0 und 40: Die Postident-App

0 und 40: Die Postident-App

Eine neue SIM-Karte beispielsweise kann in Deutschland nicht mehr ohne Legitimation durch das PostIdent-Verfahren freigeschaltet werden. Das geht mittlerweile auch per App.

Es soll hier nicht um generelle Fragen zum Datenschutz oder ähnliches gehen, vielmehr will ich schildern, wie das Ganze auf mich als Hörbehinderte gewirkt hat. Vorab: Meine Augen und Ohren haben geglüht.

Das Prinzip: In einem Videochat mit einem Mitarbeiter der Deutschen Post wird die Identität des Antragstellers festgestellt. Dazu wird ein Reisepass oder Personalausweis benötigt, und vor allem ein Smartphone mit Kamera.

Der Anfang war viel versprechend, die Verbindung schnell hergestellt. Dann gingen die Probleme los. Obwohl ich zu Hause war und also ein schnelles, stabiles WLAN und ein hochwertiges Handy zur Verfügung hatte, waren Bild und Sprache sehr ruckelig, einmal brach die Verbindung sogar kurz ab. Weil der untere Teil des Displays überwiegend ungenutzt (das heißt, gelb) bleibt, wird die Möglichkeit vertan, entweder ein größeres Bild oder zusätzliche Informationen zu übermitteln (an einer Stelle soll ein Kamerasymbol angetippt werden. Das könnte in dem Moment durch das Einblenden eines Pfeils erleichtert werden, nicht nur ich habe das wahrscheinlich zunächst verzweifelt gesucht).

Die trotz optimaler Grundbedingungen schlechte Übertragungsqualität wurde weiter dadurch dadurch erschwert, dass der Mund der DP-Mitarbeiterin durch das Mundstück ihres Headsets zu einem großen Teil verdeckt und dadurch das Lippenlesen zusätzlich erschwert wurde. Und manchmal würden sich vielleicht auch normal Hörende über eine erklärende Geste freuen („drehen sie den Ausweis hin und her“ – „äh… so?“ – „nein, höher“ – „äh… so?“ – „nein, so dass das Licht von oben darauf fällt“. Das hätte sich sehr einfach mit einer drehenden Bewegung in Kopfhöhe abkürzen lassen. Vielleicht nicht ästhetisch, aber effektiv 😄.

Ich muss allerdings auch erwähnen, dass die Legitimation auf diese Art innerhalb einer Viertelstunde erledigt war, das ist kein Vergleich zur mehrtägigen Bearbeitungsdauer beim herkömmlichen PostIdent-Verfahren: Mit dem Ausweis zum Postamt, Daten werden aufgenommen und weitergeleitet – das kann schon mal zwei Werktage dauern.

Was würde ich jemand mit Hörbehinderung raten? Zum einen würde ich das PostIdent-Verfahren an Laptop oder PC angehen und nicht am Handy, weil ein größerer Monitor das durch das Headset eingeschränkte Lippenlesen erleichtert. Zum anderen kann vielleicht ein guter Kopfhörer mehr aus der Tonqualität herausholen. Vielleicht kann auch ein normal hörender Dolmetscher helfen, aber das finde ich wegen der daraus resultierenden Abhängigkeit unschön.

Fest steht, diese Möglichkeit steht nur denjenigen Hörbehinderten offen, die gut in der hörenden Welt zurecht kommen.

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0 und 40: Lass‘ uns reden

0 und 40: Lass‘ uns reden

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Wieder einmal inspiriert von Lydia, die auf ihrem Blog Tipps für den Umgang mit Blinden gibt, möchte ich hier auf meine Probleme bei der Verständigung mit der normal hörenden Welt eingehen.

Vorab: Ich verstehe vollkommen, dass die Situation für Menschen ohne Hörbehinderung extrem schwierig ist. Dazu trägt natürlich vor allem bei, dass dieses Hindernis bei der Kontaktaufnahme auf den ersten Blick oft nicht erkannbar ist.

Wenn ich einem Fremden unter sozusagen „kontrollierten“ Bedingungen begegne, weise ich direkt nach der Vorstellung auf mein eingeschränktes Hören hin – dass das oft schnell wieder in Vergessenheit gerät und häufig wieder in Erinnerung gerufen werden muss, steht auf einem anderen Blatt.

