0 und 40: Die Postident-App

0 und 40: Die Postident-App

Eine neue SIM-Karte beispielsweise kann in Deutschland nicht mehr ohne Legitimation durch das PostIdent-Verfahren freigeschaltet werden. Das geht mittlerweile auch per App.

Es soll hier nicht um generelle Fragen zum Datenschutz oder ähnliches gehen, vielmehr will ich schildern, wie das Ganze auf mich als Hörbehinderte gewirkt hat. Vorab: Meine Augen und Ohren haben geglüht.

Das Prinzip: In einem Videochat mit einem Mitarbeiter der Deutschen Post wird die Identität des Antragstellers festgestellt. Dazu wird ein Reisepass oder Personalausweis benötigt, und vor allem ein Smartphone mit Kamera.

Der Anfang war viel versprechend, die Verbindung schnell hergestellt. Dann gingen die Probleme los. Obwohl ich zu Hause war und also ein schnelles, stabiles WLAN und ein hochwertiges Handy zur Verfügung hatte, waren Bild und Sprache sehr ruckelig, einmal brach die Verbindung sogar kurz ab. Weil der untere Teil des Displays überwiegend ungenutzt (das heißt, gelb) bleibt, wird die Möglichkeit vertan, entweder ein größeres Bild oder zusätzliche Informationen zu übermitteln (an einer Stelle soll ein Kamerasymbol angetippt werden. Das könnte in dem Moment durch das Einblenden eines Pfeils erleichtert werden, nicht nur ich habe das wahrscheinlich zunächst verzweifelt gesucht).

Die trotz optimaler Grundbedingungen schlechte Übertragungsqualität wurde weiter dadurch dadurch erschwert, dass der Mund der DP-Mitarbeiterin durch das Mundstück ihres Headsets zu einem großen Teil verdeckt und dadurch das Lippenlesen zusätzlich erschwert wurde. Und manchmal würden sich vielleicht auch normal Hörende über eine erklärende Geste freuen („drehen sie den Ausweis hin und her“ – „äh… so?“ – „nein, höher“ – „äh… so?“ – „nein, so dass das Licht von oben darauf fällt“. Das hätte sich sehr einfach mit einer drehenden Bewegung in Kopfhöhe abkürzen lassen. Vielleicht nicht ästhetisch, aber effektiv 😄.

Ich muss allerdings auch erwähnen, dass die Legitimation auf diese Art innerhalb einer Viertelstunde erledigt war, das ist kein Vergleich zur mehrtägigen Bearbeitungsdauer beim herkömmlichen PostIdent-Verfahren: Mit dem Ausweis zum Postamt, Daten werden aufgenommen und weitergeleitet – das kann schon mal zwei Werktage dauern.

Was würde ich jemand mit Hörbehinderung raten? Zum einen würde ich das PostIdent-Verfahren an Laptop oder PC angehen und nicht am Handy, weil ein größerer Monitor das durch das Headset eingeschränkte Lippenlesen erleichtert. Zum anderen kann vielleicht ein guter Kopfhörer mehr aus der Tonqualität herausholen. Vielleicht kann auch ein normal hörender Dolmetscher helfen, aber das finde ich wegen der daraus resultierenden Abhängigkeit unschön.

Fest steht, diese Möglichkeit steht nur denjenigen Hörbehinderten offen, die gut in der hörenden Welt zurecht kommen.

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0 und 40: Lass‘ uns reden

0 und 40: Lass‘ uns reden

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Wieder einmal inspiriert von Lydia, die auf ihrem Blog Tipps für den Umgang mit Blinden gibt, möchte ich hier auf meine Probleme bei der Verständigung mit der normal hörenden Welt eingehen.

Vorab: Ich verstehe vollkommen, dass die Situation für Menschen ohne Hörbehinderung extrem schwierig ist. Dazu trägt natürlich vor allem bei, dass dieses Hindernis bei der Kontaktaufnahme auf den ersten Blick oft nicht erkannbar ist.

