Jahrestage

Jahrestage

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Frühling bedeutet auch immer, dass sich die Jahrestage meiner Psychiatrieaufenthalte mehren. Meistens hat mein Zustand sich im Winter verschlechtert, so dass im Frühling dann ein stationärer Aufenthalt nötig war.

Dieses Jahr lautet meine Bilanz also: 31 Jahre ist mein erster Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie jetzt her, und 10 Jahre mein erster Aufenthalt in der Erwachsenenpsychiatrie.

Am meisten ärgert mich heute, dass mir immer gesagt wurde, dass „alles wieder gut“ werden würde. Natürlich habe ich das geglaubt und auch viel dafür getan. Und es wurde ja auch immer wieder besser, dann aber auch wieder sehr viel schlechter.

Auch gestern sagte meine Ergotherapeutin, dass es doch sicher auch Leute gibt, die nach so langer Zeit den Weg aus der Depression heraus gefunden haben. Sie meinte es nur gut, aber ich will vor allem realistisch sein. Ich erwarte keine völlige Heilung von Depressionen mehr, stattdessen will ich mich in meinem Leben so einrichten, wie es eben ist. Mit guten und schlechten Zeiten eben.

Sich mit den Dingen abzufinden bedeutet für mich nicht aufzugeben. Es wird aber von Außenstehenden oft so aufgefasst. Für mich bedeutet es, mich im Rahmen meiner Möglichkeiten zu bewegen und einen Mittelweg anzustreben.

Und diese Jahrestage sind für mich auch Anlass, mir selber auf die Schulter zu klopfen, denn immerhin bin ich noch auf dieser Welt. Wie so oft gibt es eben auch hier eine Medaille mit zwei Seiten.

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Ich und acht Pfoten…

Ich und acht Pfoten…

…drehen täglich unsere Runde durch die Nachbarschaft. Seit meinem letzten stationären Aufenthalt im Sommer/Herbst des letzten Jahres bin ich wirklich konsequent am Ball geblieben, nicht Gassi gehen ist die Ausnahme. Wie lange wir unterwegs sind, mache ich von meiner Tagesform abhängig.

Nach wie vor ist es mit Sam manchmal schwierig. Aber meine größte Angst, damit überfordert zu sein, ist nicht eingetroffen. Ich gehe mit den Problemen um, so gut ich kann, und hake sie dann aber auch schnell wieder ab. Und die regelmäßige Bewegung tut uns allen gut.

In der letzten Zeit habe ich damit begonnen, Seminare für Problemhunde zu besuchen. Mein Ziel ist es, Sam besser zu verstehen, denn nur dann kann ich optimal reagieren. Sam hat zwei Gesichter: Zuhause, wenn alles ruhig ist, ist er total verkuschelt und hört sehr gut auf Kommandos. Draußen, oder wenn sich jemand dem Haus nähert, ist er angespannt und ängstlich und versucht durch Bellen alle Menschen (besonders Postboten, Fahrradfahrer und Jogger) und Hunde fernzuhalten. Wir versuchen ihm zu zeigen, dass diese Situationen ungefährlich sind, aber seine Ängste sitzen tief.

Da ist es gut, dass Janet so ein ruhiger Gegenpol ist. Ihre gute Laune und Lebensfreude machen uns einfach nur glücklich. Zwei Problemhunde wären auch zuviel für mich, aber so stimmt die Balance.

Auf mich haben Tiere schon immer einen positiven Einfluss gehabt, ob es nun Wellensittiche, Hamster, Pferde, Katzen oder Hunde waren. Für mich würde ich an manchen Tagen nicht unbedingt aufstehen, aber für meine Fellnasen schon. Auf der anderen Seite haben bei uns Tiere aus dem Tierschutz ein neues Zuhause gefunden – eine Hand wäscht die andere!

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„Sehr lobenswert. Hoffentlich macht es auch Spaß.“

„Sehr lobenswert. Hoffentlich macht es auch Spaß.“

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Das war die Reaktion einer ehemaligen Mitpatientin auf meine Mitteilung, dass ich nicht nur den Haushalt zu stemmen versuche, sondern auch noch Brot und Joghurt selber gemacht habe.

Irgendetwas an dieser Bemerkung ließ mir keine Ruhe, aber ich konnte lange nicht sagen, was es genau war.

Zum einen geht es nicht nur um Spaß haben. Ich habe zu Hausarbeit das gleiche Verhältnis wie früher zur Arbeit – ob ich nun Lust habe oder nicht, es ist tägliches Pflichtprogramm. Wenn ich mich dabei gut fühle, ist das das sprichwörtliche Sahnehäubchen obendrauf. Wenn ich mich jeden Morgen freundlich fragen würde: „Liebe Viola, hättest du heute Lust, die Küche zu putzen?“ wäre die Antwort oft: „Verpiss dich!“, und nichts würde erledigt werden.