Tatsache Nummer 1: Wenn ich mich in einem unruhigen Umfeld befinde, mit Hintergrundgeräuschen und Gesprächen um mich herum (Beispiel Busfahren: permanentes Motorengeräusch und eine Gruppe Schüler), ist mir oft nicht klar, dass ich gemeint bin. In dem ganzen Wust von Geräuschen ist es schwer für mich, Sprache herauszufiltern. Es kann dann vorkommen, dass ich auch nicht auf meinen Namen reagiere – es erreicht mich einfach nicht.
Beste Lösung: Blickkontakt zu mir suchen sich so hinstellen, dass ich gut Lippen lesen kann. Dann weiß ich, worauf ich fokussieren muss.
Zweitbeste Lösung: Leicht berühren. Dann verstehe ich auch, dass ich gemeint bin. Zweitbeste Lösung deshalb, weil ich leicht erschrecke. Mir ist schon klar, dass ich vieles nicht mitbekomme, Berührungen verdeutlichen mir, dass etwas (vielleicht auch Gefahr) sehr nahe ist.

Tatsache Nummer 2: Wenn ich in einem Gespräch häufiger sage „das habe ich nicht verstanden“, hat das oft weniger mit der Lautstärke, als mit Deutlichkeit zu tun.
Beste Lösung: Um deutliche Aussprache bemühen. Manchmal sind auch einfach Kleinigkeiten im Weg, die mir das Verstehen erschweren (zum Beispiel ein Vollbart, der mir den Blick auf den Mund des Gegenübers versperrt).
NICHT.SCHREIEN! Wie wohl jeder andere Mensch auch empfinde ich eine laute Ansprache als ziemlich unhöflich. Und wenn es an der Deutlichkeit hapert, hilft ein Mehr an Lautstärke auch nicht weiter.
Zweitbeste Lösung: Wenn es nicht klappt, müssen wir eben sehen, wie es besser geht (kurz in einen ruhigeren Raum wechseln, Stichworte aufschreiben…).

Tatsache Nummer 3: Meine geistigen Fähigkeiten sind von meiner Hörminderung nicht betroffen. Der Gebrauch von „einfacher“ oder „Babysprache“ kränkt mich und ist schlicht unangemessen.
Beste Lösung: Einfach normal reden.

Tatsache Nummer 4: verbale Kommunikation ist für mich sehr anstrengend. Es stimmt zwar, dass ich daran gewöhnt bin und viel ausgleichen kann, aber irgendwann ist einfach das Ende der Fahnenstange erreicht.
Beste Lösung: Akzeptieren, wenn ich nicht bis vier Uhr morgens auf einer Party durchhalte. Akzeptieren, wenn ich lieber Messengerdienste nutze oder eine Mail schreibe, weil es einfacher ist. Akzeptieren, dass es Zeiten gibt, in denen ich nicht zuhören und reden möchte, weil ich Ruhe zum Aufladen brauche.

Tatsache Nummer 5: Über Missverständnisse darf gelacht werden! Ich nehme das nicht krumm und bin die erste, die mitlacht!
Beste Lösung: Lachen – soll gesund sein 🙂

Und wenn ich meinem Gegenüber wortwörtlich an den Lippen hänge, liegt es daran, dass ich mein Hören mit Lippenlesen ergänze. Aber es kann ja auch mal nett sein, die ungeteilte Aufmerksamkeit des Gesprächspartners zu genießen… Es gab schon Lehrer, die sich von mir veralbert fühlten, nun ja, ich bin eben dankbar für alles, was ich verstehe.

Die Teilnahme an der Welt der normal Hörenden ist für diejenigen mit eingeschränktem oder nicht vorhandenem Hörsinn eine anstrengende Sache. Ein geeignetes Umfeld ohne Hintergrundgeräusche, dafür mit viel Licht zum Lippenlesen ist vielleicht nicht romantisch, hilft aber bei der Verständigung. Ein bisschen Rücksichtnahme ist nicht zu viel verlangt, hilft Betroffenen aber so viel weiter.

