0 und 40: Die Postident-App

0 und 40: Die Postident-App

Eine neue SIM-Karte beispielsweise kann in Deutschland nicht mehr ohne Legitimation durch das PostIdent-Verfahren freigeschaltet werden. Das geht mittlerweile auch per App.

Es soll hier nicht um generelle Fragen zum Datenschutz oder ähnliches gehen, vielmehr will ich schildern, wie das Ganze auf mich als Hörbehinderte gewirkt hat. Vorab: Meine Augen und Ohren haben geglüht.

Das Prinzip: In einem Videochat mit einem Mitarbeiter der Deutschen Post wird die Identität des Antragstellers festgestellt. Dazu wird ein Reisepass oder Personalausweis benötigt, und vor allem ein Smartphone mit Kamera.

Der Anfang war viel versprechend, die Verbindung schnell hergestellt. Dann gingen die Probleme los. Obwohl ich zu Hause war und also ein schnelles, stabiles WLAN und ein hochwertiges Handy zur Verfügung hatte, waren Bild und Sprache sehr ruckelig, einmal brach die Verbindung sogar kurz ab. Weil der untere Teil des Displays überwiegend ungenutzt (das heißt, gelb) bleibt, wird die Möglichkeit vertan, entweder ein größeres Bild oder zusätzliche Informationen zu übermitteln (an einer Stelle soll ein Kamerasymbol angetippt werden. Das könnte in dem Moment durch das Einblenden eines Pfeils erleichtert werden, nicht nur ich habe das wahrscheinlich zunächst verzweifelt gesucht).

Die trotz optimaler Grundbedingungen schlechte Übertragungsqualität wurde weiter dadurch dadurch erschwert, dass der Mund der DP-Mitarbeiterin durch das Mundstück ihres Headsets zu einem großen Teil verdeckt und dadurch das Lippenlesen zusätzlich erschwert wurde. Und manchmal würden sich vielleicht auch normal Hörende über eine erklärende Geste freuen („drehen sie den Ausweis hin und her“ – „äh… so?“ – „nein, höher“ – „äh… so?“ – „nein, so dass das Licht von oben darauf fällt“. Das hätte sich sehr einfach mit einer drehenden Bewegung in Kopfhöhe abkürzen lassen. Vielleicht nicht ästhetisch, aber effektiv 😄.

Ich muss allerdings auch erwähnen, dass die Legitimation auf diese Art innerhalb einer Viertelstunde erledigt war, das ist kein Vergleich zur mehrtägigen Bearbeitungsdauer beim herkömmlichen PostIdent-Verfahren: Mit dem Ausweis zum Postamt, Daten werden aufgenommen und weitergeleitet – das kann schon mal zwei Werktage dauern.

Was würde ich jemand mit Hörbehinderung raten? Zum einen würde ich das PostIdent-Verfahren an Laptop oder PC angehen und nicht am Handy, weil ein größerer Monitor das durch das Headset eingeschränkte Lippenlesen erleichtert. Zum anderen kann vielleicht ein guter Kopfhörer mehr aus der Tonqualität herausholen. Vielleicht kann auch ein normal hörender Dolmetscher helfen, aber das finde ich wegen der daraus resultierenden Abhängigkeit unschön.

Fest steht, diese Möglichkeit steht nur denjenigen Hörbehinderten offen, die gut in der hörenden Welt zurecht kommen.

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Erfahrungen im Bus

Erfahrungen im Bus

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Ich bin häufig mit dem Bus unterwegs. Mir ist aufgefallen, dass das Klima auch hier rauer wird.

Kontrolleure wenden sich sofort nach dem Einstieg Fahrgästen zu, die bestimmte Kriterien erfüllen: ausländisch oder arm aussehen. Ich hingegen falle anscheinend durch dieses Raster und wurde neulich sogar auf die Möglichkeit hingewiesen, dass alte 4er-Fahrkarten nach einer Tariferhöhung kostenlos gegen neue ausgetauscht werden können. Somit umgeht man die Gefahr, ein paar Monate später mit einem ungültigen, weil abgelaufenem Fahrschein erwischt zu werden. Wusste ich bis dahin nicht, daher war ich sehr dankbar für diesen Hinweis.

Mir ist auch aufgefallen, dass Schwarzfahrer von den Kontrolleuren körperlich bedrängt und zum Beispiel festgehalten werden. Die Situation eskaliert anscheinend auf beiden Seiten, vor ein paar Wochen wurde ich von einem Schwarzfahrer umgerannt, der aus einem Bus flüchtete – die beiden Kontrolleure hechteten hinterher und rangen ihn zu Boden. Szenen wie aus einem Krimi. Natürlich ist Schwarzfahren nicht in Ordnung, ich zahle ja auch für mein Abo, aber ist das verhältnismäßig?

