Wartezimmerbetrachtungen, Teil 3

Wartezimmerbetrachtungen, Teil 3

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Neues Quartal, neue Rezepte, neues Glück. Aber irgendwie waren meine letzten Wartezimmerbetrachtungen geprägt von Ungeduld und Hektik.

  • Um zur Schmerzambulanz zu kommen, muss ich durch den Wartebereich zur allgemeinen Anästhesiesprechstunde. Ich sehe, dass alles voll ist und dass die Arzthelferin von der Schmerzambulanz hier aushilft, um dem Ansturm irgendwie gerecht zu werden. Ich sage also „Guten Tag!“ und gehe weiter nach hinten durch. In der Schmerzambulanz sitzt genau eine Patientin. Ich sage wieder „Guten Tag“ und setze mich. Nach zwei Sekunden herrscht mich die Mitpatientin an: „Haben Sie einen Termin?!“
    Ups. Ich antworte höflich, dass ich nur etwas abholen möchte und frage: „Warten Sie denn schon lange?“
    „Schon zwanzig Minuten!“
  • Beim Frauenarzt erscheint eine junge Frau und erklärt, sie sei ein Notfall: Sie sei schwanger und hätte starke Bauchschmerzen. Sie will unbedingt sofort dazwischen geschoben werden. Mit Blick auf das volle Wartezimmer sagt die Sprechstundenhilfe, das sei nicht möglich. Die Patienten wiederholt ihren Spruch. Die Sprechstundenhilfe fragt: „Haben Sie denn schon einen Test gemacht? Den müssen Sie nämlich bei uns auch bezahlen.“
    Die Patientin wiederholt ihren Spruch zum dritten Mal. Die Sprechstundenhilfe wird deutlicher: „Sie können jetzt nicht zum Arzt. Wenn Sie starke Schmerzen haben, müssen Sie sofort ins Krankenhaus fahren! Und bitte rufen Sie einfach demnächst vorher an und kommen nicht einfach vorbei, dann können wir Ihnen direkt sagen, ob es voll ist.“
    Ich frage mich, ob solche Aussagen vielleicht auch ein Grund für die vollen Notaufnahmen in den Krankenhäusern sein können, und mustere die Patientin unauffällig – jemand, der starke Bauchschmerzen hat, sieht in meiner Vorstellung anders aus.
    Die Patientin wiederholt einen Spruch zum nunmehr vierten Mal, ins Krankenhaus möchte sie nicht. Die Sprechstundenhilfe sagt, dass sie am folgenden Tag gegen Mittag vorbei kommen kann. Das lehnt die Patientin wegen ihrer Schule ab. Die Sprechstundenhilfe bietet an, eine Bescheinigung für die Schule auszustellen und betont nochmals, dass ein Termin am gleichen Tag nicht möglich ist. Die Patientin nimmt die Bescheinigung und verlässt die Praxis ohne „Dankeschön“ oder „Auf Wiedersehen“.

So verständlich der Ärger über die Marotten des deutschen Gesundheitssystems auch sein mag, der Ton ist ziemlich rau. Andererseits ist die Gefahr groß, nicht angemessen behandelt zu werden. Ende des Dilemmas leider nicht in Sicht.

Siehe auch
Wartezimmerbetrachtungen, Teil 2
Wartezimmerbetrachtungen, Teil 1

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Wartezimmerbetrachtungen, Teil 2

Wartezimmerbetrachtungen, Teil 2

Die Schlange wartender Menschen vor der Anmeldung der Psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) war lang. Hinter mir hörte ich eine sehr laute Frauenstimme sagen: „HABEN SIE AUCH WHATSAPP ODER NUR SMS?“ Ich fühlte mich nicht angesprochen und dachte nur: „Muss die Frau so laut reden?!“ Wenn ich mit meinem schlechten Gehör Stimmen als unangenehm laut empfinde, ist das schon als ziemlich durchdringend einzuschätzen.