Wenn ich einem Fremden unter sozusagen „kontrollierten“ Bedingungen begegne, weise ich direkt nach der Vorstellung auf mein eingeschränktes Hören hin – dass das oft schnell wieder in Vergessenheit gerät und häufig wieder in Erinnerung gerufen werden muss, steht auf einem anderen Blatt.

Tatsache Nummer 1: Wenn ich mich in einem unruhigen Umfeld befinde, mit Hintergrundgeräuschen und Gesprächen um mich herum (Beispiel Busfahren: permanentes Motorengeräusch und eine Gruppe Schüler), ist mir oft nicht klar, dass ich gemeint bin. In dem ganzen Wust von Geräuschen ist es schwer für mich, Sprache herauszufiltern. Es kann dann vorkommen, dass ich auch nicht auf meinen Namen reagiere – es erreicht mich einfach nicht.
Beste Lösung: Blickkontakt zu mir suchen sich so hinstellen, dass ich gut Lippen lesen kann. Dann weiß ich, worauf ich fokussieren muss.
Zweitbeste Lösung: Leicht berühren. Dann verstehe ich auch, dass ich gemeint bin. Zweitbeste Lösung deshalb, weil ich leicht erschrecke. Mir ist schon klar, dass ich vieles nicht mitbekomme, Berührungen verdeutlichen mir, dass etwas (vielleicht auch Gefahr) sehr nahe ist.

Tatsache Nummer 2: Wenn ich in einem Gespräch häufiger sage „das habe ich nicht verstanden“, hat das oft weniger mit der Lautstärke, als mit Deutlichkeit zu tun.
Beste Lösung: Um deutliche Aussprache bemühen. Manchmal sind auch einfach Kleinigkeiten im Weg, die mir das Verstehen erschweren (zum Beispiel ein Vollbart, der mir den Blick auf den Mund des Gegenübers versperrt).
NICHT.SCHREIEN! Wie wohl jeder andere Mensch auch empfinde ich eine laute Ansprache als ziemlich unhöflich. Und wenn es an der Deutlichkeit hapert, hilft ein Mehr an Lautstärke auch nicht weiter.
Zweitbeste Lösung: Wenn es nicht klappt, müssen wir eben sehen, wie es besser geht (kurz in einen ruhigeren Raum wechseln, Stichworte aufschreiben…).

Tatsache Nummer 3: Meine geistigen Fähigkeiten sind von meiner Hörminderung nicht betroffen. Der Gebrauch von „einfacher“ oder „Babysprache“ kränkt mich und ist schlicht unangemessen.
Beste Lösung: Einfach normal reden.

Tatsache Nummer 4: verbale Kommunikation ist für mich sehr anstrengend. Es stimmt zwar, dass ich daran gewöhnt bin und viel ausgleichen kann, aber irgendwann ist einfach das Ende der Fahnenstange erreicht.
Beste Lösung: Akzeptieren, wenn ich nicht bis vier Uhr morgens auf einer Party durchhalte. Akzeptieren, wenn ich lieber Messengerdienste nutze oder eine Mail schreibe, weil es einfacher ist. Akzeptieren, dass es Zeiten gibt, in denen ich nicht zuhören und reden möchte, weil ich Ruhe zum Aufladen brauche.

Tatsache Nummer 5: Über Missverständnisse darf gelacht werden! Ich nehme das nicht krumm und bin die erste, die mitlacht!
Beste Lösung: Lachen – soll gesund sein 🙂

Und wenn ich meinem Gegenüber wortwörtlich an den Lippen hänge, liegt es daran, dass ich mein Hören mit Lippenlesen ergänze. Aber es kann ja auch mal nett sein, die ungeteilte Aufmerksamkeit des Gesprächspartners zu genießen… Es gab schon Lehrer, die sich von mir veralbert fühlten, nun ja, ich bin eben dankbar für alles, was ich verstehe.

Die Teilnahme an der Welt der normal Hörenden ist für diejenigen mit eingeschränktem oder nicht vorhandenem Hörsinn eine anstrengende Sache. Ein geeignetes Umfeld ohne Hintergrundgeräusche, dafür mit viel Licht zum Lippenlesen ist vielleicht nicht romantisch, hilft aber bei der Verständigung. Ein bisschen Rücksichtnahme ist nicht zu viel verlangt, hilft Betroffenen aber so viel weiter.

