Mein inneres Kind

Mein inneres Kind

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Wenn ich besonders ängstlich und angespannt bin, weiß ich, dass mein inneres Kind besonders aktiv ist. Sollte ich mein inneres Kind beschreiben, würde ich sagen, es sieht aus wie auf diesem Bild.

Das Bild wurde kurz vor Ende der Kindergartenzeit gemacht, ich war sechs Jahre alt. An dieses Trägerkleid aus Jeansstoff mit aufgestickten Blumen kann ich mich noch sehr gut erinnern. Der Fotograf wollte, dass ich in die Kamera lache, aber das ging einfach nicht. Kurz vorher hatte ich mein Hörgerät bekommen, und meine Welt stand kopf.

Meine Oma sagte: „Niemand darf das Hörgerät sehen!“ Es war immer hinter den Haaren versteckt, wie auch auf dem Bild. Liebes inneres Kind, vierzig Jahre später wirst du ein im Vergleich zu heute winziges, schickes Im-Ohr-Gerät tragen und einen pflegeleichten Kurzhaarschnitt haben. Und weißt du was: Es wird dir egal sein, ob andere Menschen dein Hörgerät sehen. Du wirst sogar auf dein schlechtes Hören hinweisen, wenn du jemand kennen lernst, um Missverständnissen vorzubeugen. Du wirst dich nicht mehr dafür schämen.

Hinter mir lagen ein traumatischer Krankenhausaufenthalt, bei dem die Nasenpolypen entfernt worden waren, und eine Reihe beängstigender Tests zur Feststellung des Hörverlustes und der Anpassung des Hörgerätes. Liebes inneres Kind, es ist nicht deine Schuld, dass du oft vor Angst geweint hast. Die Erwachsenen um dich herum haben die Sache einfach nicht kindgerecht geregelt. Eines Tages wirst du selber erwachsen sein und für dich selber eintreten können, das wird vieles erträglicher machen.

Viel Neues und Befremdliches musste erst einmal verkraftet werden. Ich mag das Hörgerät nicht, damit ist vieles unangenehm laut. Warum besteht meine Mutter darauf, dass ich es jeden Morgen anziehe? Warum muss ich einmal in der Woche zu einem Mann, der mich summen lässt wie eine Biene und Worte aussprechen und wiederholen lässt? Liebes inneres Kind, du wirst dich an das Hörgerät gewöhnen und auch verstehen, wobei es dir hilft. Du wirst deiner Mutter einmal dankbar dafür sein, dass sie dir jeden Morgen diesen Fremdkörper ins Ohr fummelt. Im Nachhinein wirst du auch dankbar für die Stunden beim Logopäden sein – es wird immer deine freie Entscheidung sein, anderen von deiner Hörbehinderung zu erzählen, deine Aussprache wird dich nicht verraten.

Die Erwachsenen versuchten währenddessen, ihre Sorgen über meine Zukunft und die Gespräche darüber vor mir geheim zu halten. Was natürlich nicht funktionierte, ich spürte genau, dass irgend etwas in der Luft lag. Und dass es dabei um mich ging. Liebes inneres Kind, deine Eltern und deine Oma wissen selber nicht, wie sie dir am besten helfen sollen – mit Hörbehinderungen kennen sie sich nicht aus. Sie werden auch Fehler machen, trotz aller Bemühungen. Deinen eigenen Weg zu finden, das werden sie dir nicht abnehmen können.

Mir war klar, dass ich anders war als die anderen Kinder. Ich wollte nicht anders sein, ich wollte einfach nur dazu gehören. Liebes inneres Kind, dass du anders bist, lässt sich leider nicht ändern. Dein Anderssein wird dir Türen verschließen und andere öffnen. Der Schmerz darüber wird immer wieder hoch kommen, und es wird immer Menschen geben, die dafür sorgen, dass du diesen Schmerz nie vergessen kannst. Aber es wird auch andere Menschen geben, die dir das Leben leichter machen wollen.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt viel Angst und machte viele Rückschritte. Nachts wollte ich wieder bei meinen Eltern schlafen. Meine Mutter musste immer in Sichtweite sein. Ich hatte Angst vor anderen Menschen und weigerte mich, Fremden auch nur guten Tag zu sagen. Liebes inneres Kind, leider gibt es mich noch nicht. Niemand wird deine Interessen so gut vertreten wie ich. Bis dahin wird allerdings noch einige Zeit verstreichen. Aber jetzt bin ich da, und du kannst jederzeit alles bei mir loswerden, was dich belastet. Ich bin dein zukünftiges Ich, es gäbe mich nicht ohne dich. Und ich möchte dir sagen

