Frühlingserwachen|abc-Etüden

Frühlingserwachen|abc-Etüden

Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Denkanstöße kommen dieses Mal von Sabine.

Endlich hatte sie eine halbe Stunde für sich allein. Es war ein sonniger Vorfrühlingstag, und sie nahm ihre Lieblingskuscheldecke mit auf den Balkon. Sie setzte sich auf den gemütlichen Liegestuhl und machte es sich bequem. Bevor sie das Buch aufschlug, strich sie mit der Hand an dem Lesezeichen entlang – sie hatte es aus London mitgebracht; ein irischer Segensspruch stand darauf.

Ihr Blick streifte über die Gartenflächen unter ihr. Das Trampolin im Garten rechts sah ziemlich altersschwach aus, aber das hinderte die elfjährige Sarah nicht daran, darauf kraftvoll auf und ab zu hüpfen. Ihre Lebensfreude war ansteckend. Lächelnd begann sie zu lesen.

Sie ahnte es nicht, aber das würden ihre letzten friedlichen Momente für eine lange Zeit sein. In einer halben Minute würde sie ihre erste schlimme Panikattacke bekommen und denken, sie würde sterben. Ihr Leben würde brutal in ein „Vorher“ und ein „Nachher“ zerfallen. Fast ein ganzes, anstrengendes Jahr würde vergehen, bevor sie sich wieder ins Leben gekämpft hatte. Aber niemals würde sie diese letzten sorgenfreien Augenblicke vergessen, und sie würden ihr Wegweiser zurück in einen neuen Alltag sein.

 

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Geheimagentin wider Willen|abc-Etüden

Geheimagentin wider Willen|abc-Etüden

Etüden 2019 06+07 | 365tageasatzaday

Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Denkanstöße kommen dieses Mal von Petra Schuseil.

„So ein Mist!“ fluchte sie, lenkte das Auto auf den Standstreifen der Autobahn und hielt an. Sie stieg aus, schaltete die Taschenlampenfunktion ihres Handys ein und kontrollierte die Winterreifen, die erst vor zwei Wochen aufgezogen worden waren. Der linke Hinterreifen war platt. Ausgerechnet heute, wo sie beschlossen hatte, Steffen hinterher zu fahren und mit eigenen Augen zu sehen, ob er sich wirklich mit seinen Freunden an der Bowlingbahn traf. Sollte Lisa sie doch übertrieben eifersüchtig nennen, sie musste einfach Gewissheit haben, ob da etwas lief zwischen Steffen und seiner Arbeitskollegin.

Auf dem kurzen Weg zurück zur Fahrertür des Autos ging das Handy aus – der Akku war leer! Warum hatte sie den nicht schon längst ausgetauscht, oder wenigstens daran gedacht, das Ladekabel mitzunehmen?

„Und was mache ich jetzt?“ fragte sie laut in die kalte Winternacht. Auf dem Standstreifen waren glatte Stellen und Schneehügel, sie würde es nicht zur nächsten Notrufsäule schaffen, ohne zu stolpern oder sogar zu stürzen.

Seufzend ließ sie sich in den Fahrersitz fallen. Sollte sie es riskieren, langsam weiter zu fahren? Oder doch versuchen, im Dunklen den Reifen zu wechseln? Oder lieber warten, bis jemand vorbeigefahren kam und anhielt?

„Scheiße!“ flüsterte sie und fühlte die Tränen kommen. Nur verschwommen sah sie im Rückspiegel die Frontscheinwerfer eines anderen Autos, das hinter ihr anhielt. Ein Mann stieg aus und klopfte an das Fenster. Ihre Herz klopfte wie wild, als sie die Scheibe ein kleines Stück herunterfahren ließ.

„Also, eine Geheimagentin wird mit Sicherheit nie aus dir!“, hörte sie Steffen belustigt sagen. „Aber als du auf einmal nicht mehr hinter mir her gefahren bist, habe ich mich schon gefragt, wo du geblieben bist!“

 

Satinhochzeit|abc-Etüden

Satinhochzeit|abc-Etüden

Etüden 2019 04+05 | 365tageasatzaday

Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Denkanstöße kommen dieses Mal von Myriade.

Dieses Jahr war unser 24. Hochzeitstag. Angeblich wird dieser Tag auch Satinhochzeit genannt, aber ich habe keine einheitliche Erklärung gefunden, woraus sich diese Bezeichnung ableitet.

Eine These ist, dass Satinstoff zwei Seiten hat – eine ist seidig und glatt, die andere rau. Das ist eine Analogie zu den guten und schlechten Zeiten, die sich während dieser Jahre wahrscheinlich in jeder Ehe ereignen.

Oft kann ich kaum glauben, dass dieser Tag schon so lange her sein soll, an dem wir im Kölner Rathaus vor dem Standesbeamten standen – fest entschlossen, von nun an zusammen aus der Salatschüssel zu essen, die das Leben uns vorsetzt. Wie die meisten Ehepaare am Tag ihrer Hochzeit waren wir voller guter Vorsätze, und zum Glück wussten wir damals nichts von den dunklen Wolken, die manchmal den gemeinsamen Weg verdecken.

