Depressionen und Zeitgefühl

Depressionen und Zeitgefühl

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Als ich mich neulich um unseren Papierkram gekümmert habe, ist mir aufgefallen, wie sehr die Depressionen im vergangenen Jahr mein Zeitgefühl verändert haben.

Ich habe wenigstens die ganzen Belege in einem Vorsortierordner gesammelt, sie dann aber auch ein ganzes Jahr (!) nicht mehr angefasst. Mir war nicht bewusst, dass es so lange her ist, aber die Beweise sind eindeutig. Wir hatten großes Glück, dass in dieser Zeit nichts wirklich Schlimmes passiert ist – das Blödeste war, dass ich die Steuervorauszahlungen an das Finanzamt vergessen habe, und das war mit der Zahlung einer Gebühr erledigt. Ansonsten wurden alle Rechnungen bezahlt, alle Lastschriften eingelöst und die Konten waren immer im grünen Bereich. Notfalls hat mein Mann mich eben ordentlich angestupst. Ich kenne Menschen, denen das alles während der Depressionen völlig entglitten ist.

Als es mir schlecht ging, gingen alle Tage in einem Einheitsbrei vorbei, der mehr oder weniger dunkelgrau war. Es fällt mir rückblickend sehr schwer, mich an Ereignisse wirklich zu erinnern und sie nicht nur vom Kalender abzulesen.

Jetzt ist alles anders, nicht immer rosarot, aber immerhin bunter. Trotzdem kommt es mir so vor, als hätte ich ein Jahr im Nebel der Depressionen verloren. Als ob es Zeiten gibt, in denen in ich nicht wirklich gelebt habe.

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Akzeptanz…

Akzeptanz…

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…spielt eine wichtige Rolle im Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens. Akzeptanz ist aber auch eine meiner größten Herausforderungen. Ich bin niemand, der das Leben einfach hinnimmt wie es ist.

In den letzten Tagen habe ich mir vorgenommen, endlich mit dem Aussortieren meiner Kleidung fertig zu werden. Wie oben zu sehen, gab es noch eine Menge Sachen, von denen ich mir eingestehen musste, dass ich sie nie wieder anziehen werde. Sei es, weil sie mir nicht mehr passen, oder weil ich keine Gelegenheit mehr haben werde sie anzuziehen. Alles war noch gut erhalten und ging in die Altkleidersammlung.

Ich hatte gehofft, es würde sich ein großes Gefühl der Erleichterung einstellen. Stattdessen stürzte ich in ein Tal von Traurigkeit, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Ich war traurig, weil ich mich nie wieder morgens hübsch zurecht machen und in ein Büro fahren werde. Ich war verzweifelt, weil ich mich durch meine körperlichen und seelischen Beschwerden sehr eingeschränkt fühle. Ich war hoffnungslos, weil ich mich im Moment nur immer von einem Tag zum nächsten hangele.

Mit diesen Dingen werde ich mich in der nächsten Zeit noch genauer auseinander setzen müssen und hoffentlich ein Stück weit Frieden mit mir schließen können. Aber das Wichtigste: Der Alltag läuft weiter. Ich gehe weiter mit den Hunden spazieren, erledige den Haushalt und gehe zu den Therapien. Das gibt mir Halt.

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Einen dieser Tage…

Einen dieser Tage…

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…die man am liebsten einfach in die Ecke pfeffern möchte, hatte ich gestern. Alles fing ganz friedlich an, Hundespaziergang, Putzen, Einzelergotherapie. Auf dem Weg nach Hause bekam ich Nachrichten und ein Bild von meiner Schwiegermutter: Sie ist total glücklich, dass ihr Enkelkind das erste Mal bei ihnen übernachtet hat.

