Es dauert, bis das Gehirn sich an eine neue Medikation gewöhnt. Das finde ich das Schwierigste, warten, wo ich doch am liebsten die psychischen Schmerzen einfach abschalten würde. Aber so einfach funktioniert das Spiel nicht. Blöde Spielregeln!

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Meine unendliche Angstgeschichte

Meine unendliche Angstgeschichte

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Gestern Abend hat sie mich wieder eiskalt erwischt, meine gute alte Bekannte Angst. Wir lagen im Bett, alles war ruhig, ich war kurz davor einzuschlafen, als auf einmal in meinem Kopf alle Sicherungen durchbrannten. Von 0 auf 200 in nicht mal einer Sekunde, so fühlte es sich an. Herzrasen, in der Lunge ist kein Platz mehr für einen Atemzug, der Gedanke „Das war es jetzt! Ich sterbe!“ trieb mich aus dem Bett. Wohin ich wollte, keine Ahnung, weit kam ich sowieso nicht: Kurz vor der Schlafzimmertüre brach ich, weinend und irgend etwas vor mich hin redend, zusammen. Mittlerweile war auch mein Mann wieder wach geworden, zog mich vom Boden hoch und versuchte mich zu beruhigen. Ich stieß ihn weg, stolperte zum Fenster, registrierte, dass es geschneit haben musste und stolperte planlos durch das dunkle Zimmer. Dann, als hätte jemand einen Stecker gezogen, war alles vorbei, ich bekam wieder Luft und das Herz schlug wieder ruhig und kräftig. Wir legten uns ins Bett und schliefen ein. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei, und wir kennen beide diese Situationen zur Genüge.

Meine Angst kennt viele Gesichter. Mal kommt sie auf einen Blitzbesuch vorbei wie gestern, manchmal bleibt sie für Stunden. Oder sie schickt ihre Schwester Unruhe vorbei, die quartiert sich auch schon mal für ein paar Tage bei mir ein. Wann es passieren wird, weiß ich nicht. Ich weiß mittlerweile nur, dass bestimmte Faktoren wie zum Beispiel Stress die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ich wieder einmal Angst oder Unruhe begegne. Medikamente vergrößern die Abstände zwischen den Anfällen und helfen mir dabei, schneller wieder ruhig zu werden, aber ganz weg sind sie nie.

Die kurzen Angstattacken sind für mich am schlimmsten. Ich ertrinke von einer Sekunde auf die andere ohne Vorwarnung in einem Strudel von Gefühlen. So schnell wirken keine Tabletten, und ich kann nur hoffen, dass es wieder vorbeigeht. Eine Episode, die sich langsam aufbaut, kann ich mit Atemübungen, Reiki oder bewusster Ablenkung beeinflussen. Gegen einen Angriff aus dem Nichts bin ich machtlos.

Das Gefühl, das irgendetwas nicht stimmt und gleich vielleicht etwas Schlimmes passiert, kenne ich von klein auf. Meine erste bewusste Angstattacke erlebte ich dann im Sportunterricht zu Grundschulzeiten. Wir saßen alle auf dem Boden und hörten unserem Sportlehrer zu, als auf einmal alles zu eng wurde… mein Blick fiel auf eines der halb offenen Fenster, „Luft!“ dachte ich, und „Ich muss hier raus!“
Mein Sportlehrer erlaubte mir, vor die Türe zu gehen. Draußen ließ das Gefühl schnell nach, und ich begriff nicht, was da eben geschehen war…

Bis ich fünfzehn wurde, kam es nur ganz vereinzelt zu Angstanfällen. Dann erwischte es mich eines Tages mit voller Wucht, als ich in der Straßenbahn auf dem Weg zu meiner Oma war. Ich bekomme keine Luft, mein Herz bleibt gleich stehen, gleich falle ich tot um. Irgendwie schaffte ich es aus der Bahn, nahm ein Taxi zur Wohnung meiner Oma und ließ mich von dort von meinen Eltern abholen. Die Angst breitete sich nach und nach über mein ganzes Leben aus, bis nichts mehr ging und ich nur noch zu Hause herum saß.

Psychotherapie, stationäre Aufenthalte in der Kinder- und Jugenspsychiatrie und acht Monate Leben in einem heilpädagogischen Kinderheim folgten. Die Angst zog sich wieder zurück, vorerst. Sie ließ gelegentlich von sich hören, aber ich konnte sie meistens ignorieren.

2005 war sie mit voller Wucht wieder zurück. Diesmal war ich im Auto unterwegs. Ich konnte nur noch an den Straßenrand fahren und abwarten, bis es vorbei war. Zum Glück ist weder mir noch jemand anders etwas an diesem Tag passiert. Von diesem Zeitpunkt an wurde Angst zum dauerhaften Begleiter. Keine Therapie, Psychiatrieaufenthalte oder Medikamente halfen dauerhaft. Und sie brachte noch einen Bruder mit, Depression.

Mittlerweile habe ich mir eingestanden, dass Angst immer ein Bestandteil meines Lebens sein wird. Bis zu einem gewissen Grad habe ich gelernt, damit zu leben und nicht dauernd in Angst vor der Angst zu leben. Daran gewöhnen werde ich mich jedoch nie.