Zum anderen habe ich festgestellt, dass mir dieses tägliche Programm auch großen Halt gibt. Jeden Morgen um halb neun erinnert mich mein Handy daran, was an diesem Tag ansteht. Und wenn nichts wirklich Schlimmes passiert, bleibt es dabei. Punkt. Und an jedem Abend habe ich dann das gute Gefühl, etwas erreicht zu haben.

Mittlerweile habe ich meine normale Woche so geplant, dass ich am Freitag einmal alles durchgeputzt habe und ich dann am Wochenende auch eine saubere Wohnung genießen kann. Samstags ist dann noch die Wäsche dran, und natürlich koche und spüle ich auch am Wochenende. Aber ich habe zum ersten Mal seit langem wieder eine Struktur, die einem Rhythmus von Arbeitstag/Feierabend und Arbeitswoche/Wochenende ähnelt. Das bringt eine gewisse Normalität mit sich, und das hilft mir sehr.

Also, Hausarbeit macht mir nicht immer Spaß, aber das muss auch nicht sein. Hausarbeit ist ein sehr wertvolles Instrument im Kampf gegen die Depressionen geworden, was ich so nicht erwartet hätte. Aber hey, ich nehme, was ich kriegen kann!

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Versuch macht kluch…

Versuch macht kluch…

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… war der Kommentar meines Mannes zu seiner Geburtstagsfeier.

Ich hätte es dann eher Desaster genannt. Meine Schwägerin kam in das Wohnzimmer, auf dem Arm ihre sechs Monate alte Tochter, und in mir brach alles zusammen. Ich winkte in die Runde, sagte, dass ich oben bin und floh – in die Arme meiner zweifelhaften Freundin namens Rasierklinge. Danach schluckte ich mein Bedarfsmedikament und legte mich ins Bett.

Später kam meine Mutter hinterher und schlug vor, einen Spaziergang zu machen. Also zog ich mich wieder um und wir gingen eine Viertelstunde durch die verregnete Nacht und redeten. Danach fühlte ich mich etwas ruhiger. Dann ging meine Mutter zurück zur Feier und ich wieder ins Bett.

Am Sonntag fühlte ich mich miserabel und kam nicht aus dem Bett.

Gestern war es zumindest etwas besser. Aber mir wurde klar, dass ich Ruhe brauche. Also sagte ich die Ergotherapietermine für diese Woche ab. Ich möchte einfach meinen Gedanken nachhängen können und zur Ruhe kommen.

Heute ging es dann wieder ein Stück aufwärts. Ich schminkte mich immerhin ein bisschen, ging einkaufen und ruhte mich bei Kaffee und Kuchen aus, bevor ich nach Hause zurück fuhr.

Außerdem habe ich gestern wie jeden Montag mit meiner üblichen Putztour durch das Haus begonnen. Mit jedem Zimmer, das ich putze, gewinne ich wieder ein Stück Sicherheit zurück.

Und um auf den etwas locker dahin gesagten Kommentar meines Mannes zurück zu kommen: Immerhin weiß ich jetzt sicher, dass ich noch nicht bereit bin für Kontakt zu dem Baby. Die Ungewissheit davor war noch viel schlimmer. Wir alle wissen jetzt, woran wir sind. Jedem ist klar, dass ich noch Zeit brauche. Diese Klarheit empfinde ich trotz allem Schmerz als positiv.

Aber im Moment brauche ich erst einmal Ruhe, um wieder mein Gleichgewicht zu finden. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ich mich wieder besser fühlen werde, aber es ist wichtig, diese Woche erst einmal ruhiger angehen zu lassen. Wünscht mir Glück!

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Müdigkeit und Stress

Müdigkeit und Stress

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Am Samstag werden wir also volles Haus haben und den Geburtstag meines Mannes mit der Familie (inklusive Baby) feiern. Ich hatte gehofft, meine Anspannung würde wieder sinken. Das ist aber leider nicht der Fall.

Bei dem letzten Quartalsgespräch mit meiner Psychiaterin haben wir uns darauf geeinigt, ein neues Medikament (antipsychotisch, macht nicht abhängig) auszuprobieren, das mich im Bedarfsfall beruhigen soll. Im Moment geht es nicht ohne. Was die beste Dosierung ist, versuche ich gerade herauszufinden. Wenn ich nichts mehr fühle, aber auch nicht mehr aus dem Bett komme, ist auch nichts gewonnen.

Wenn es nach mir ginge, wäre morgen schon Sonntag, aber so funktioniert das Leben nicht. Außerdem sehe ich die Gefahr, dass ich nach der Anspannung der letzten Tage nach der Feier in ein Loch fallen könnte. 