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0 und 40: Die große Unbekannte Sprachverständnis

0 und 40: Die große Unbekannte Sprachverständnis

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Nach einem Abstecher zum Hörgeräteakustiker und einem weiteren Besuch bei meinem HNO-Arzt in Köln (bei recht angenehmem Wetter, siehe oben) stellte sich heraus, dass die Entzündung in meinem Ohr immer noch nicht komplett abgeheilt ist. Also muss ich meinem Ohr weiterhin so viel hörgerätefreie Zeit wie möglich gönnen und abends noch eine Salbe auftragen. Hartnäckige Geschichte, aber leider nicht so selten bei Hörgeräteträgern.

Mein Hörgeräteakustiker wies gestern auf ein sehr interessantes Thema hin, Sprachverständnis. Hören ist eine Sache, das Gesagte zu verstehen eine ganz andere. Das Verstehen findet im Gehirn statt und ist nicht so selbstverständlich, wie es scheint. Es kann trainiert und auch wieder verlernt werden, daraus folgt, dass eine Schwerhörigkeit am besten zeitnah mit einer Hörhilfe korrigiert sollte. Aber: Das Gehirn muss das Hören mit einem Hörgerät erst lernen. Alles hört sich anders an, lauter, vielleicht auch einfach unangenehm künstlich. Das muss berücksichtigt werden, wenn zum Beispiel ein älterer Mensch nach Jahren nachlassender Hörleistung auf einmal eine Hörhilfe bekommt und zunächst davon gar nicht so begeistert ist. Jüngere Menschen haben natürlich das gleiche Problem, lernen aber schneller. Üben ist leider das einzige, was hilft. Und vor allem: Das Hörgerät viel und lange tragen, fördert den Lerneffekt. Der Hörgeräteakustiker kann helfen, indem er die Einstellungen der Hörhilfe entsprechend anpasst – Hören ist sehr individuell, es ist absolut normal, wenn vor allem am Anfang mehrfach nachgebessert werden muss. Also keine Scheu davor, mehrfach beim Hörgeräteakustiker vorstellig zu werden, der kennt das schon.

Eines liegt mir noch besonders am Herzen. Es geht um die Menschen, die entweder vollständig oder nahezu taub sind. Hier wird oft von Ärzten und Behörden Druck ausgeübt, ein Cochlea Implantat einzusetzen, um die Integration in die Welt der Hörenden zu erleichtern. Ich finde, das ist ein zweischneidiges Schwert. Zum einen sind Gehörlose, vor allem, wenn sie diesen Zustand von Kindheit an gewöhnt sind, damit nicht zwangsläufig unglücklich. Das mag für normal Hörende unvorstellbar sein, aber es ist so. Auch ich, die ich fest in der Welt der Hörenden integriert bin, kann mir tausend schlimmere Dinge vorstellen, als zu ertauben. Zum anderen, und das ist für mich persönlich der Grund, mich gegen ein CI in meinem tauben linken Ohr zu entscheiden: Es gibt keine Garantie, dass im Gehirn Sprachverständnis entsteht. Im Klartext, die Betroffenen hören Geräusche, sind aber nicht in der Lage, Sprache herauszufiltern. In jedem Fall braucht der Umgang mit einem CI monate- oder jahrelanges intensives Training, wie gesagt, ohne Gewähr. Das ist zu bedenken, und eine getroffene Entscheidung in jedem Fall zu respektieren.

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0 und 40: Risiken und Nebenwirkungen, Teil 2

0 und 40: Risiken und Nebenwirkungen, Teil 2

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In 0 und 40: Risiken und Nebenwirkungen, Teil 1 habe ich eine Situation beschrieben, die meine Lage zwar unangenehmer macht, wenigstens aber schnell vorbei ist. Das trifft leider nicht auf alles zu. Manche Begleiterscheinungen meiner Schwerhörigkeit sind so richtig anhänglich.