Ehe bedeutet für mich unter anderem, Verantwortung zu übernehmen. Was ich tue, hat Konsequenzen für meinen Ehemann, und umgekehrt. Aber genau so wichtig finde ich, dass beide Ehepartner sich über eines klar sein müssen: Menschen verändern sich im Laufe ihres Lebens – nicht immer zum Guten, und „Sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ ist keine Selbstverständlichkeit. Dass chronische Schmerzen und Depressionen einmal Teil unseres Lebens sein würden, haben wir damals nicht geahnt. Wir haben auch nicht gewusst, wieviel Vertrautheit und Nähe zwischen uns entstehen würde; oder wie glücklich uns die gemeinsame Fürsorge für unsere Fellnasen macht.

Das Gute und das Schlechte, die glatte und die raue Seite – wir kennen das ungeschminkte Gesicht des Schicksals. Aber wir tragen unsere Kleider aus Satin mit Stolz.

Die zweite Chance|abc-Etüden

Die zweite Chance|abc-Etüden

2019 02+03 | 365tageasatzaday

Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Denkanstöße kommen dieses Mal von Ludwig Zeidler.

Als sie die Türe aufschloss, konnte sie schon Astros Krallen auf den glatten Fliesen hören, und kaum stand sie im Flur, war er an ihrer Seite. Wie immer wedelte er so heftig mit dem Schwanz, dass sich sein ganzer Körper mitbewegte. Sie streichelte das weiche Fell an seinem Kopf und redete leise auf ihn ein, bis er sich wieder beruhigte. Er wich ihr nicht von der Seite, als sie sich im Schlafzimmer bequeme Kleidung anzog und sich danach in der Küche eine kleine Schüssel Salat machte. Erst als sie sich im Wohnzimmer auf die Couch setzte und zu essen begann, legte er sich in sein Körbchen, aber er ließ sie nicht aus den Augen.

Astro war ihr ganz persönliches Abfallglück. Wortwörtlich, er war auf einer Müllhalde eingefangen wurden. Er hatte einen Chip, der aber bei keiner bekannten Organisation registriert war. Von Anfang an, hatten ihr die Pfleger im Tierheim erzählt, hatte er den Kontakt zu Menschen gesucht und war sehr anhänglich. Er liebte Menschen, und das obwohl die Liebe seiner vorherigen Familie ein viel zu frühes Verfallsdatum gehabt hatte.

Sie hatte im Fernsehen von Astros Geschichte erfahren, ein halbes Jahr nachdem ihr vorheriger Hund gestorben war und als ihr Herz wieder bereit war für einen neuen tierischen Wegbegleiter. Als sie ihn das erste Mal gesehen hatte, hatte sein Blick – so unschuldig und sorglos – sie direkt in ihr Innerstes getroffen. Sie gehörten einfach zusammen. Das war jetzt zwei Jahre her.

Astro kam zu ihr, legte den Kopf auf ihr Knie und sah sie an – Zeit für seine heiß geliebte Runde durch den Wald. „Wie machst du das nur, die Vergangenheit einfach beiseite zu schieben?“, fragte sie. Natürlich bekam sie darauf keine Antwort. Seufzend stand sie auf, um die Leine zu holen.

(Diese Geschichte ist inspiriert von Anja und ihrer Hündin Irmi. Irmi wurde Heiligabend 2017 vor dem Tierheim angebunden aufgefunden. Sie entpuppte sich als ein wunderbar ausgeglichenes Tier und lebt friedlich mit einem Katzenrudel zusammen. Wer sie kennen lernt, liebt sie, und sie bringt uns alle dauernd zum Lachen. Ihr einziger Makel ist ihr Alter…
Wir waren etwas naiv und dachten, so etwas erleben wir nur einmal. Heiligabend 2018 wurden wir eines besseren belehrt, als wieder ein Hund vor dem Tierheim ausgesetzt wurde).

Tierische Liebe|abc-Etüden

Tierische Liebe|abc-Etüden

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Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Ideen kommen dieses Mal von dergl.

Jeder Tierhalter weiß, dass einmal der Tag kommt, an dem der geliebte Weggefährte gehen wird. Auch ich habe das in den mehr als vierzig Jahren, in denen ich mein Leben mit Tieren teile, oft erlebt.