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0 und 40: Die große Unbekannte Sprachverständnis

0 und 40: Die große Unbekannte Sprachverständnis

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Nach einem Abstecher zum Hörgeräteakustiker und einem weiteren Besuch bei meinem HNO-Arzt in Köln (bei recht angenehmem Wetter, siehe oben) stellte sich heraus, dass die Entzündung in meinem Ohr immer noch nicht komplett abgeheilt ist. Also muss ich meinem Ohr weiterhin so viel hörgerätefreie Zeit wie möglich gönnen und abends noch eine Salbe auftragen. Hartnäckige Geschichte, aber leider nicht so selten bei Hörgeräteträgern.

Mein Hörgeräteakustiker wies gestern auf ein sehr interessantes Thema hin, Sprachverständnis. Hören ist eine Sache, das Gesagte zu verstehen eine ganz andere. Das Verstehen findet im Gehirn statt und ist nicht so selbstverständlich, wie es scheint. Es kann trainiert und auch wieder verlernt werden, daraus folgt, dass eine Schwerhörigkeit am besten zeitnah mit einer Hörhilfe korrigiert sollte. Aber: Das Gehirn muss das Hören mit einem Hörgerät erst lernen. Alles hört sich anders an, lauter, vielleicht auch einfach unangenehm künstlich. Das muss berücksichtigt werden, wenn zum Beispiel ein älterer Mensch nach Jahren nachlassender Hörleistung auf einmal eine Hörhilfe bekommt und zunächst davon gar nicht so begeistert ist. Jüngere Menschen haben natürlich das gleiche Problem, lernen aber schneller. Üben ist leider das einzige, was hilft. Und vor allem: Das Hörgerät viel und lange tragen, fördert den Lerneffekt. Der Hörgeräteakustiker kann helfen, indem er die Einstellungen der Hörhilfe entsprechend anpasst – Hören ist sehr individuell, es ist absolut normal, wenn vor allem am Anfang mehrfach nachgebessert werden muss. Also keine Scheu davor, mehrfach beim Hörgeräteakustiker vorstellig zu werden, der kennt das schon.

Eines liegt mir noch besonders am Herzen. Es geht um die Menschen, die entweder vollständig oder nahezu taub sind. Hier wird oft von Ärzten und Behörden Druck ausgeübt, ein Cochlea Implantat einzusetzen, um die Integration in die Welt der Hörenden zu erleichtern. Ich finde, das ist ein zweischneidiges Schwert. Zum einen sind Gehörlose, vor allem, wenn sie diesen Zustand von Kindheit an gewöhnt sind, damit nicht zwangsläufig unglücklich. Das mag für normal Hörende unvorstellbar sein, aber es ist so. Auch ich, die ich fest in der Welt der Hörenden integriert bin, kann mir tausend schlimmere Dinge vorstellen, als zu ertauben. Zum anderen, und das ist für mich persönlich der Grund, mich gegen ein CI in meinem tauben linken Ohr zu entscheiden: Es gibt keine Garantie, dass im Gehirn Sprachverständnis entsteht. Im Klartext, die Betroffenen hören Geräusche, sind aber nicht in der Lage, Sprache herauszufiltern. In jedem Fall braucht der Umgang mit einem CI monate- oder jahrelanges intensives Training, wie gesagt, ohne Gewähr. Das ist zu bedenken, und eine getroffene Entscheidung in jedem Fall zu respektieren.

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Wartezimmerbetrachtungen, Teil 2

Wartezimmerbetrachtungen, Teil 2

Die Schlange wartender Menschen vor der Anmeldung der Psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) war lang. Hinter mir hörte ich eine sehr laute Frauenstimme sagen: „HABEN SIE AUCH WHATSAPP ODER NUR SMS?“ Ich fühlte mich nicht angesprochen und dachte nur: „Muss die Frau so laut reden?!“ Wenn ich mit meinem schlechten Gehör Stimmen als unangenehm laut empfinde, ist das schon als ziemlich durchdringend einzuschätzen.

