Therapieoptionen

Therapieoptionen

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Die letzten, sehr düsteren Wochen haben mich dazu gebracht, über weitere Therapieoptionen nachzudenken. Einfach abwarten bis es besser wird mag oft ausreichen, aber wenn die Seele nicht aufhört weh zu tun, müssen Alternativen her.

Zur Zeit habe ich alle zwei Wochen Gesprächstherapie (Verhaltenstherapie). Dazu kommen zwei Mal in der Woche Ergotherapie, Einzel und Gruppe. Nicht zu vergessen drei Psychopharmaka standardmäßig jeden Tag, und eines bei Bedarf. Trotzdem erreiche ich keinen Zustand, in dem ich sagen kann: So macht das Leben Spaß. Die Regel sind Überforderung, Rückzug und vor allem Selbsthass. Auch mein Körper zeigt mir, wie es um mich steht: Die Schmerzen im Rücken nerven mehr, und die Gangunsicherheit nimmt zu – gestern Abend und heute Vormittag bin ich gestürzt.

Meine Gesprächstherapie wird demnächst auslaufen, wir haben die Anzahl Stunden, die die Krankenkasse übernimmt, ausgeschöpft. Begonnen haben wir im Herbst 2015, und ich kann sagen, dass es keine verschwendete Stunde gab. Wenn ich mich jetzt immer noch schlecht fühle, liegt es nicht an der schlechten Qualität der Therapie, sondern an der Anzahl von Problemen, die ich mitbringe. Und vielleicht hat meine Schmerzärztin recht, sie geht davon aus, dass da noch etwas ist, was ich mich noch nicht anzupacken getraut habe.

Was kann ich also tun?

Das örtliche Krankenhaus bietet stationäre und teilstationäre (Tagesklinik) Therapien an. Mein letzter stationärer Aufenthalt war im Oktober letzten Jahres, und irgendwie konnte ich das Gelernte nicht mitnehmen. Kaum wieder zu Hause, fiel ich wieder in das nächste Loch. Die Tagesklinik habe ich noch nicht ausprobiert. Als deren größten Vorteil würde ich sehen, dass ich abends und nachts Zuhause verbringen kann. Der Nachteil: Vermehrte Belastung durch Therapien von morgens bis nachmittags und Hausarbeit am Abend.

Ein weiterer stationärer Aufenthalt würde wieder eine schmerzliche Trennung von meinem Rudel mit sich bringen. Die Erfolgsaussichten schätze ich nach dem letzten Fiasko eher als gering sein – es ist, als ob meine psychischen Erkrankungen gegen das Behandlungskonzept in diesem Krankenhaus immun geworden sind und uns allen hämisch ins Gesicht lachen.

Favorit meiner Schmerzärztin ist der stationäre Aufenthalt in einer Klinik, die sich auf psychosomatische Probleme spezialisiert hat. Das wäre in Köln, zu weit für eine Behandlung in der Tagesklinik, aber Besuche zuhause am Wochenende bei einer stationären Therapie wären möglich. Als Nachteil sehe ich vor allem (neben der Trennung von meinem Rudel) die lange Behandlungsdauer – mir wurden acht bis zwölf Wochen genannt. Und eine Erfolgsgarantie gibt es natürlich nie.

Generell stelle ich mir die Frage, woher ich die Kraft für eine (teil)stationäre Therapie nehmen soll. Ich kenne mich ja nun ein bisschen aus, und ich weiß, dass so etwas sehr intensiv ist und viel aktive Mitarbeit verlangt.

Und da ist dann noch diese Stimme, die mir sagt: „Es ist zu spät, dir ist sowieso nicht mehr zu helfen!“ Alle sagen, diese Stimme hat unrecht, aber sie kann verdammt überzeugend sein.

Manchmal ist es einfach doof, in meiner Haut zu stecken. Ein Teil von mir ist erwachsen und rät mir, eine Entscheidung zu treffen (es gibt ja auch überall Wartezeiten) und dann das Beste aus den Therapien herauszuholen. Der andere Teil sitzt zusammengekauert in der Ecke, hält sich bei geschlossenen Augen die Ohren zu und hofft, dass der Sturm einfach nur vorbei zieht.

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Stimmungstief

Stimmungstief

Diese Tage, an denen ich am liebsten einfach nur im nächsten Mauseloch verschwinden würde…

Meinem Mann geht es wieder besser, das ist gut. Aber ich weiß nicht, wohin mit mir.

Seit drei Wochen nehme ich nun Milnacipran. Die Nebenwirkungen sind abgeklungen, von einer Verbesserung der Stimmungslage nach wie vor keine Spur. Ich weiß, dass man einem neuen Antidepressivum sechs Wochen Zeit geben soll. Aber ich habe auch meine Erfahrungswerte, und die besagen, wenn sich in den ersten Wochen überhaupt keine Besserung zeigt, wird auch keine mehr folgen.

Ich bin verzweifelt. Wunder habe ich nicht erwartet, so gut kenne ich mich aus. Aber so ein bisschen mehr Antrieb und Lebensfreude, ein Funke, aus dem ich ein Feuer hätte machen können, das hätte ich gebraucht.

