Mai ist Melanom-Monat, Teil 4

Mai ist Melanom-Monat, Teil 4

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Ich habe es nicht geschafft, meine Geschichte im Monat Mai vollständig zu erzählen, aber ich werde sie jetzt trotzdem zu Ende erzählen. Das Thema hatte ich hier schon einmal kurz gestreift.
Die ausführliche Vorgeschichte gibt es hier:
Mai ist Melanom-Monat, Teil 1
Mai ist Melanom-Monat, Teil 2
Mai ist Melanom-Monat, Teil 3

Dann wurde es Zeit für die stationäre Aufnahme. Am Aufnahmetag wurde ein EKG geschrieben, der dem Tumor am nächsten gelegene Lymphknoten ermittelt und die Lymphbahnen nachgemalt. Weil es sich um ein Universitätskrankenhaus handelte, waren manchmal sehr viele angehende Ärzte mit im Raum, die die Prozeduren verfolgten. Das störte mich nicht, Ärzte müssen ihr Handwerk ja auch lernen. Was mich störte war, dass die Studenten sich oft noch nicht einmal die Zeit nahmen, Guten Tag zu sagen. Ich kam mir teilweise absolut wie ein Objekt vor.

Am Nachmittag kam der Chirurg vorbei, der den Eingriff am nächsten Tag vornehmen sollte. Auch er redete nicht viel, stattdessen zeichnete er mit einem Stift an meinem Bein herum. Mein Mann und ich wechselten besorgte Blicke. Das Aufklärungsformular, das als mögliche Nebenwirkung unter anderem lapidar „Tod“ aufführte, trug nicht zu unserer Beruhigung bei.

Am Abend wurden noch ein Paar Thrombosestrümpfe angepasst und ein antibakterielles Duschgel für den nächsten Morgen ausgeteilt. Die Nacht war dank Schlaftablette sehr angenehm.

Am nächsten Morgen stellte ich fest, dass ich glücklicherweise die erste auf dem OP-Plan war. Eine Beruhigungstablette wurde mir gereicht, und meine Zimmernachbarin und ich sahen fern. Sie war nach mir dran und entsprechend aufgeregt.

Die OP selber war eine sehr unaufgeregte Sache. Die Spinalanästhesie wirkte wunderbar, mein Kopf war dank Rohypnol sehr ruhig. Ich hörte die ganze Zeit Musik, alle gaben mir das Gefühl, sich um mich zu kümmern. Im Aufwachraum spürte ich bereits, wie das Gefühl wieder in die Beine zurückkehrte.

Ein paar Stunden später konnte ich schon wieder gehen. Der Chirurg kam am Nachmittag noch einmal vorbei und berichtete, dass sie den Tumor vollständig entfernen konnten und der Lymphknoten zumindest „gut aussah“. Aber auch er konnte mir meine dringendste Frage „Warum?“ nicht beantworten. Er schätzte, dass der Tumor ungefähr ein Jahr lang gewachsen war. Das erklärte zumindest meine Beschwerden und die Müdigkeit der letzten Monate.

Eine weitere Frage begann in meinem Kopf immer mehr Raum einzunehmen: Was nun?

~ Fortsetzung folgt ~

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Mai ist Melanom-Monat, Teil 3

Mai ist Melanom-Monat, Teil 3

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Im Laufe des Monats Mai werde ich meine Melanom-Geschichte erzählen, ich hatte das Thema hier schon einmal kurz gestreift.
Die ausführliche Vorgeschichte gibt es hier:
Mai ist Melanom-Monat, Teil 1
Mai ist Melanom-Monat, Teil 2

Die Ärztin erklärte mir, was sie „Standardprozedur“ nannte, „normalerweise behandeln wir einen solchen Befund so“: Nachexzision (noch mehr Gewebe um den ursprünglichen Tumor herum wegschneiden) und Sentinellymphknotenbiopsie (Untersuchung des nächst gelegenen Lymphknoten). Sie wartete nicht großartig auf Reaktionen von mir, sie drückte mir ein Stück Papier in die Hand und schickte mich eine Station höher, wo Patienten der Hautklinik stationär aufgenommen wurden. Verabschiedet wurde ich mich den Worten: „Und lassen Sie sich nicht einfach wieder wegschicken!“ Ich weiß noch, dass mich das ärgerte.