Irgendwann fanden wir uns dann alle im Wartezimmer wieder. Weil das laute Gerede nicht aufhörte, riskierte ich einen genaueren Blick. Neben der besagten laut sprechenden Dame saß eine junge Frau, Mitte zwanzig. Mir fiel auf, dass die Dame ihre Worte mit Gebärdensprache begleitete. Ich sah genauer hin, und bemerkte bei der jungen Frau weder Hörgeräte, noch Cochlea Implantate, wahrscheinlich war sie also taub. Sie antwortete ihrem Gegenüber nicht mit Gebärdensprache, sondern mit Lautsprache. Dabei war sie nicht, wie man vielleicht denken könnte, extrem laut, sondern durchaus angenehm. Sie war auch wirklich gut zu verstehen, die Aussprache vielleicht etwas verwaschen, die Modulation ein bisschen anders, aber sonst einem normal hörenden Gegenüber durchaus gewachsen. Weil sie nicht die Gebärdensprache benutzte und so verständlich sprach, folgerte ich, dass sie wahrscheinlich normal sprechen gelernt hatte und erst später ertaubt war. Die Begleiterin redete weiterhin laut auf sie ein, und ich rollte innerlich die Augen: Bei einem tauben Gesprächspartner spielt die Lautstärke der Sprache nun wirklich keine Rolle. Eher schon deutliche Aussprache, das erleichtert es, von den Lippen abzulesen.

Ich war schwer beeindruckt, wie gut sich diese junge Frau die Fähigkeit zu sprechen erhalten hat. Und das wollte ich ihr auch sehr gerne sagen. Aber wie am besten? Gebärdensprache beherrsche ich nicht, und ob ich so klar spreche, dass jemand von meinen Lippen lesen kann, weiß ich nicht. Zum ersten Mal verstand ich die Hemmschwelle, die sich für viele Normalhörende im Umgang mit Schwerhörigen und Tauben auftut. Fest entschlossen so zu handeln, wie ich es mir von meinen Mitmenschen wünsche, nahm ich meinen Mut zusammen und tippte die junge Frau vorsichtig auf die Schulter, um sie auf mich aufmerksam zu machen. Sie war so auf ihr Gegenüber konzentriert, dass sich keine Möglichkeit zum Blickkontakt ergab.

Nächstes Problem: Spreche ich sie nun selber an, oder ihre Begleitung, die für sie übersetzt? Wieder einmal ging ich davon aus, wie ich selber behandelt werden möchte. Wenn jemand mit mir kommunizieren möchte, soll er/sie mich bitte auch direkt ansprechen, egal, wie schwierig es wird. Ich bemühte mich um „normale“ Aussprache, nicht zu schnell und nicht zu langsam: „Hallo! Ich wollte nur sagen, dass ich finde, dass Sie eine sehr gute Aussprache haben. Ich trage selber ein Hörgerät und bin auf dem anderen Ohr taub, ein bisschen kenne ich das Problem.“

Ihre Augen begannen sofort zu strahlen, und ich war froh, mich überwunden zu haben. Wir kamen dann zu dritt ins Gespräch, die laut sprechende Dame gab sich als ehrenamtliche Gebärdensprachendolmetscherin zu erkennen, die taube Menschen zu Arztterminen oder Behördengängen begleitet. Ich hatte richtig vermutet, die junge Frau hat bis zu ihrer Pubertät normal gehört, und ist dann schlagartig ertaubt (nach den genauen Umständen habe ich nicht gefragt).

Nach meinem Arztgespräch habe ich die junge Frau wieder gesehen, sie saß im Wartezimmer und hatte eine – sehr übersichtliche – Liste mit Therapeuten in der Hand, die Gesprächstherapie mit Gebärdensprache anbieten. Die Wartezeiten sind schon bei herkömmlichen Psychotherapeuten sehr lang, bei einem Spezialisten bestimmt noch viel mehr.

Diese Begegnung, und die Tatsache, dass ich bei meinen stationären Aufenthalten überproportional viele hörbehinderte Menschen getroffen habe, wirft für mich die Frage auf, ob Schwerhörigkeit und Taubheit einen guten Nährboden für psychische Erkrankungen bieten. Zum einen ist das Leben mit einer Behinderung sowieso schon erschwert, und gerade Hörbehinderte und Taube sind von vielen gesellschaftlichen Anlässen ausgeschlossen. Viele Normalhörende sind wahrscheinlich einfach unsicher und wissen nicht, wie Kommunikation ablaufen kann.

