Gedächtnislücken|abc-etüden

Gedächtnislücken|abc-etüden

Es gibt wieder eine neue Schreibeinladung von Christiane, die Ideen sind diesmal von Elke H. Speidel, das Bild ist von Ludwig Zeidler.

Hatte sie jemals einen Maikäfer gesehen? Sie war in der Stadt groß geworden, sie konnte sich überhaupt nicht daran erinnern, einmal einem lebendigen Müller, Schornsteinfeger oder Kaiser begegnet zu sein. Genauso wie ihr vieles aus ihrer Kindheit entfallen war. Sie konnte nur leise „Weiß nicht“ murmeln und die Achseln zucken, wenn ihre gleichaltrige Cousine erzählte, was sie damals angeblich zusammen erlebt hatten. Wie es auch jetzt wieder der Fall war, bei der Geburtstagsfeier ihrer Tante. Sie hätte schreien können. Aber das tat sie natürlich nicht, auch wenn es sie völlig fertig machte, dass ihr Gedächtnis so große Lücken hatte. „Hey, wisst ihr noch, wie Sandra damals ausgerutscht und in den Pool in Omas Garten gefallen ist?“ prustete ihre Cousine gerade los und alle lachten. Sandra zog den Kopf noch ein wenig tiefer zwischen die Schultern und zwang sich zu einem Lächeln.

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Tanztee|abc-Etüden

Tanztee|abc-Etüden

Es gibt wieder eine neue Schreibeinladung von Christiane, die Ideen sind diesmal von Christa Hartwig, das Bild ist von Ludwig Zeidler.

Jetzt war der Moment gekommen, in dem nichts, aber auch gar nichts schiefgehen durfte. Sie war ihm schon vor Wochen beim Tanztee aufgefallen, und er hatte sie dabei beobachtet, wie sie ihre Freundinnen mit einer Kusshand begrüßte oder verabschiedete. Sie wurde häufig zum Tanzen aufgefordert, und das mit Recht, stets bewegte sich sie formvollendet über das Parkett. Sie mit anderen Männern zu sehen, ließ Schmetterlinge der Eifersucht in seinem Bauch aufflattern, die er schon lange verloren geglaubt hatte. Schließlich waren alle Besucher des Senioren-Tanztees mindestens sechzig Jahre alt. Aber jetzt hieß es, das Ziel anpeilen und sich ein Herz fassen. Er stand auf, jetzt gab es kein Zurück mehr, und überbrückte die drei Tische, die zwischen ihnen lagen. Sein Herz schlug wie wild, als er fragte: „Darf ich bitten?“
„Aber gerne doch! Ich dachte schon, Sie trauen sich nie.“

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Words don’t come easy to me|abc-Etüden

Words don’t come easy to me|abc-Etüden

Es gibt wieder eine neue Schreibeinladung von Christiane, die Ideen sind diesmal von meinnameseimama, das Bild ist von Ludwig Zeidler.

Das Mädchen weiß genau, dass Artikulation nicht ihre Stärke ist. Sie hat gehört, dass der Sprechlehrer das neulich zu ihrer Mutter gesagt hat. Dabei liebt sie Worte sehr. Sie liebt Worte so sehr, dass sie nur vom Vorlesen ihrer Mutter das Lesen gelernt hat. Sie weiß auch immer ganz genau, was sie sagen will. Aber wenn sie spricht, erntet sie oft nur Stirnrunzeln. Die anderen verstehen sie einfach nicht. Ihre Mutter sagt, dass es daran liegt, dass sie schlecht hört. Ihre Mutter sagte, dass sie das Sprechen üben muss. Also zwingt sie sich auch diesmal misslaunisch dazu, die Worte aneinander zu koppeln, die sie sagen soll.

Rotwein |abc-Etüden

Rotwein |abc-Etüden

Es gibt wieder eine neue Schreibeinladung von Christiane, die Ideen sind diesmal von Anna-Lena, das Bild ist von Ludwig Zeidler.