  • es ist in Ordnung, sich schlecht und ängstlich zu fühlen. Jeder Mensch kennt das, du bist damit nicht alleine.
  • auch Erwachsene wissen manchmal nicht weiter, und ich muss das wissen, schließlich bin ich erwachsen.
  • DU HAST DEINE SACHE SEHR GUT GEMACHT! Wofür du so hart gearbeitet hast, hat mir so vieles erleichtert.

Und wenn du Angst hast, du dich überfordert fühlst und nicht weiter weißt – du kannst alles bei mir loswerden, denn ich kenne deine Geschichte wie niemand sonst. Wie alle Erwachsenen weiß ich auch nicht immer eine Lösung, aber wir zwei sind ein eingespieltes Team und können vieles zusammen schaffen.

Deine

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Stimmungstief

Stimmungstief

Diese Tage, an denen ich am liebsten einfach nur im nächsten Mauseloch verschwinden würde…

Meinem Mann geht es wieder besser, das ist gut. Aber ich weiß nicht, wohin mit mir.

Seit drei Wochen nehme ich nun Milnacipran. Die Nebenwirkungen sind abgeklungen, von einer Verbesserung der Stimmungslage nach wie vor keine Spur. Ich weiß, dass man einem neuen Antidepressivum sechs Wochen Zeit geben soll. Aber ich habe auch meine Erfahrungswerte, und die besagen, wenn sich in den ersten Wochen überhaupt keine Besserung zeigt, wird auch keine mehr folgen.

Ich bin verzweifelt. Wunder habe ich nicht erwartet, so gut kenne ich mich aus. Aber so ein bisschen mehr Antrieb und Lebensfreude, ein Funke, aus dem ich ein Feuer hätte machen können, das hätte ich gebraucht.

Die Versuchung, mit Ritzen dem Frust zumindest für eine kurze Zeit zu entkommen, ist sehr groß. Momentan wird das alles noch abgefedert, weil mein Mann zu Hause ist. Aber das wird nicht immer der Fall sein.

An Tagen wie heute scheinen gute Zeiten unerreichbar weit weg zu sein. Hoffnungslosigkeit lässt mich festfrieren, bis ich mich nicht mehr bewegen kann.

Das Wetter hilft kein bisschen. Kalt und regnerisch war es, mir ist jetzt noch kalt.

Passt ins Bild, dass mein Hörgerät spinnt, es muss eingeschickt werden. Zum Glück habe ich ein Ersatzgerät.

Morgen früh geht es zur Gesprächstherapie, vielleicht hilft das.

Fehlersuche

Fehlersuche

Da habe ich heute freudig mein Hörgerät angezogen und festgestellt, dass es doch nicht so gut mit dem Hören klappt wie erhofft… Natürlich muss das am Wochenende sein, wenn Arzt und Hörgeräteakustiker nicht zu erreichen sind *abgrundtiefer Seufzer*.

Nächste Woche muss ich dann mal genauer auf Fehlersuche gehen:

1.) Beim Hörgeräteakustiker prüfen lassen, ob
a) das Hörgerät richtig funktioniert,
b) Ohrschmalz das Gerät verstopft,
c) das Ohrstück richtig sitzt (auch bei Erwachsenen verändert sich das Ohr noch).

Wenn da alles in Ordnung ist, muss ich noch mal zum
2.) HNO-Arzt und feststellen lassen ob
a) die Entzündung richtig ausgeheilt ist, oder
b) sich die Schwerhörigkeit weiter verschlechtert hat. So ein Audiogramm dauert nur eine Viertelstunde und kann im Vergleich mit Audiogrammen aus der Vergangenheit eventuelle Veränderungen im Hörvermögen deutlich aufzeigen.

Soweit, so gut. Ich bin nur sehr gefrustet, weil ich davon ausgegangen bin, alles wäre heute wieder wie vorher…