Die Versuchung, mit Ritzen dem Frust zumindest für eine kurze Zeit zu entkommen, ist sehr groß. Momentan wird das alles noch abgefedert, weil mein Mann zu Hause ist. Aber das wird nicht immer der Fall sein.

An Tagen wie heute scheinen gute Zeiten unerreichbar weit weg zu sein. Hoffnungslosigkeit lässt mich festfrieren, bis ich mich nicht mehr bewegen kann.

Das Wetter hilft kein bisschen. Kalt und regnerisch war es, mir ist jetzt noch kalt.

Passt ins Bild, dass mein Hörgerät spinnt, es muss eingeschickt werden. Zum Glück habe ich ein Ersatzgerät.

Morgen früh geht es zur Gesprächstherapie, vielleicht hilft das.

Krieg im Kopf

Krieg im Kopf

Im Moment hat mein Gehirn Anpassungsschwierigkeiten. Ich kenne das schon von anderen Antidepressiva.

Die Wahrnehmung verändert sich, Dinge erscheinen heller, Licht ist gleißend. Das wird begleitet von einem permanenten Unruhegefühl und Reizbarkeit. Dieser Zustand ist schwer zu beschreiben. Ich bin empfindlich was meine Wahrnehmung angeht, weil meine übrigen Sinne mir das fehlende Hören ersetzen müssen. Deswegen irritiert mich jede Änderung sehr. Positiv ist zu sehen, dass die Angstanfälle weniger werden.

Bleibt zu hoffen, dass wir bald zum nächsten Zustand übergehen und alles besser wird. Ich bemühe mich um Normalität und habe trotzdem meinen samstäglichen Ausflug in die Kreisstadt durchgezogen. Soweit wie möglich einfach weitermachen, das hat mir schon in der Vergangenheit durch schwierige Zeiten geholfen.

Diese kleinen Siege im Kampf gegen den scheinbar übermächtigen Gegner Depression mögen für Außenstehende unbedeutend erscheinen, mir geben sie die Kraft, weiter durchzuhalten.

Eine Woche Milnacipran

Eine Woche Milnacipran

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Seit einer Woche nehme ich jetzt Milnacipran. Zuerst 50 mg morgens, seit zwei Tagen je 50mg morgens und abends.

Wenn es nach mir ginge, würde ich mich jetzt wunderbar fühlen, aber dem ist nicht so. Ich weiß ja auch, dass es für ein abschließendes Urteil noch zu früh ist, aber im Moment bin ich einfach nur hochgradig genervt und angespannt. Ich habe sehr mit Nebenwirkungen zu kämpfen, insbesondere Schwindel (der natürlich sofort Freundschaft mit meiner Gangunsicherheit geschlossen hat) und Angstzustände (natürlich die hinterhältige Variante, die mich aus dem Nichts überfällt – obwohl ich meine Anti-Angstmedikation erhöht habe).

Das zieht dann noch einen blöden Rattenschwanz nach sich, Autofahren traue ich mir so nicht zu. Was sich verschieben ließ, habe ich verschoben. Und ich war nicht sehr unglücklich, dass beide Ergotherapietermine diese Woche krankheitsbedingt ausgefallen sind. Es ärgert mich allerdings, dass damit einige Sachen immer noch nicht erledigt sind, wie zum Beispiel die Steuererklärung meiner Eltern.

Im Moment bin ich ziemlich auf mein Sicherheitsnetz angewiesen, was mich zusätzlich wurmt. Auch, wenn alle verständnisvoll reagieren. Zum Glück habe ich morgen früh Psychotherapie und meinen monatlichen Termin bei der Podologin, ein bisschen Ablenkung wird sicher gut tun.

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Hausgemachter Horrortrip

Hausgemachter Horrortrip

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Im gestrigen Post habe ich bereits erwähnt, dass Psychopharmaka keine Hustenbonbons sind. Die erste Einnahme von Milnacipran heute morgen hat mich nachdrücklich daran erinnert. Das war echt ein Drama in drei Akten, handelnde Personen vernünftige Viola (vV) und durchgeknallte Viola (dV).

1. Akt

vV und dV: Dann versuchen wir es mal damit! [Schlucken Milnaciprankapsel]

[vV und dV frühstücken, trinken Tee und plaudern mit dem Postboten, alles gut].

dV zu vV: Du, ich fühle mich irgendwie komisch…

vV: Komm, wir suchen uns ein ruhiges Plätzchen.

[dV und vV legen sich ins Bett, surfen im Netz und schauen, was so passiert ist in der Welt… Henrik von Dänemark ist gestorben, der Dax erholt sich, sonniges Winterwetter… ]

dV [springt auf]: Hilfe! Ich sterbe! Mein Herz rast, mir ist todschlecht, es dreht sich alles und mein Kopf platzt! vV, ruf den Notarzt, das ist ein verf*cktes Serotoninsyndrom!!!

vV [mit offen stehendem Mund]: Scheiße!