  • Tinnitus. In meinem Fall ein dauerndes Rauschen, was bei Stress und Ruhe gerne schlimmer wird. Allerdings habe ich schon als Kind gelernt, das Rauschen in Musik umzuwandeln ;-), dann ist es nicht mehr ganz so schlimm. Aber es gibt auch Betroffene, die sehr darunter leiden. Trotzdem macht mir dieses Dauergeräusch im Hintergrund oft Probleme, wenn ich versuche, mich auf etwas (zum Beispiel die Stimme meines Gesprächspartners) besonders zu konzentrieren.
  • Psychische Probleme. Hier kommen mehrere Faktoren zusammen.
    1.) Auch ich bin dem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, bestimmte Leistungskriterien erfüllen zu müssen. Dabei werden meine Einschränkungen oft ignoriert oder kleingeredet. Vor allem trifft das natürlich auf die Arbeitswelt zu, aber das ist genug für einen eigenen Post. Kurzfassung: Hier drohen Burnout und Erschöpfungsdepression.
    2.) Wer schlecht hört, ist außerdem mehr oder weniger vom großen Teil der Welt, die sich überwiegend durch das gesprochene Wort verständigt, ausgeschlossen. Vertraulich flüstern? Sorry, ich verstehe dich nicht. Laute Konzerte oder  Diskotheken? Muss ich leider auch passen, damit mein Gehör nicht noch weiter geschädigt wird. Schwimmen gehen? Seit ich mir einmal eine saftige Pilzinfektion in meinem rechten Ohr nach so einer Aktion eingehandelt habe, bin ich da vorsichtig. Gemütlich plaudern in einem Restaurant oder einer Bar? Hoffentlich sind da nicht zu viele Hintergrundgeräusche, ansonsten ist das Zuhören eine Qual. Kino? Ist vom Film abhängig. Zu laut ist für mich genau so stressig wie zu leise. Und wenn der Film im Original zum Beispiel in Englisch gesprochen ist und auf Deutsch synchronisiert gezeigt wird, entfällt meine große Stütze, das Lippenlesen. Viele Gelegenheiten, bei denen Menschen zusammenkommen, sind für mich eine Herausforderung. Und wer die Erfahrungen anderer nicht teilt, wird zum Außenseiter. Heute habe ich natürlich mehr Gestaltungsmöglichkeiten, aber trotzdem bin ich zum Beispiel nach drei Stunden Reden in großer Runde (wie Familientreffen) einfach nur ausgelaugt und brauche Ruhe. Dabei sehne ich mich genauso danach dazu zugehören, wie jeder andere auch. Nicht bitter zu werden, wenn um mich herum jeder Spaß zu haben scheint, ist manchmal zu viel verlangt von mir. Und der Grat zwischen dem, was ich von mir verlangen kann und  „Mist, das ist jetzt zu viel!“ ist schmal.
    3.) Gerade eine „unsichtbare“ Behinderung wie Schwerhörigkeit wird gerne von den Mitmenschen immer wieder übersehen. Das ist einerseits verständlich, aber immer wieder darauf hinweisen und um Rücksichtnahme bitten müssen, ist sehr mühsam und belastet zusätzlich. Unbeteiligte verstehen oft nicht, welche Situationen relativ einfach (in meinem Fall zum Beispiel: Gespräch zu zweit in ruhiger Umgebung ohne Ablenkung und störende Geräusche) und welche schwierig sind (beispielsweise einem Vortrag zu folgen, wenn um mich herum viel gesprochen wird).

Diese Liste ist natürlich weder repräsentativ noch vollständig. Ich wollte nur deutlich machen, dass Leben mit einer Behinderung ein Hürdenlauf ist, wo andere einfach locker durchlaufen können: Es ist einfach nicht zu vergleichen.

Siehe auch:
0 und 40 Teil 1: Good Vibrations
0 und 40 Teil 2: Fordern und fördern
0 und 40: Risiken und Nebenwirkungen, Teil 1

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0 und 40: Risiken und Nebenwirkungen, Teil 1

0 und 40: Risiken und Nebenwirkungen, Teil 1

Jeder, der mit einer Behinderung lebt, kennt diese blöden Zeiten, in denen die Behinderung noch mal so richtig zeigt, was sie kann. In meinem Fall äußert sich das oft in einer Entzündung von Gehörgang und/oder Mittelohr. Durch das Tragen eines Hörgerätes werden zum einen Bakterien in das Ohr eingebracht, zum anderen die Haut durch den Fremdkörper zusätzlich gereizt. Im Ohr bildet sich übrigens keine Hornhaut, die Haut ist und bleibt empfindlich.