Ein Stockwerk höher warteten schon andere Patienten auf einen Termin für ihre stationäre Aufnahme. Die Patientin links neben mir erzählte mir ausführlich, dass sie unerklärliche blaue Flecken hat. Mittlerweile hatte ein Schock eingesetzt, ich zitterte und konnte es einfach nicht unterdrücken. Am liebsten hätte sie angeschrien: „Und ich habe Hautkrebs, du blöde Kuh! Halt einfach die Fresse!“

Wenigstens bekam ich ohne weitere Diskussionen einen Termin für die stationäre Aufnahme in der nächsten Woche.

Dann bekam der schwerste Teil: Es den anderen erzählen.

Ich stand weinend an der Straßenbahnhaltestelle und telefonierte mit meinem Mann, der zu diesem Zeitpunkt noch in Köln arbeitete. Ich verarbredete, dass ich ihn von der Arbeit abhole und wir dann zusammen nach Hause fahren. Alleine hätte ich es nicht geschafft.

Ich muss auch meinen Arbeitgeber angerufen haben, dass ich an diesem Tag nicht mehr komme, aber daran erinnere ich mich nicht.

Dann stand ich heulend vor meinem Mann, der von seinem Chef sofort freigestellt wurde, und er fuhr uns nach Hause.

Meinen Eltern wollte ich es später persönlich sagen, wir waren ein paar Tage später verabredet.

Zuhause wurde mir dann klar, dass es mit dem lange geplanten Malta-Urlaub nächste Woche nichts werden würde. Auch das noch. Aber wir waren uns beide einig, Gesundheit geht vor und das müssen wir jetzt durchziehen.

Am nächsten Tag ging ich zur Arbeit. Ich vereinbarte, dass ich ab sofort beurlaubt bin und mich melde, wenn ich mehr weiß. Eine Kollegin sagte, sie wäre an meiner Stelle trotzdem erstmal in Urlaub gefahren, um Kraft zu tanken. Aber ich hätte den Urlaub nicht genießen können mit dem Wissen, was danach noch vor mir liegt. Und die Stimme in meinem Kopf sagte: „Mach‘ es JETZT!“ Die Behandlung aufzuschieben, war nie eine Option. Und so verabschiedete ich mich von meinen Kollegen.

Meinen Eltern sagte ich ein paar Tage später beim Kaffee trinken. Eigentlich hatten wir uns nur noch einmal sehen wollen vor dem Urlaub. Der Anlass hatte sich geändert. Meinen Eltern war bis dahin nicht klar gewesen, dass Menschen an Hautkrebs auch sterben können. Ihren Schock behielten sie weitestgehend für sich.

Nachdem alle Bescheid wussten, blieb mir nur noch das Warten auf den Behandlungsbeginn.

~ Fortsetzung folgt ~

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Mai ist Melanom-Monat, Teil 2

Mai ist Melanom-Monat, Teil 2

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Im Laufe des Monats Mai werde ich meine Melanom-Geschichte erzählen, ich hatte das Thema hier schon einmal kurz gestreift.

Ich stellte mich also bei einer jungen und sehr engagierten Hautärztin in der Kölner Innenstadt vor. Sie war sich nicht sicher, was sie von dem Muttermal halten sollte. Also verschrieb sie mir einerseits eine Salbe und empfahl mir andererseits, mich in der Ambulanz der Hautklinik der Universitätsklinik Köln vorzustellen. „Nur, um sicher zu gehen. In Ihrem Alter ist die Gefahr von Hautkrebs eher gering.“

Es gab in der Ambulanz einmal in der Woche eine offene Sprechstunde. Mit Wartezeiten. Ergebnis das gleiche wie bei der Hautärztin. „Hautkrebs ist unwahrscheinlich. Aber wir machen doch besser eine Biopsie, um auf der sicheren Seite zu sein.“ Ich bekam einen OP-Termin, das Muttermal wurde noch fotografiert, und das war es.