Im Moment versuche ich, einfach weiter zu machen, aber es ist schwierig.

Steigende Spannung

Steigende Spannung

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Die Geburtstagsfeier meines Mannes am 2. März rückt immer näher, und ich fühle mich immer angespannter und werde immer unsicherer, ob ich dem gewachsen bin.

Ich versuche, mich abzulenken – für ein paar Stunden klappt das auch. Letzten Sonntag war ich mit einer Freundin bei einer Tierschutzveranstaltung für Listenhunde. Das Wetter war toll, es waren nette Menschen dort, ich verstehe unseren Sam ein Stück besser und wir haben beide einfach einen schönen Weibertag gehabt. Spontan haben wir beschlossen, dass ich sie und ihren Hund Samstag zum Hundetrainer begleite und die Trainingsstunde filme. Das wird bestimmt auch wieder schön. Zuhause sitzen und grübeln wird mir nicht helfen, soviel weiß ich.

Nächste Woche ist entsprechend viel zu tun. An seinem Geburtstag möchte mein Mann Kuchen für seine Kollegen mit zur Arbeit nehmen – die Jungs haben einen guten Appetit, also werde ich drei Kuchen backen. Am Abend seines Geburtstages gehen wir noch chinesisch essen, das ist dann unsere „Date night“ für Februar. An diesem Tag lasse ich die Ergotherapie ausfallen, es wird mir sonst einfach zu viel.

Der Rest der Woche wird mit Hausputz, Einkaufen, Ergotherapie und weiteren Vorbereitungen gut gefüllt sein. Ich hoffe, ausgelastet zu sein wird meine Angst in einem erträglichen Rahmen halten. Denn irgendwie muss ich die Zeit herumbringen und meine inneren Dämonen in Schach halten.

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Zwickmühle

Zwickmühle

Die Geburtstagsfeier meines Mannes hat viele widersprüchliche Gefühle in mir hoch kommen lassen. Vor allem geht es natürlich um die Begegnung mit dem Baby.

Ich habe dieses Thema mehrfach mit verschiedenen Menschen besprochen. Der Tenor war: Was passieren wird, lässt sich nicht vorhersagen, und es ist meine Entscheidung. Auf mein Gefühl kann ich mich dabei leider nicht verlassen: Meine Angststörung hat mir schon oft Streiche gespielt, und Situationen können in meiner Vorstellung durchaus schlimmer sein als in Wirklichkeit. Meine Depressionen flüstern mir zu, dass sowieso alles schief geht. Und meine Borderline Persönlichkeitsstörung lacht höhnisch und sagt, dass ich nur ein kleines Stück Scheiße bin. Ein weiterer Teil von mir hat diese Negativität satt und will nicht glauben, dass alles so hoffnungslos ist.

Meine Idee war zunächst, dass ich die Feier vorbereite, danach in einem Hotel übernachte und wieder nach Hause komme, wenn alles vorbei ist. Das allerdings ist nicht, was mein Mann vorhat: Er möchte nicht ohne mich feiern. Wenn ich nicht dabei bin, feiert er lieber gar nicht. Und das fände ich furchtbar – er konnte schon letztes Jahr seinen Geburtstag nicht mit seinen Lieben verbringen, weil es mir so schlecht ging. Und ich weiß, wie sehr er diese Familienfeiern liebt. Schlimm genug, dass ich ihn fast nie begleiten kann.

Also muss eine andere Lösung her. Mein Mann fragte, ob es mir nicht reicht, wenn ich mich nach oben zurück ziehe. Ihm ist es lieber, in so einer schwierigen Situation in meiner Nähe zu sein. Ich sagte: Ja, aber dann muss aber auch klar sein, dass ich dort in Ruhe gelassen werde.

„Deine Mutter wird schon nach dir sehen wollen“, sagte er.

„Das ist etwas anderes!“ sagte ich – meine Eltern und ich haben nun wirklich ziemlich viel Blödes zusammen durch.

„Und ich würde auch nach dir sehen wollen“, fügte er hinzu.

„Das ist auch was anderes!“ entgegnete ich, weil… nun ja, siehe oben.

Eines ist sicher: Ich fühlte mich von meinem Mann verstanden, und wir versuchen, einen Weg für beide zu finden. So soll es ja in einer Ehe auch sein, war es aber bei uns nicht immer, weil ich zu Alleingängen neige. Dass es diesmal anders ist, werte ich als Fortschritt.

Und doch bleibt die Angst, ich könnte mit dieser Situation überfordert sein. Um über diesen Schatten zu springen, brauche ich sehr viel Kraft.

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