Ich war heute beim HNO-Arzt, weil ich in den letzten Tagen schlechter hörte, und siehe da – wieder mal eine Entzündung. Die dadurch hervorgerufene Schwellung kann Ursache für das schlechte Hören sein. Mein Arzt greift in so einem Fall zu sehr drastischen Methoden: Zwei Tage bleibt ein mit antibiotischer Lösung getränkter Gazestreifen im Ohr. Ich musste es erst auf die harte Tour lernen, dass das der einzige Weg ist, diese Entzündungen zuverlässig auszuheilen. Früher habe ich es immer mit antibiotischen Salben versucht, bei deren Anwendung ich weiterhin mein Hörgerät tragen konnte, denn darauf verzichte ich ungern!

Meinem HNO-Arzt halte ich seit dem Jahr 2000 hartnäckig die Treue. Ich habe ihn damals per Zufall kennengelernt, er hatte die Ferienvertretung für meinen regulären HNO übernommen. Ich hatte damals eine extrem hartnäckige Ohrentzündung, die weder mit fungiziden, noch mit antibiotischen Salben abheilte (wenig später wurde das Melanom bei mir festgestellt, gut möglich, dass mein Körper einfach nicht genug Kraft hatte). Ich schätze sehr an ihm, dass er immer absolut ehrlich ist und nichts schönredet. Als ich ihn also damals im Sommer 2000 das erste Mal bei ihm war, sagte er mir direkt, dass mein Ohr dringend eine hörgerätefreie Zeit braucht und nur so ausheilen kann. Ich habe mich damals sehr dagegen gesträubt, denn ohne Hörgerät konnte ich nicht arbeiten gehen. Schließlich bin ich dann doch seiner Empfehlung gefolgt, und siehe da: Die chronische Entzündung heilte innerhalb weniger Tage aus und blieb auch weg. Wie heißt es so schön: Wer heilt, hat recht. Er hat mir später auch dabei geholfen, den lange überfälligen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. Und er hat mich nie zu einem Cochlea-Implantat auf der tauben linken Seite gedrängt. Er hat die Möglichkeit angesprochen, ich habe begründet, warum ich das bei mir ablehne, und das war es. Meine Besuche bei ihm sind zum Glück selten, meist nicht häufiger als ein- oder zweimal im Jahr, deshalb nehme ich den weiten Weg gerne in Kauf.

Ab heute ist also bis Freitag hörgerätefreie Zeit. Bis dahin werde ich vollkommen taub sein, weil der Gazestreifen im Ohr das Resthörvermögen schluckt. Ich habe also zuerst die wichtigsten Leute informiert, damit sie mich nicht etwa anrufen. Handys und Smartphones erleichtern das Leben in dieser Hinsicht natürlich sehr. Auffällig war einmal wieder die Reaktion der normal hörenden Umwelt, ich wurde ausgiebig bemitleidet. Es wird angenommen, dass ich dann gar nichts machen kann und überhaupt nicht mehr am Leben teilhaben kann.

Das ist absolut falsch. Im Laufe der Jahre hat mein Gehirn großflächig um den Sinn „Hören“ herum gebaut. Ich kann mich im Straßenverkehr recht gut orientieren, indem ich die Situation sehr genau beobachte. Natürlich kann ich kein Hupen, Martinshorn etc. wahrnehmen, aber dann müsste eigentlich auch verboten werden, mit laut aufgedrehtem Radio am Steuer zu sitzen. Auto fahren darf ich jetzt sowieso nicht, im Führerschein ist festgelegt, dass ich nur mit Hörhilfe ein Fahrzeug führen darf. Ich habe mir nach dem Arztbesuch einen Kaffee geholt, und auch das ging ohne Probleme. In ein paar Tagen wird meine Aussprache nicht wirklich leiden, und ich kann ziemlich gut Lippen lesen. Auch die eher ungewöhnliche Frage „Auf welchen Namen?“ (der Name des Kunden wird bei dieser Kette auf den Becher geschrieben) habe ich im ersten Versuch erfasst. Ich weiß, dass ich das Lippenlesen nicht stundenlang durchhalte, dafür ist diese Fähigkeit noch zu schwach ausgebildet, aber für das Nötigste reicht es. Ich würde in meinem jetzigen Zustand auch Bus fahren oder einkaufen gehen und mich dabei nicht extrem unsicher fühlen. Denn ich bin mir bewusst, dass mir auch mit Hörgerät vieles entgeht.