Irgendwann fanden wir uns dann alle im Wartezimmer wieder. Weil das laute Gerede nicht aufhörte, riskierte ich einen genaueren Blick. Neben der besagten laut sprechenden Dame saß eine junge Frau, Mitte zwanzig. Mir fiel auf, dass die Dame ihre Worte mit Gebärdensprache begleitete. Ich sah genauer hin, und bemerkte bei der jungen Frau weder Hörgeräte, noch Cochlea Implantate, wahrscheinlich war sie also taub. Sie antwortete ihrem Gegenüber nicht mit Gebärdensprache, sondern mit Lautsprache. Dabei war sie nicht, wie man vielleicht denken könnte, extrem laut, sondern durchaus angenehm. Sie war auch wirklich gut zu verstehen, die Aussprache vielleicht etwas verwaschen, die Modulation ein bisschen anders, aber sonst einem normal hörenden Gegenüber durchaus gewachsen. Weil sie nicht die Gebärdensprache benutzte und so verständlich sprach, folgerte ich, dass sie wahrscheinlich normal sprechen gelernt hatte und erst später ertaubt war. Die Begleiterin redete weiterhin laut auf sie ein, und ich rollte innerlich die Augen: Bei einem tauben Gesprächspartner spielt die Lautstärke der Sprache nun wirklich keine Rolle. Eher schon deutliche Aussprache, das erleichtert es, von den Lippen abzulesen.

Ich war schwer beeindruckt, wie gut sich diese junge Frau die Fähigkeit zu sprechen erhalten hat. Und das wollte ich ihr auch sehr gerne sagen. Aber wie am besten? Gebärdensprache beherrsche ich nicht, und ob ich so klar spreche, dass jemand von meinen Lippen lesen kann, weiß ich nicht. Zum ersten Mal verstand ich die Hemmschwelle, die sich für viele Normalhörende im Umgang mit Schwerhörigen und Tauben auftut. Fest entschlossen so zu handeln, wie ich es mir von meinen Mitmenschen wünsche, nahm ich meinen Mut zusammen und tippte die junge Frau vorsichtig auf die Schulter, um sie auf mich aufmerksam zu machen. Sie war so auf ihr Gegenüber konzentriert, dass sich keine Möglichkeit zum Blickkontakt ergab.

Nächstes Problem: Spreche ich sie nun selber an, oder ihre Begleitung, die für sie übersetzt? Wieder einmal ging ich davon aus, wie ich selber behandelt werden möchte. Wenn jemand mit mir kommunizieren möchte, soll er/sie mich bitte auch direkt ansprechen, egal, wie schwierig es wird. Ich bemühte mich um „normale“ Aussprache, nicht zu schnell und nicht zu langsam: „Hallo! Ich wollte nur sagen, dass ich finde, dass Sie eine sehr gute Aussprache haben. Ich trage selber ein Hörgerät und bin auf dem anderen Ohr taub, ein bisschen kenne ich das Problem.“

Ihre Augen begannen sofort zu strahlen, und ich war froh, mich überwunden zu haben. Wir kamen dann zu dritt ins Gespräch, die laut sprechende Dame gab sich als ehrenamtliche Gebärdensprachendolmetscherin zu erkennen, die taube Menschen zu Arztterminen oder Behördengängen begleitet. Ich hatte richtig vermutet, die junge Frau hat bis zu ihrer Pubertät normal gehört, und ist dann schlagartig ertaubt (nach den genauen Umständen habe ich nicht gefragt).

Nach meinem Arztgespräch habe ich die junge Frau wieder gesehen, sie saß im Wartezimmer und hatte eine – sehr übersichtliche – Liste mit Therapeuten in der Hand, die Gesprächstherapie mit Gebärdensprache anbieten. Die Wartezeiten sind schon bei herkömmlichen Psychotherapeuten sehr lang, bei einem Spezialisten bestimmt noch viel mehr.