Dieses Erlebnis, bei dem ich mich ausnahmsweise sozusagen auf der anderen Seite befunden habe, hat mir die Augen geöffnet. Wenn ich mich schon gegenüber einem tauben Mitmenschen so unsicher fühle, obwohl ich mich mit dem Thema Hörbehinderungen seit über vierzig Jahren vertraut bin, wie muss sich dann erst jemand ohne diese Erfahrung fühlen. Doch es zeigt auch: Kommunikation ist möglich, wenn beide Seiten es wollen.

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Wartezimmerbetrachtungen, Teil 1

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Wartezimmerbetrachtungen, Teil 1

Wartezimmerbetrachtungen, Teil 1

Wenn ich die Zeit bezahlt bekäme, die ich in den Wartezimmern meiner Ärzte zubringe, wäre ich vielleicht nicht reich, aber doch wohlhabend. Aber es reicht, um eine weitere Blogkategorie ins Leben zu rufen.

Ich habe heute beim Hausarzt meines Mannes ein Rezept abgeholt. Das Wartezimmer war brechend voll. Leider ist das bei allen Hausärzten hier der Normalzustand. Nicht nur jetzt, wo Erkältungen und grippale Infekte umgehen.

In der Praxis meiner Hausärztin werden keine Termine mehr vergeben, weil sie doch nicht eingehalten werden können. Wer kein Notfall ist, muss sich zu den anderen Patienten ins Wartezimmer setzen und viel Zeit mitbringen. Ich finde es ehrlicher, unter diesen Umständen keine kostbare Zeit am Telefon mit der Vergabe ohnehin sinnloser Termine zu vergeuden.

Meine Hausärztin ist in mehrfacher Hinsicht ein Glücksgriff für mich. Sie ist Fachärztin für Innere Medizin, was sehr hilfreich bei der Behandlung meiner chronischen Schilddrüsenerkrankung ist (Hashimoto Thyreoiditis bedeutet, dass der Körper seine eigene Schilddrüse zerstört). Das gleiche gilt für meinen Diabetes Typ 2. Wenn sie sich unsicher ist, gibt sie das auch zu und überweist mich an die entsprechenden Fachärzte. Sie hat auch den Überblick über die ganzen Medikamente, die ich nehme, und schätzt Wechselwirkungen und Nebenwirkungen richtig ein. Das Personal in der Praxis ist freundlich, kompetent und bemüht sich trotz der hohen Belastung sehr um die Patienten.

Und manchmal geht in dem ganzen Chaos auch mal etwas daneben. Bei meinem letzten Besuch wollte ich meine Tetanus/Diphterie-Impfung auffrischen lassen. Die Ärztin wies ihre Sprechstundenhilfe an, was zu tun ist, ich wurde geimpft, verließ die Praxis, warf im Bus einen Blick auf den Impfpass – und erstarrte. Ich war soeben zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen gegen Grippe geimpft worden. Kaum zuhause angekommen, rief ich in der Praxis an. Halb wütend, halb ängstlich wegen möglicher Nebenwirkungen einer Überdosierung. Die Ärztin entschuldigte sich für den Fehler ihrer Angestellten und beruhigte mich: Eine doppelte Dosis Grippeimpfstoff würde wahrscheinlich keine Folgen haben.

So war es auch. Hätte ich nicht im Impfpass nachgeschaut, hätte ich nichts bemerkt (wäre allerdings natürlich davon ausgegangen, gegen Tetanus und Diphtherie geimpft worden zu sein, was ja im Fall einer Verletzung wichtig werden kann). Alles gut ausgegangen, alle Beteiligten haben Glück gehabt…

Ich mache der Sprechstundenhilfe keinen Vorwurf. Mich wundert vielmehr, dass bei dem Arbeitspensum in deutschen Hausarztpraxen nicht mehr passiert.

Gerade hier auf dem Land werden in Zukunft immer weniger Hausärzte immer mehr Patienten versorgen müssen. Gleichzeitig leben auf dem Land immer mehr ältere Menschen, die häufiger behandelt werden müssen als junge Menschen. Besonders schlimm finde ich, dass dieses Problem seit Jahren bekannt ist und immer noch nicht richtig angegangen wird.