Was für ihre Verwandten und Freunde wie eine Milchmädchenrechnung ausgesehen hatte, war in Wirklichkeit ein sorgfältig geplanter Schachzug gewesen. Alle hatten sie davor gewarnt, ihm Geld zu leihen, er würde sie nur ausnutzen. Als ob sie das nicht schon vorher gewusst hätte, als sie ihn nach ihrem erstenTreffen von einem Privatdetektiv hatte überprüfen lassen, war ihr bald klar geworden, dass er genauso ein mieser, kleiner Trickbetrüger war wie fast alle vor ihm. Nachdem sie ihm auf die Schliche gekommen war, hatte sie nur noch das Ziel gehabt, ihn dingfest zu machen und sich der Polizei als Lockvogel zur Verfügung gestellt.
Ihn dazu zu bringen, ihr zu erzählen, wie er die ganzen Frauen vor ihr übers Ohr gehauen hatte, war fast schon zu einfach gewesen, er war geradezu stolz darauf gewesen. Ihr war beim Zuhören richtig schlecht geworden, so sehr war er davon überzeugt gewesen auch diesmal ungestraft davon zu kommen, und beinahe hätte sie ihn gebeten, doch ein bisschen, nun ja, zu untertreiben.
Alles war gelaufen wie geplant, die Polizei hatte mitgehört und ihn festgenommen. Ein Schwindler weniger lief frei herum, aber sie war immer noch alleine. Die Männer liebten ihr Geld, aber niemals die Frau. Sie seufzte und versuchte, die Tränen zurück zuhalten. Es blieb ihr einmal mehr nur ein Rendezvous mit ihrem Dauerfreund Rotwein.

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Melodie des Lebens |abc-Etüden

Melodie des Lebens |abc-Etüden

Diesmal kommen sowohl Schreibeinladung als auch Worte von Christiane, das Bild ist von Ludwig Zeidler.

Wir betreten als Kind neugierig einen Raum, den wir mit allen unseren Gefühlen, Wünschen und Taten füllen werden. Wir bringen ein Musikinstrument mit, das noch schwer in der Hand liegt, aber wir sind fest davon überzeugt, dass wir es schon zum Klingen bringen werden!
Auf dem Notenständer liegt das Notenblatt, das das Schicksal für uns komponiert hat. Noch haben wir keine Ahnung vom Notenlesen und runzeln die Stirn. Dann bemerken wir, das wir nicht alleine sind, neben uns steht eine junge Frau, die Weisheit. Sie zeigt uns, wie wir das Instrument handhaben sollen und die Noten lesen können. Im Laufe der Zeit werden die Tonfolgen komplizierter, und wir trainieren viele verschiedene Tonarten, fröhlich und traurig, leicht und unbeschwert oder schwanger mit Bedeutung. Die Weisheit bleibt immer an unserer Seite und lernt mit uns, sie versucht uns zu helfen und gibt uns Ratschläge. Hier ein bisschen mehr Druck, da die Hand ein bisschen anders halten, und so lernen auch wir immer mehr dazu. Und so füllen wir unseren Raum mit unserer ganz eigenen Melodie.

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Frühlingsanfang vom Ende|abc-Etüden

Frühlingsanfang vom Ende|abc-Etüden

Wieder einmal gibt es die Schreibeinladung von Christiane. Worte und Bilder kommen diesmal von Ludwig Zeidler.

Er stand neben der Schneekanone und sah zu, wie der Kunstschnee auf die Pisten geschleudert wurde. Es war schließlich noch mitten in der Touristenzeit, und die Gäste wollten am nächsten Morgen wieder erstklassige Bedingungen zum Skilaufen vorfinden. Das Frühlingserwachen hatte in den letzten Jahren immer früher eingesetzt und kümmerte sich nicht um Buchungen aus dem letzten Sommer oder sinkende Einnahmen der Hotelbetreiber. Er erinnerte sich an ein Gespräch mit seiner Schwester Liesl, die ihm gestern bedrückt mitgeteilt hatte, dass die Stammgäste ausblieben. Und er hatte selber Augen im Kopf und bemerkte, dass in den höher gelegenen Orten mehr los war als früher. Den Gästen war egal, wie sehr sie sich hier bemühten. Für sie zählte nur eine schöne, saubere Schneedecke. Er spuckte neben sich ins Gras. Vielleicht waren auch sie selber dummdreist gewesen und hatten einfach gedacht, Touristen würden ewig Geld in ihre Kassen spülen. Er stellte die Maschine ab, zuhause wartete ein warmer Kaffee auf ihn.