Diese Begegnung, und die Tatsache, dass ich bei meinen stationären Aufenthalten überproportional viele hörbehinderte Menschen getroffen habe, wirft für mich die Frage auf, ob Schwerhörigkeit und Taubheit einen guten Nährboden für psychische Erkrankungen bieten. Zum einen ist das Leben mit einer Behinderung sowieso schon erschwert, und gerade Hörbehinderte und Taube sind von vielen gesellschaftlichen Anlässen ausgeschlossen. Viele Normalhörende sind wahrscheinlich einfach unsicher und wissen nicht, wie Kommunikation ablaufen kann.

Dieses Erlebnis, bei dem ich mich ausnahmsweise sozusagen auf der anderen Seite befunden habe, hat mir die Augen geöffnet. Wenn ich mich schon gegenüber einem tauben Mitmenschen so unsicher fühle, obwohl ich mich mit dem Thema Hörbehinderungen seit über vierzig Jahren vertraut bin, wie muss sich dann erst jemand ohne diese Erfahrung fühlen. Doch es zeigt auch: Kommunikation ist möglich, wenn beide Seiten es wollen.

Siehe auch
Wartezimmerbetrachtungen, Teil 1

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Fehlersuche

Fehlersuche

Da habe ich heute freudig mein Hörgerät angezogen und festgestellt, dass es doch nicht so gut mit dem Hören klappt wie erhofft… Natürlich muss das am Wochenende sein, wenn Arzt und Hörgeräteakustiker nicht zu erreichen sind *abgrundtiefer Seufzer*.

Nächste Woche muss ich dann mal genauer auf Fehlersuche gehen:

1.) Beim Hörgeräteakustiker prüfen lassen, ob
a) das Hörgerät richtig funktioniert,
b) Ohrschmalz das Gerät verstopft,
c) das Ohrstück richtig sitzt (auch bei Erwachsenen verändert sich das Ohr noch).

Wenn da alles in Ordnung ist, muss ich noch mal zum
2.) HNO-Arzt und feststellen lassen ob
a) die Entzündung richtig ausgeheilt ist, oder
b) sich die Schwerhörigkeit weiter verschlechtert hat. So ein Audiogramm dauert nur eine Viertelstunde und kann im Vergleich mit Audiogrammen aus der Vergangenheit eventuelle Veränderungen im Hörvermögen deutlich aufzeigen.

Soweit, so gut. Ich bin nur sehr gefrustet, weil ich davon ausgegangen bin, alles wäre heute wieder wie vorher…

0 und 40: Risiken und Nebenwirkungen, Teil 2

0 und 40: Risiken und Nebenwirkungen, Teil 2

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In 0 und 40: Risiken und Nebenwirkungen, Teil 1 habe ich eine Situation beschrieben, die meine Lage zwar unangenehmer macht, wenigstens aber schnell vorbei ist. Das trifft leider nicht auf alles zu. Manche Begleiterscheinungen meiner Schwerhörigkeit sind so richtig anhänglich.