Die Biopsie verlief ohne Komplikationen, ich fuhr sofort weiter zur Arbeit als ob nichts gewesen wäre. Es gab einiges vorzuarbeiten, schließlich wollten wir übernächste Woche in Urlaub fahren.

In der Woche vor unserem Urlaub bekam ich einen Brief. Ich sollte wegen der Biopsieergebnisse noch einmal in der Unklinik vorbei kommen.

Ich befand mich die ganze Zeit in einem merkwürdigen Zustand. Einerseits war da ein sehr starkes Gefühl, dass ich diese ganze Diagnostik dringend durchziehen soll. Andererseits war da eine Wand vor meinen Gefühlen, Angst vor einer ernsthaften Erkrankung hatte ich in diesen Wochen nicht. Ich lebte ganz normal weiter, ohne permanente Sorgen im Nacken. Die sprichwörtliche Ruhe vor der Sturm.

Wie mir geheißen, stellte ich mich nochmals in der Uniklinik vor. Die Ärztin – daran erinnere ich mich bis heute – fragte mich nach der Begrüßung:

„Was wissen Sie über schwarzen Hautkrebs?“

Krach! Die Wand stürzte ein.

~ Fortsetzung folgt ~

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Noch etwas Schwarzes… 

Noch etwas Schwarzes… 

Es ist kein Geheimnis, dass mir ein schwarzer Hund namens Depression ausgiebig folgt. Es passt aber gut in mein Leben, dass die Farbe Schwarz auch mit dem Melanom in Verbindung gebracht wird.

Im Jahr 2000 stellte sich heraus, dass sich in einem meiner Muttermale schwarzer Hautkrebs gebildet hatte. Ehe ich alles so richtig begriffen hatte, war ich schon stationär im Krankenhaus und wurde operiert – zum einen wurde das Muttermal am linken Unterschenkel großzügig entfernt, zum anderen ein Lymphknoten aus der Leiste entfernt um festzustellen, wie weit der Krebs fortgeschritten war.

Ich hatte Glück, der Krebs hatte noch nicht gestreut. Die Lymphbahnen waren nach der OP allerdings zerstört, das Bein vom Knie abwärts geschwollen. Das bedeutete Bandagieren in den ersten Wochen und danach einen Stützstrumpf tragen, Tag und Nacht. Ein halbes Jahr nach der OP hatte die Lymphe wieder neue Wege gefunden und die Schwellungen waren zurück gegangen.

Geblieben sind die Narben an Körper und Seele. Sonnenschein ist nicht mehr Zeichen von unbeschwerter Zeit an der frischen Luft, sondern ein Risiko, das ich einkalkulieren muss, zu jeder Jahrezeit. Die Unsicherheit, ob ich genug tue, um mich zu schützen, bleibt. Jeder Kontrolltermin beim Hautarzt ist von Anspannung, Angst und Übelkeit begleitet. Heute war es wieder einmal so weit, auch diesmal keine verdächtigen Hautveränderungen. Puh, einmal kurz durchschnaufen. Meine Nervosität wird in den nächsten Tagen wieder bis auf die übliche Grundanspannung zurück gehen. Ich werde aber nie mehr so unbesorgt sein wie vor diesem Erlebnis – Krebs passiert nicht nur den anderen, er ist auch Teil meines Lebens.

Ich mache aus meinen Erfahrungen keinen Hehl. Trotzdem muss ich meinen Mann an Sonnenschutz erinnern, meine Schwiegermutter geht weiter auf die Sonnenbank und Freunde kommen mit Sonnenbrand aus dem Urlaub. Mein Eindruck ist, dass wir in Deutschland noch weit davon entfernt sind, das Ausmaß der Gefahr, die vom schwarzen Hautkrebs ausgeht, richtig einzuschätzen. Ja, die Heilungschancen sind bei Früherkennung sehr gut, aber es kann auch ganz anders ausgehen. Ich empfehle jedem Zweifler, sich die Facebook-Seite von Viola Helms  anzusehen, die schonungslos ehrlich über ihr Leben mit dieser Krankheit berichtet. Wer das dann noch als Kleinigkeit abtut, dem ist nicht zu helfen.