Natürlich freue ich mich, wenn Samstag das Hörgerät wieder benutzen kann. Dann kann ich wieder mit meinen Lieben auf einfache Art und Weise kommunizieren, fernsehen und Musik hören. Aber ich komme mit diesen Widrigkeiten ganz gut zurecht, solange es nur ein zeitlich begrenzter Zustand ist. Sollte völlige Taubheit einmal Dauerzustand sein, werden die Karten neu gemischt. Meine Welt wird jedenfalls auch dann nicht untergehen.

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0 und 40 Teil 2: Fordern und fördern

0 und 40 Teil 2: Fordern und fördern

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Meine Mutter und ich im Herbst 1971

Heute hat Fundevogel einen wunderbaren Post veröffentlicht, in dem es um die Schwierigkeiten geht, einen Integrationsplatz im Kindergarten zu erstreiten. Das hat mich an die Herausforderungen erinnert, denen sich meine Familie in den 1970er Jahren gegenüber sah.

Damals gab es noch nicht diese engmaschigen Vorsorgeuntersuchungen für Kinder. Abgesehen von den Impfungen haben wir den Kinderarzt nur im Krankheitsfall zu Gesicht bekommen. In meinem Fall wurde also zum Beispiel auch nie das Hörvermögen besonders überprüft (wie in der U3 festgelegt). Verzögerungen in der Sprachentwicklung wurden auf meine Frühgeburt zurückgeführt.

Nach einer Mittelohrentzündung im späten Kindergartenalter fiel meiner Mutter auf, dass etwas mit meinem Hören ganz und gar nicht stimmen konnte, und ich nicht mehr auf Rufen und Ansprechen reagierte wie sonst. Eine Odyssee begann.

Ich erinnere mich sehr genau an die Tests. Ärzte und Hörgeräteakustiker waren damals in keiner Weise auf Kinder eingestellt. So durfte meine Mutter oft nicht bei den Untersuchungen dabei sein, obwohl ich mehr als einmal durch Weinen und Schreien deutlich machte, dass ich nicht alleine gelassen werden wollte. Außerdem hat nie jemand versucht, mir zu erklären, was genau gemacht wurde und warum. Ich war ein intelligentes Kind, ganz sicher hätte ich altersgemäße Erklärungen verstanden. Es wurde von mir verlangt, mich immer ruhig und verständig zu verhalten, wie eine Erwachsene. Das war ich natürlich nicht, eine Menge unangenehmer Erfahrungen sammelte sich an. Ich wurde sehr ängstlich und scheu und entwickelte mich zurück. Meine Mutter musste wieder immer in meiner Nähe sein. Auch für meine Mutter war das eine sehr schwere Zeit, sie konnte nur zusehen, was mit mir gemacht wurde und wurde auch nicht informiert.

Es stellte sich also heraus, dass nicht nur das rechte Ohr durch die Mittelohrentzündung geschädigt war, sondern das auf dem linken Ohr eine bislang unerkannte Taubheit vorlag – vermutlich von Geburt an durch die Frühgeburt, so die Erklärung. Schließlich wurde mir ein Hörgerät für das rechte Ohr angepasst, und meine Eltern und ich waren von da an auf uns alleine gestellt. Eine Hörgeräteakustikerin erzählte mir, dass es zumindest in ihrer Kette mittlerweile auf Kinder spezialisierte Mitarbeiter gibt. Hoffentlich ist das kein Einzelfall.

Dann kam der Schulreifetest. Ich verweigerte mich völlig. Ich wusste genau, ich hätte diese Fragen alle beantworten können, aber ich war zu unsicher. Dauernd rutschte ich auf meinem Stuhl hin und her und wollte aus dem Zimmer zu meiner Mutter, die draußen wartete. Damals gab es noch die Möglichkeit in NRW, zwischen Kindergarten und Schule ein Vorschuljahr zu schieben. Das tat mir sehr gut. Wir waren eine kleine Gruppe von ungefähr zehn Kindern, alle mit unterschiedlichen Problemen. Geleitet wurde die Gruppe von einer Lehrerin und einer Assistentin. Vieles ähnelte dem Schulalltag, wir saßen überwiegend an Tischen und behandelten Themen wie Schreiben lernen und Zählen. In dieser Zeit gewöhnte ich mich daran, mein Hörgerät zu tragen, Sprache zu verstehen und in einer Gruppe so weit wie möglich zurechtzukommen.