  • Tinnitus. In meinem Fall ein dauerndes Rauschen, was bei Stress und Ruhe gerne schlimmer wird. Allerdings habe ich schon als Kind gelernt, das Rauschen in Musik umzuwandeln ;-), dann ist es nicht mehr ganz so schlimm. Aber es gibt auch Betroffene, die sehr darunter leiden. Trotzdem macht mir dieses Dauergeräusch im Hintergrund oft Probleme, wenn ich versuche, mich auf etwas (zum Beispiel die Stimme meines Gesprächspartners) besonders zu konzentrieren.
  • Psychische Probleme. Hier kommen mehrere Faktoren zusammen.
    1.) Auch ich bin dem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, bestimmte Leistungskriterien erfüllen zu müssen. Dabei werden meine Einschränkungen oft ignoriert oder kleingeredet. Vor allem trifft das natürlich auf die Arbeitswelt zu, aber das ist genug für einen eigenen Post. Kurzfassung: Hier drohen Burnout und Erschöpfungsdepression.
    2.) Wer schlecht hört, ist außerdem mehr oder weniger vom großen Teil der Welt, die sich überwiegend durch das gesprochene Wort verständigt, ausgeschlossen. Vertraulich flüstern? Sorry, ich verstehe dich nicht. Laute Konzerte oder  Diskotheken? Muss ich leider auch passen, damit mein Gehör nicht noch weiter geschädigt wird. Schwimmen gehen? Seit ich mir einmal eine saftige Pilzinfektion in meinem rechten Ohr nach so einer Aktion eingehandelt habe, bin ich da vorsichtig. Gemütlich plaudern in einem Restaurant oder einer Bar? Hoffentlich sind da nicht zu viele Hintergrundgeräusche, ansonsten ist das Zuhören eine Qual. Kino? Ist vom Film abhängig. Zu laut ist für mich genau so stressig wie zu leise. Und wenn der Film im Original zum Beispiel in Englisch gesprochen ist und auf Deutsch synchronisiert gezeigt wird, entfällt meine große Stütze, das Lippenlesen. Viele Gelegenheiten, bei denen Menschen zusammenkommen, sind für mich eine Herausforderung. Und wer die Erfahrungen anderer nicht teilt, wird zum Außenseiter. Heute habe ich natürlich mehr Gestaltungsmöglichkeiten, aber trotzdem bin ich zum Beispiel nach drei Stunden Reden in großer Runde (wie Familientreffen) einfach nur ausgelaugt und brauche Ruhe. Dabei sehne ich mich genauso danach dazu zugehören, wie jeder andere auch. Nicht bitter zu werden, wenn um mich herum jeder Spaß zu haben scheint, ist manchmal zu viel verlangt von mir. Und der Grat zwischen dem, was ich von mir verlangen kann und  „Mist, das ist jetzt zu viel!“ ist schmal.
    3.) Gerade eine „unsichtbare“ Behinderung wie Schwerhörigkeit wird gerne von den Mitmenschen immer wieder übersehen. Das ist einerseits verständlich, aber immer wieder darauf hinweisen und um Rücksichtnahme bitten müssen, ist sehr mühsam und belastet zusätzlich. Unbeteiligte verstehen oft nicht, welche Situationen relativ einfach (in meinem Fall zum Beispiel: Gespräch zu zweit in ruhiger Umgebung ohne Ablenkung und störende Geräusche) und welche schwierig sind (beispielsweise einem Vortrag zu folgen, wenn um mich herum viel gesprochen wird).

Diese Liste ist natürlich weder repräsentativ noch vollständig. Ich wollte nur deutlich machen, dass Leben mit einer Behinderung ein Hürdenlauf ist, wo andere einfach locker durchlaufen können: Es ist einfach nicht zu vergleichen.

Siehe auch:
0 und 40 Teil 1: Good Vibrations
0 und 40 Teil 2: Fordern und fördern
0 und 40: Risiken und Nebenwirkungen, Teil 1

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0 und 40: Risiken und Nebenwirkungen, Teil 1

0 und 40: Risiken und Nebenwirkungen, Teil 1

Jeder, der mit einer Behinderung lebt, kennt diese blöden Zeiten, in denen die Behinderung noch mal so richtig zeigt, was sie kann. In meinem Fall äußert sich das oft in einer Entzündung von Gehörgang und/oder Mittelohr. Durch das Tragen eines Hörgerätes werden zum einen Bakterien in das Ohr eingebracht, zum anderen die Haut durch den Fremdkörper zusätzlich gereizt. Im Ohr bildet sich übrigens keine Hornhaut, die Haut ist und bleibt empfindlich.

Ich war heute beim HNO-Arzt, weil ich in den letzten Tagen schlechter hörte, und siehe da – wieder mal eine Entzündung. Die dadurch hervorgerufene Schwellung kann Ursache für das schlechte Hören sein. Mein Arzt greift in so einem Fall zu sehr drastischen Methoden: Zwei Tage bleibt ein mit antibiotischer Lösung getränkter Gazestreifen im Ohr. Ich musste es erst auf die harte Tour lernen, dass das der einzige Weg ist, diese Entzündungen zuverlässig auszuheilen. Früher habe ich es immer mit antibiotischen Salben versucht, bei deren Anwendung ich weiterhin mein Hörgerät tragen konnte, denn darauf verzichte ich ungern!