Meistens habe ich das ganz gut weggesteckt. Aber als im Herbst 2017 meine Herzenskatze zu einem Zeitpunkt gestorben ist, an dem meine Depressionen in vollem Gang waren, war ich sehr verzweifelt und konnte mein Herz förmlich bluten fühlen. Tröstlich war dann die Vorstellung, dass es ein Wiedersehen nach dem Tod mit den geliebten Haustieren gibt – bei dieser Brücke mit dem Regenbogen. Dass Zeit und Raum ganz durchlässig und transparent werden können, und dass alle Krankheiten und Altersbeschwerden vergessen sind. Dass meine Herzenskatze sich wieder schnurrend auf meinem Bauch zum Schlafen zusammenrollt, dass mein Pflegepferd mich mit seiner weichen Schnauze anstupst und Hustenbonbons (ja, Hustenbonbons!) haben möchte, oder dass mein Wellensittich auf meiner Schulter sitzt und munter vor sich hin zwitschert.

Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, oder ob ich mir einfach etwas vormache, um mich besser zu fühlen. Sicher ist, dass zwischen mir und meinen Tieren sehr viel Liebe im Spiel war und ist – das macht allen Beteiligten auf jeden Fall das Leben auf dieser Seite der Regenbogenbrücke sehr angenehm. Das ist das, was ich sicher weiß, und das ist es, was zählt.

 

Was bleibt | abc-Etüden

Was bleibt | abc-Etüden

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Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Ideen kommen dieses Mal von Elke H. Speidel.

Meine Großmutter ist am Tag vor Heiligabend im Dezember 2000 verstorben. Wir wussten, dass sie Krebs und nicht mehr lange zu leben hat, aber irgendwie kommt das Ende immer überraschend.

Es dauerte zwei Wochen, bis die Einäscherung erfolgt war und die Beerdigung stattfinden konnte. Das neue Jahr hatte bereits begonnen, aber es war immer noch winterlich kalt, als wir uns alle unter einem kahlen, blattlosen Winterbaum versammelten, um ihr die letzte Ehre zu erweisen.

Wir hatten kein besonders enges Verhältnis zu der Mutter meines Vaters gehabt, und doch liefen mir die Tränen über das Gesicht, als wir am Grab meines Großvaters standen. Dort hatte sie immer ihre letzte Ruhe hatte finden wollen. Es war nasskalt, und die Mäntel lagen schwer von Regen auf unseren Schultern. Der Himmel weinte mit mir.

Oma war im letzten Jahr in das Betreute Wohnen eines örtlichen Altenheimes umgezogen. Sie hatte dort Kontakt zu vielen Mitbewohnern gefunden und war sehr beliebt gewesen. Das hatten wir nicht gewusst, wie so vieles aus ihrem Leben.

Diese Frau hatte in meinem Leben nie eine bedeutende Rolle gespielt, und doch hatten wir viel gemeinsam: Wir liebten das Essen, wir nahmen beide das Leben eher schwer als leicht, und bei uns beiden war im vergangenen Jahr Krebs diagnostiziert worden. Ich fühlte mich schuldig, überlebt zu haben, und konnte an ihrem Grab nicht umhin, vergangenen Möglichkeiten nachtrauern zu müssen.

Es dauerte ein paar Wochen, bis ich meine Gefühle wieder geordnet hatte. Für meine Oma und mich war es zu spät, aber seitdem bin ich sehr viel aufmerksamer geworden – mit mir selber und anderen. Das ist ihr Vermächtnis an mich. Ich werde es hoffentlich immer in Ehren halten.

Geld und Moral | abc-Etüden

Geld und Moral | abc-Etüden

Christiane lädt wieder ein zu den abc-Etüden, die Ideen kommen dieses Mal von umgeBUCHt.

Der Sonntagmorgen war kalt. Er ging zügig bis zum Feldrand, kontrollierte die Bindung seiner Schuhe, machte noch ein paar Stretchingübungen und lief los. Auf dem Gras am Wegrand war Raureif,und sein Atem wehte in weißen Wolken hinter ihm her. Das Laufen half ihm immer, wenn er seinen Kopf aufräumen musste.

Mit der Zeit fanden seine Beinen in ihren eigenen Rhythmus, und die Gedanken in seinem Gehirn begannen zu wandern.

Sein Vorgesetzter hatte ihm ein Angebot für eine Beförderung gemacht. Das Gehalt war ihm geradezu sündig hoch erschienen. Es gab nur einen ganz gewaltigen Haken bei der Sache: Seine Aufgabe würde sein, die Abteilung umzustrukturieren – und die Hälfte seiner Kollegen zu entlassen. Das hatte er sich nicht unter einer leitenden Position vorgestellt. Wie weit wollte und konnte er seine moralischen Wertvorstellungen verrücken? Könnte er seinen Mitarbeitern morgens in die Augen sehen und ihnen mittags kündigen?

Irgend jemand musste diesen Job ja machen, aber er war sich nicht sicher, ob er damit leben konnte, andere Menschen ins Unglück zu stürzen. Und er musste sich innerhalb einer Woche für den neue Stelle entscheiden. Andererseits hatte er noch nie so viel Geld verdient, und die Kredite für das Auto und die Küche waren noch nicht fertig abbezahlt.

Oh Mann, das war wirklich eine schwierige Sache… Er beschleunigte das Tempo und bog nach links in den Wald ab.