Dann der Tag der Einschulung, auf einer Schule für hörbehinderte und taube Kinder. Und an diesem Tag begann sie, meine Wanderung zwischen den Welten der Hörenden und der Nichthörenden. Die meisten Mitschüler sprachen Gebärdensprache und sprachen kaum. Ich kannte Gebärdensprache überhaupt nicht und war sofort außen vor. Der Unterricht fand simultan in Laut- und Gebärdensprache statt. Der Lehrstoff der ersten Klasse wurde hier auf zwei Schuljahre verteilt, das Lehrmaterial war aber stellenweise das gleiche wie in den Regelgrundschulen.

Zu diesem Zeitpunkt konnte ich schon fließend lesen und langweilte mich sehr. Mir war ganz klar, dass es „die“ Puppe heißt, nicht „der“ oder „das“ Puppe. Die Empfehlung der Lehrer war, mich so schnell wie möglich auf eine Regelgrundschule umzuschulen. Meine Eltern machten es irgendwie möglich. Ich war sehr erleichtert, weil ich viele Kinder dieser Schule aus meiner Nachbarschaft kannte. Ich musste einiges an Stoff nacharbeiten, aber das war kein Problem. Mich in einer großen Gruppe von 25 Mitschülern zurechtzufinden, war schlimm, vor allem in den Pausen oder im Sportunterricht, wo es lauter war und alle durcheinanderredeten. Und: Die Schwerhörigkeit hatte zu einer undeutlichen Aussprache geführt. Zusätzlich zum normalen Schulstoff ging es also noch einmal wöchentlich zum Logopäden. Auch hier hoffe ich sehr, dass es mittlerweile kindgerechter zugeht. Gearbeitet wurde mit Schautafeln und Büchern. Wir mussten die Objekte benennen, auf die gezeigt wurde. Auch hier keine kindgerechten Erklärungen, warum und wozu. Zu Hause wurde weiter geübt, es gab ein Bilderbuch mit Bildern. Ich musste die Gegenstände benennen, auf die meine Mutter zeigte. Ich lernte in dieser Zeit ziemlich deutlich sprechen, nur die S-Laute sind immer noch verwaschen. Mein Mann sagt, es hört sich ein bisschen an wie Lispeln. Aber sonst höre ich mich kaum anders an als jemand, der normal hört.

Soweit, so gut, möchte man meinen. Aber ich habe auch sehr viel Glück gehabt.

1.) Meine Mutter hat wie eine Löwin dafür gekämpft, dass ich die richtige Förderung erhalte und viel Zeit auf Lernen und Sprachübungen gelegt, sodass
a) ich in der Regelschule keinen Stoff versäumte, der vielleicht doch an meinen Ohren vorbeigerauscht war, und
b) so gut sprechen konnte, dass ich nicht zum Gespött meiner Mitschüler wurde.

2.) Mein Vater arbeitete zu diesem Zeitpunkt als Gymnasiallehrer. Daraus folgt
a) es war immer genug Geld für Therapien und Hörgeräte mit der neuesten Technik vorhanden,
b) meine Mutter konnte es sich leisten, zu Hause zu bleiben und mit mir zu üben, und
c) als Lehrer konnte er mit Direktoren und Kollegen auf Augenhöhe sprechen und mir damit Türen öffnen, die sonst verschlossen geblieben wären.

Allerdings war das Motto meiner Eltern: Fördern und Fordern. Es wurde von mir verlangt, dass ich mich komplett an die Welt der Hörenden anpasse. Von meiner Intelligenz her kein Problem, aber ich habe Jahre gebraucht, um endgültig zu verstehen, dass das nicht vollständig funktionieren kann und es Bereiche gibt, in denen ich einfach nicht mithalten kann. Ohne daran schuld zu sein, ohne es ändern zu können. Punkt. Schwierig war, keine Ratschläge von anderen bekommen zu können. Wir kannten keine Familien mit einer ähnlichen Konstellation oder Beratungsstellen, und vom Internet waren wir noch ein paar Jahrzehnte entfernt. Wir alle haben uns durch diese Zeit gekämpft, wie wir es am besten wussten.

