Wegwerfgesellschaft, Teil 2

Wegwerfgesellschaft, Teil 2

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Es war wieder einmal so weit: Das zuständige Abfallunternehmen teilte uns die Abschlagszahlungen für das aktuelle Kalenderjahr mit. In unserer Gemeinde gibt es eine Besonderheit: Der Restmüll wird nicht nach Volumen, sondern nach Kilogramm abgerechnet. Jede Mülltonne ist mit einem Barcode versehen, der Müllwagen ist mit einer Waage ausgestattet. Jeder Haushalt (das kann auch eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus sein) erhält einmal jährlich eine Abrechnung und wird so über die entsorgte Menge Restmüll informiert. Nicht zum Restmüll zählt der Biomüll, hier ist den Haushalten freigestellt, ob sie selber kompostieren oder den Biomüll in einer gesonderten Mülltonne zu einem geringeren Kilopreis als den Restmüll entsorgen. Papiermüll, gelbe Säcke und Glas werden sowieso getrennt entsorgt.

In unserem Fall wurden also 2017 für zwei Personen 84,50 kg Restmüll entsorgt. Und ich muss zugeben, dass diese Art der Abrechnung schon dazu beigetragen hat, dass wir sehr sorgfältig Müll trennen. Altkleider und Elektrokleingeräte bringen wir natürlich zu den entsprechenden Containern, wo sie kostenlos entsorgt werden können – Bequemlichkeit ist nicht nur vielleicht illegal, sie kostet in jedem Fall Geld. Diese Mentalität „Ist ja noch Platz in der Mülltonne“ entfällt. Außerdem vermeiden wir natürlich, dass Restmüll entsteht – ein Beispiel ist, dass wir mittlerweile nur noch ganz selten Essensreste wegwerfen. Dass jeder Haushalt die genaue Restmüllmenge des vergangenen Jahres mitgeteilt bekommt, kann zusätzlich Bewusstsein schaffen. Alles, was das Bewusstsein in Richtung Müllvermeidung richtet, ist positiv.

Der größte Nachteil dieses Systems ist, dass es nicht flächendeckend angewendet wird. Es findet ein Mülltourismus statt, unter dem die umliegenden Gemeinden zu leiden haben, oder die Allgemeinheit, wenn der Müll einfach im Wald entsorgt wird. Zum anderen wird der Fokus nur auf das Vermeiden von Restmüll gelegt. Hinzu kommt, dass dieses aufwändige Abrechnungssystem seinen Preis hat, der natürlich letztlich vom Endverbraucher bezahlt wird. Auch dieses System hat natürlich Ungerechtigkeiten: Haushalte, in denen regelmäßig schwere weil mit Flüssigkeit vollgesogene Babywindeln oder Inkontinenzprodukte entsorgt werden, zahlen unverhältnismäßig viel. Weshalb immer wieder eine Abschaffung, bzw. Anpassung des Systems gefordert wird, aktuell läuft gerade wieder einmal eine Online-Petition.

Fest steht, wegen der niedrigen Abfallgebühren wird niemand hier hin ziehen. Sollte dieses System weiter verbreitet werden, müssen steigende Abfallgebühren in Kauf genommen werden. Und so oder so fehlt eine Ausrichtung, die auf die Vermeidung aller Müllarten abzielt. Letztlich ist die Initiative jedes einzelnen, wie hier so schön von  Koriandermadame beschrieben, unverzichtbar.

Siehe auch:
Wegwerfgesellschaft, Teil 1

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Wegwerfgesellschaft, Teil 1

Wegwerfgesellschaft, Teil 1

Als ich nach Kleidung für die Altkleidersammlung suchte, stieß ich auf diesen Wintermantel. Früher war er fester Bestandteil meiner Arbeitsgarderobe. Heute trage ich lieber Steppmäntel, die sind wärmer und bequemer. Wenn ich einkaufen gehe oder zu einer Therapiestunde unterwegs bin, ist mir nicht so wichtig, wie ich aussehe.

Ich entschied mich, den Mantel für festliche Anlässe wie Silvester zu behalten. Bei näherem Hinsehen entdeckte ich, dass Knöpfe abgerissen waren. Aber es ist doch kein Problem, neue zu kaufen, dachte ich. Genau damit lag ich falsch. Die ganzen kleinen Kurzwarengeschäfte, an die ich mich erinnerte, gab es nicht mehr, vielleicht sind auch sie dem Onlinehandel zum Opfer gefallen. Zum Glück wurde ich im kleinen Kaufhaus unserer Kreisstadt fündig, online einkaufen oder in die nächste Großstadt fahren hätte zusätzliche Kosten verursacht (Porto oder Fahrkarte). Die vier Knöpfe kosteten 8 € und ich versuchte mich zu erinnern, was der Mantel damals gekostet hatte (zwischen 40 € und 50 €, denke ich). War es das wert, dafür noch mal 8 € auszugeben?

Schließlich habe ich die Knöpfe dann doch gekauft und den Mantel wieder gebrauchsfähig gemacht. Und bin ins Grübeln gekommen. Wann habe ich das letzte Mal ein Kleidungsstück repariert, anstatt es wegzuwerfen? Ich kann mich nicht mehr daran erinnern. Geld ist knapp, seit ich nicht mehr arbeiten gehe, also kommt der Großteil meiner Alltagsgarderobe vom Discounter. Ich habe alles, was ich brauche und noch viel mehr, aber es hält eben selten länger als ein Jahr. Wenn ich etwas Teureres haben möchte, wünsche ich es mir zu Weihnachten oder zu meinem Geburtstag. Das sind dann aber auch Kleidungsstücke, die ich nur zu besonderen Anlässen anziehe.

Ich werde nicht immer der Wegwerfgesellschaft oder Billigläden entkommen können. Aber ich werde versuchen, nachzudenken, ob ich diese Jeans oder dieses Top unbedingt noch brauche. Oder eben Knöpfe austauschen. Kleinvieh macht auch Mist.

Siehe auch
Wegwerfgesellschaft, Teil 2