2. Akt

[dV rennt kopflos durch die Gegend und redet Blödsinn, „Warum habe ich mich dazu überreden lassen, das Zeug zu probieren; immer der gleiche Mist damit; was soll ich machen; alleine zu Hause… „]

vV [recherchiert im Internet mögliche Nebenwirkungen und Wirkungsdauer von Milnacipran, kontaktiert Verbündete und fühlt sich dann schon wieder etwas sicherer. Klopft dV auf die Schulter]: Komm‘ mal runter, da müssen wir jetzt durch! Kennen wir doch von anderen Antidepressiva, das geht vorbei! Aber wir müssen jetzt echt mal auf die Toilette, da will was raus!

Eine halbe Stunde später.

[dV zu vV]: Beschissene Situation, wie?

vV: Wortwörtlich. Aber ich glaube, das war es jetzt erstmal.

3. Akt

[dV und vV hängen auf dem Bett ab und knabbern an einem Toastbrot].

vV: Siehst du, ist schon wieder alles viel besser.

dV: Ja. Hoffentlich passiert das morgen nicht wieder.

vV: Ja, hoffentlich…

Spaß beiseite: Ich habe die Fähigkeit entwickelt, oft wenigstens ein bisschen handlungsfähig zu bleiben. Wenn das nicht klappt, sitze ich auch schon mal wie ein kleines Häufchen Elend in der psychiatrischen Institutsambulanz. Das es erst einmal schlimmer wird, bevor die positive Wirkung einsetzt, ist ein durchaus bekanntes Phänomen bei Antidepressiva und muss ernst genommen werden.

Ich bin damit vertraut und weiß, was ich im Fall einer Krise tun kann – es hat mir heute ungeheuer geholfen, dass es einfach Menschen gibt, bei denen ich mich in solchen Situationen melden kann. Ich weiß auch von anderen Betroffenen, wie wohltuend das ist, wenn einfach jemand zuhört und sagt: „Oje, dumme Sache!“

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Milnacipranhydrochlorid und andere Zungenbrecher

Milnacipranhydrochlorid und andere Zungenbrecher

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Das ist das neue Antidepressivum, was mir morgens beim Start in den Tag helfen soll. Ich habe mittlerweile schon sehr viele Psychopharmaka ausprobiert, und es ist leider in der Tat so, dass die Patienten sehr viel Geduld mitbringen und oft mehrere Präparate ausprobieren müssen, bis es passt. Die geschilderten Erfahrungen sind in keiner Weise allgemein gültig, gerade Psychopharmaka wirken oft bei jedem anders.

Meine erste Begegnung mit Psychopharmaka hatte ich bei meinem damaligen Hausarzt, der mir eine Packung Zoloft (Wirkstoff Sertralin) über den Tisch reichte. Ich lehnte ab. Ich würde auch jedem anderen raten, diese Medikamente nur nach Absprache mit einem Arzt zu nehmen, der sich damit auch wirklich auskennt. Das sind keine Hustenbonbons, sie verändern wirklich etwas im Kopf. Außerdem müssen während der Einnahme regelmäßig die Leberwerte kontrolliert und EKGs durchgeführt werden. Es ist also wirklich ratsam, mögliche Gefahren und Nutzen genau abzuwägen.

Der nächste Versuch war Opipramol. Ich fühlte mich damit nicht wohl, als ob ich in einer Blase abgeschnitten von der Umwelt leben würde. Die Angstzustände blieben außerdem unverändert, ich brach die Behandlung ab.

Bei meinem ersten stationären Aufenthalt Anfang 2009 begann ich dann mit Sertralin. Die ersten Tage waren schlimm, ich war dauernd rappelig und konnte kaum still sitzen. Dann wurde es stetig besser, die Angstzustände verschwanden fast völlig, und ich fühlte mich dem Leben wieder gewachsen.

Im Winter 2012 war es dann plötzlich, als ob das Sertralin überhaupt nicht mehr wirkt. Zeitgleich nahmen die Schmerzen in meinem Rücken zu. Bei meinem nächsten stationären Psychiatrieaufenthalt wurde ich dann – mit einem kurzen Umweg über Duloxetin –  auf Venlafaxin eingestellt, womit auch vorübergehend alles wieder besser wurde.

Nach ungefähr eineinhalb Jahren waren meine Leberwerte so schlecht, dass mein Hausarzt mich an die Onkologie verwies. Leberprobleme sind eine häufige Nebenwirkung von Psychopharmaka. Nach einer Leberbiopsie war klar, dass das Venlafaxin abgesetzt werden muss. Ich habe seitdem nichts mehr gefunden, das dauerhaft so stimmungsaufhellend wirkt (Tianeptin, Escitralopram, Bupoprion…). Oft hatte ich das Problem, das die Wirkung nach einer kurzen Zeit wieder nachließ, trotz Dosiserhöhung.

Daran zeigt sich, dass Psychopharmaka kein Allheilmittel sind. Sie zu verteufeln ist falsch, ich bin sehr dankbar für die schönen Jahre, die sie mir ermöglicht haben, und ich kenne viele, denen es ebenso geht. Genauso falsch ist es aber, sie als Wundermittel anzupreisen.

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