Mehr dazu hier:
0 und 40: Teil 1
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0 und 40 Teil 1: Good Vibrations

0 und 40 Teil 1: Good Vibrations

 

Menüpunkt Wecken auf einer Smartwatch

 

 

(Inspiriert von Lydia, die auf ihrem Blog Lydia’s Welt u. a. hier davon erzählt, wie die moderne Technik ihr das Leben als Blinde erleichtert).

Das ist der erste Teil einer Serie, in der ich von meiner Schwerhörigkeit berichte. Der Titel „0 und 40“ bezieht sich auf mein Hörvermögen (0% auf dem linken, 40% auf dem rechten Ohr).

Normal hörende Mitmenschen haben mich schon manches Mal als „dumm“ (stimmt nicht) oder „taub“ (nicht ganz richtig) bezeichnet. Ich denke, es fehlt an Aufklärungsarbeit. Viele Menschen gehen davon aus, dass Schwerhörigkeit nur ältere Menschen betrifft, aber auch das ist nur die halbe Wahrheit.

Es ist auch wichtig zu betonen, dass es nicht nur EINE Art von Schwerhörigkeit gibt. Jede/r Betroffene/r ist verschieden und empfindet anders. In meinem Fall liegt auf dem rechten Ohr eine Hochtonschwerhörigkeit vor, das bedeutet zum Beispiel vermehrte Probleme beim Sprachverständnis und dem Hören von Telefonklingeln, Türklingel oder Wecker.

Als ich Kind war, haben meine Eltern alle möglichen Wecker mit mir durchprobiert. Alle wurden davon wach, nur ich nicht. Lange war ich daher darauf angewiesen, dass mich jemand weckt. Durch Zufall haben wir Jahre später herausgefunden, dass ich von der Musik eines Radioweckers (die mehr Bässe enthält als das Piepsen eines Weckers) wach wurde. Ich war begeistert über ein weiteres Stück Unabhängigkeit!

Das hat bis vor zwei Jahren wunderbar funktioniert. Dann tat das Gehör mit Mitte vierzig altersbedingt einen Rutsch und Radiowecker funktionierte nicht mehr. Mir wurde klar, dass ich auf ein Wecksystem umsteigen muss, das mit sanften Erschütterungen oder Vibrationen weckt. Lichtsignale wecken mich nämlich nicht.

Schnell stellte sich heraus, dass es einige Möglichkeiten gibt. Mir ist wichtig, dass mein Wecker problemlos mit mir umziehen kann, wenn ich nicht in meinem Bett schlafe. Der erste Versuch war ein Funkwecker, der mit einem Vibrationsarmband gekoppelt ist. Zwei Weckzeiten können an dem Wecker eingestellt werden, dabei kann noch ausgewählt werden, ob nur mit Ton, nur mit Vibrationsarmband, oder mit beidem geweckt werden soll. Das Vibrationsarmband wird über ein USB-Kabel aufgeladen und kann auf drei verschiedene Stufen eingestellt werden. Den Wecker haben wir heute noch, er tut meinem Mann gute Dienste. Und ich muss sagen, das Armband funktioniert wunderbar. Was mir fehlte, war eine Ladeanzeige am Armband. Gerade, wenn ich es einige Tage nicht benutzt hatte, musste ich es immer auf gut Glück vorher aufladen, weil ich den Ladezustand nicht abschätzen konnte. Ich will ungern riskieren, dass ich wegen leerer Batterie nicht geweckt werde.

Des Rätsels Lösung war schließlich eine billige Smartwatch. Deren Vibrationen reichen zuverlässig aus, um mich zu wecken. Für jemanden, der einen stärkeren Impuls braucht, Licht als Weckmethode bevorzugt, oder nicht vertraut mit Smartphones ist (und das wird sogar zum Einstellen der Uhrzeit einer Smartwach gebraucht), ist das natürlich keine Hilfe. Wichtig ist, das individuell beste Hilfsmittel zu finden.

Und so heißt es auch morgen früh wieder bei mir: good vibrations!

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