Ich war nicht darauf vorbereitet, um so härter hat es mich getroffen. Als ich zu Hause ankam, war ich völlig aufgelöst und hatte jede Menge schlimme Gedanken im Kopf: „Ich habe versagt, weil wir keine Kinder haben, am liebsten möchte sterben“, „Der Schmerz in mir ist so groß, am liebsten würde ich mich selber verletzen“.

Musik hören und spülen brachten mich auch nicht auf andere Gedanken. Schließlich nahm ich meine Bedarfsmedikation und legte mich hin. Ein Hund blieb bei mir im Schlafzimmer, und die Katze legte sich auf meine Brust. Mein Mann kam nach Hause, ich redete mit ihm darüber, kochte, legte mich hin, schlief eine Stunde, sah fern – in mir tobte immer noch das Chaos. Eine schöne warme Dusche vor dem Schlafengehen half auch nicht weiter, ich lag lange wach. Mehr von dem Bedarfsmedikament nehmen wollte ich nicht, damit das Aufstehen am nächsten Morgen nicht zu schwierig wird.

Heute morgen fühlte ich mich immer noch nicht wirklich besser, aber ich schaffte es irgendwie, um selbstverletzendes Verhalten herumzukommen. Die Hunderunde fiel länger aus als gewöhnlich, und ich nahm mir Zeit zum Nachdenken. Mir wurde klar, dass ich meiner Schwiegermutter unbedingt begreiflich machen wollte, was gestern in mir ausgelöst wurde. Es ging mir nicht um Schuldzuweisung oder Rechtfertigung – nur darum, dass so etwas nicht wieder passiert. Also schrieb ich ihr, dass der Schmerz über unsere Kinderlosigkeit gestern wieder heftig in mir hochgekommen ist, und dass ich momentan immer noch sehr angespannt und damit beschäftigt bin, mich in meinem neuen Alltag zurecht zu finden. Und auch, dass ihr Sohn und der neue Alltag momentan bei mir ganz oben stehen, ich aber damit auch völlig ausgelastet bin.

Ich weiß nicht, welche Antwort ich darauf bekommen werde, aber endlich fühle ich mich besser. Die Therapeutin im Krankenhaus hat mir gesagt, dass ich meinem Umfeld schon mitteilen muss, was seine Worte und Taten in mir auslösen – sonst kann auch keiner Rücksicht nehmen. Es fällt mir nach wie vor nicht leicht, ich habe immer das Gefühl, mich damit verletzlich zu machen. Andererseits kann ich so auch einen Teil von meiner Last loswerden. Anscheinend habe ich genau das heute gebraucht.

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12 Tage…

12 Tage…

…ist meine Entlassung aus dem Krankenhaus nun her. Einerseits ist die Zeit auf Station in meinem Kopf schon sehr in den Hintergrund gerückt, andererseits wirkt immer noch nach, was ich dort erlebt und gelernt habe.

Heute morgen musste ich ziemlich früh aufstehen, weil die quartalsmäßige Blutzuckermessung anstand. Ich kam vom Arzt nach Hause und beschloss, den Ball weiter rollen zu lassen: Gassi gehen und eine Stunde Hausarbeit. Danach duschen und kochen.

Hört sich normal an? Mag sein, aber ich habe die Zeit noch nicht vergessen, in der ich den ganzen Tag nicht aus dem Bett gekommen bin. 

Meine inneren Dämonen, Angst, Depression und Schmerz sind nicht einfach verschwunden, aber ich gehe anders mit ihnen um. Wenn sie sich bemerkbar machen, begrüße ich sie, wir sind schließlich alte Bekannte. Ich biete ihnen sogar einen Platz an, aber dann mache ich mit dem weiter, was ich gerade mache. Und irgendwann stelle ich dann fest, dass der Platz wieder leer ist, denn meine Dämonen verabschieden sich nie.

So können anscheinend alle Beteiligten ganz gut leben. 

Ich bin mir bewusst, dass meine Grenzen eng gesteckt sind. Das ist jetzt im Alltag noch einmal sehr deutlich geworden und hat das eine oder andere Frusttränchen fließen lassen. Aber den Raum, den ich habe, nutze ich definitiv aus.