Meinem HNO-Arzt halte ich seit dem Jahr 2000 hartnäckig die Treue. Ich habe ihn damals per Zufall kennengelernt, er hatte die Ferienvertretung für meinen regulären HNO übernommen. Ich hatte damals eine extrem hartnäckige Ohrentzündung, die weder mit fungiziden, noch mit antibiotischen Salben abheilte (wenig später wurde das Melanom bei mir festgestellt, gut möglich, dass mein Körper einfach nicht genug Kraft hatte). Ich schätze sehr an ihm, dass er immer absolut ehrlich ist und nichts schönredet. Als ich ihn also damals im Sommer 2000 das erste Mal bei ihm war, sagte er mir direkt, dass mein Ohr dringend eine hörgerätefreie Zeit braucht und nur so ausheilen kann. Ich habe mich damals sehr dagegen gesträubt, denn ohne Hörgerät konnte ich nicht arbeiten gehen. Schließlich bin ich dann doch seiner Empfehlung gefolgt, und siehe da: Die chronische Entzündung heilte innerhalb weniger Tage aus und blieb auch weg. Wie heißt es so schön: Wer heilt, hat recht. Er hat mir später auch dabei geholfen, den lange überfälligen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. Und er hat mich nie zu einem Cochlea-Implantat auf der tauben linken Seite gedrängt. Er hat die Möglichkeit angesprochen, ich habe begründet, warum ich das bei mir ablehne, und das war es. Meine Besuche bei ihm sind zum Glück selten, meist nicht häufiger als ein- oder zweimal im Jahr, deshalb nehme ich den weiten Weg gerne in Kauf.

Ab heute ist also bis Freitag hörgerätefreie Zeit. Bis dahin werde ich vollkommen taub sein, weil der Gazestreifen im Ohr das Resthörvermögen schluckt. Ich habe also zuerst die wichtigsten Leute informiert, damit sie mich nicht etwa anrufen. Handys und Smartphones erleichtern das Leben in dieser Hinsicht natürlich sehr. Auffällig war einmal wieder die Reaktion der normal hörenden Umwelt, ich wurde ausgiebig bemitleidet. Es wird angenommen, dass ich dann gar nichts machen kann und überhaupt nicht mehr am Leben teilhaben kann.

Das ist absolut falsch. Im Laufe der Jahre hat mein Gehirn großflächig um den Sinn „Hören“ herum gebaut. Ich kann mich im Straßenverkehr recht gut orientieren, indem ich die Situation sehr genau beobachte. Natürlich kann ich kein Hupen, Martinshorn etc. wahrnehmen, aber dann müsste eigentlich auch verboten werden, mit laut aufgedrehtem Radio am Steuer zu sitzen. Auto fahren darf ich jetzt sowieso nicht, im Führerschein ist festgelegt, dass ich nur mit Hörhilfe ein Fahrzeug führen darf. Ich habe mir nach dem Arztbesuch einen Kaffee geholt, und auch das ging ohne Probleme. In ein paar Tagen wird meine Aussprache nicht wirklich leiden, und ich kann ziemlich gut Lippen lesen. Auch die eher ungewöhnliche Frage „Auf welchen Namen?“ (der Name des Kunden wird bei dieser Kette auf den Becher geschrieben) habe ich im ersten Versuch erfasst. Ich weiß, dass ich das Lippenlesen nicht stundenlang durchhalte, dafür ist diese Fähigkeit noch zu schwach ausgebildet, aber für das Nötigste reicht es. Ich würde in meinem jetzigen Zustand auch Bus fahren oder einkaufen gehen und mich dabei nicht extrem unsicher fühlen. Denn ich bin mir bewusst, dass mir auch mit Hörgerät vieles entgeht.

Natürlich freue ich mich, wenn Samstag das Hörgerät wieder benutzen kann. Dann kann ich wieder mit meinen Lieben auf einfache Art und Weise kommunizieren, fernsehen und Musik hören. Aber ich komme mit diesen Widrigkeiten ganz gut zurecht, solange es nur ein zeitlich begrenzter Zustand ist. Sollte völlige Taubheit einmal Dauerzustand sein, werden die Karten neu gemischt. Meine Welt wird jedenfalls auch dann nicht untergehen.

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