Endlich ist auch der Kopf wieder Zuhause

Endlich ist auch der Kopf wieder Zuhause

Obwohl ich seit Donnerstag wieder Zuhause bin, war ein Teil von mir immer noch nicht angekommen. Ich hatte immer noch das Gefühl, nur auf Besuch zu sein.

Gestern standen dann die ersten Termine an. Der Tag begann damit, dass ich den Wecker nach dem Wecken ausschaltete und wieder einschlief… Die friedlich neben meinem Kopfkissen schlafende Katze war keine Hilfe. Als ich dann wieder munter wurde, musste ich mich ziemlich beeilen.

Im Bus fühlte ich mich dann auf einmal sehr ängstlich und niedergeschlagen. Das letzte Mal als ich zur Podologin gefahren bin, ging es mir schon sehr schlecht, und ich weiß aus Erfahrung, dass mein Körper ein eigenes Gedächtnis hat. Ich dachte, „Meine Güte, so schlecht habe ich mich mal gefühlt?“

Der nächste Termin war erst am Nachmittag, also fuhr ich danach wieder nach Hause und fand noch Energie, eine Stunde lang zu putzen.

Dann ging es zur Ergotherapie, dort findet eine Gruppe statt, die PMR nach Jacobsen anbietet. Ich habe damit in der Klinik sehr gute Erfahrungen gemacht und möchte das gerne beibehalten.

Ich betrachte es als absoluten Luxus, mich eine Stunde nur der Entspannung widmen zu können. Mein Körper fühlte sich an wie auf einer Wolke, und die Gedanken kamen und gingen. Und auf einmal war da das Gefühl „Ja, ich bin wieder Zuhause!“. Endlich. Ich kann nicht genau sagen, was das ausgelöst hat. Aber es hat sich ungeheuer gut angefühlt. Und es hat mich seitdem nicht mehr verlassen. Das darf gerne so bleiben!

Chefarztvisite

Chefarztvisite

Heute war wieder Chefarztvisite. Der Gegensatz zu dem, was ich in meinem alten Krankenhaus erlebt habe, könnte nicht größer sein. Hier werden die Entscheidungen wirklich mit den Patienten zusammen getroffen.

Wir waren uns also alle einig, dass es in die richtige Richtung geht, nämlich aufwärts, aber auch, dass noch vieles zu tun ist.

Und so sagte Frau Doktor mit einem Lächeln zu mir: „Wir sind noch nicht fertig!“ Aber so, wie sie es sagte, war es keine Drohung, sondern ein Versprechen, mir dabei zu helfen, dass ich mich noch besser fühle.

Und in diesem Moment war ihr Optimus so ansteckend, dass ich ihr glaubte, dass es tatsächlich noch besser werden wird.

Außerdem ist es jetzt offiziell: Ich fahre am Wochenende nach Hause. Darauf freue ich mich sehr.

Der Countdown läuft

Der Countdown läuft

Die letzten Tage vor so einem Psychiatrieaufenthalt finde ich immer schwer zu ertragen.

Ich finde es schlimm, immer wieder an diesen Punkt zu kommen. Und da sind viele Unbekannte. Ich weiß nicht, was mich erwartet, welchen Leuten ich begegnen werde und was dabei herauskommen wird.

Das Krankenhaus hatte noch einmal angerufen und gefragt, ob ich nicht einen Tag früher kommen kann. Das habe ich abgelehnt. Ich habe genau durchdacht, was ich wann mache, und davon will ich nicht abweichen.

Ich bin im Moment gut beschäftigt mit Putzen und Packen. Und damit, die hartnäckige Stimme in meinem Kopf in Schach zu halten, die mir dauernd ins Ohr flüstert: „Lass‘ es doch, das bringt alles nichts!“