Es ist nicht erlaubt, während der Fahrt auf dem Rollator zu sitzen, wegen der Sturzgefahr. Um jemand dazu zu bringen, einen Sitzplatz für mich frei zu machen, brauchte es vor ein paar Monaten nicht nur meinen Schwerbehindertenausweis, sondern auch ein paar bestimmte Worte meinerseits. Was dann noch mit dem Spruch: „Aber da muss man sich doch nicht so aufführen!“ quittiert wurde. Muss ich anscheinend doch. Ich habe Glück und bin meistens in leeren oder mäßig vollen Bussen unterwegs, aber manchmal bin ich eben doch auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen.

Von den üblichen Kleinigkeiten, wie leere Plätze mit dem Rucksack blockieren, Sitze aufschlitzen, laut Musik hören oder einsteigen, während noch Fahrgäste aussteigen, ganz abgesehen. Natürlich gibt es auch freundliche Menschen, die mir zum Beispiel Hilfe beim Aussteigen anbieten, aber das ist wirklich die Ausnahme.

Es geht in Bussen eben genau so zu wie im übrigen Leben. Ich werde trotzdem nicht aufhören, Platz für Kinderwagen zu machen oder älteren Mitbürgern Ratschläge zu geben, wie sie mit ihrem Rollator am besten aussteigen können.

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Ein neuer Rollator…

Ein neuer Rollator…

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… musste her, nachdem der alte wortwörtlich begann auseinander zu fallen. Als ich am Freitag das Sanitätshaus anrief, wurde mir ein Austausch für heute zugesichert. Vorsichtshalber hatte ich mein Hörgerät schon seit sieben Uhr im Ohr und mein Handy und Haustelefon in Griffweite.

Um zehn nach elf rief ein gehetzter Außendienstler an und fragte, ob es in Ordnung ist, wenn er in der nächsten Stunde vorbeikommt. Ich sagte zu.

Eine halbe Stunde später klingelte es und ich ging mit dem alten Rollator zur Türe. Der Außendienstler warf einen Blick auf das Teil und sagte. „Jo. Is‘ hinüber.“

Ich: „Ja, er hatte ein hartes Leben bei mir.“

Er: „Jo. Unterschreiben Sie bitte hier.“

Ich unterschrieb also auf dem Lieferschein, er schob mir den neuen Rollator hin und verschwand. Ohne auch nur ein paar Hinweise zur Handhabung oder Einstellung zu geben.

Zum Glück wusste ich mir zu helfen und kannte meine Einstellungen. Mit einem Zollstock war das Einstellen der Griffhöhe schnell erledigt. Ich frage mich nur, was ein allein stehender älterer Mensch in so einer Situation macht. Alleine das Anziehen der Schrauben, mit denen die Handgriffe festgehalten werden, braucht nicht gerade wenig Kraft. In der Gebrauchsanweisung steht, dass die korrekte Einstellung durch Therapeuten oder Ärzte vorgenommen werden soll. Trotzdem sehe ich sehr viele Menschen, bei den offensichtlich ist, dass der Rollator falsch eingestellt ist und kein Hilfsmittel, sondern eher eine zusätzliche Belastung ist.

Dazu mag beitragen, dass Rollatoren nicht rezeptpflichtig und mittlerweile sogar beim Discounter erhältlich sind. Natürlich ist es gut, wenn Hilfsmittel erschwinglich sind, aber wenn sich dadurch negative Folgen wie zum Beispiel eine Fehlhaltung ergeben, sehe ich den Nutzen kritisch. Informationen sammeln und Beratung sind auch bei der Anschaffung eines so vermeintlich harmlosen Hilfsmittel unumgänglich. Dass es sich hierbei um keinen so umfangreichen Prozess wie bei der Anpassung eines Hörgerätes handeln wird, ist klar.

Wenn die Entscheidung für einen Rollator mit oder ohne Rezept ansteht, ist noch ein weiterer Punkt zu bedenken, nämlich Reparaturen und Ersatzteile. Ein auf Rezept verordneter und vom Sanitätshaus gelieferter Rollator wird fertig montiert geliefert und gegebenenfalls vom Sanitätshaus repariert. Ein in Eigenregie angeschafftes Hilfsmittel muss auf eigene Kosten aufgebaut und instand gehalten werden, und der Besitzer muss sich selber um die Beschaffung der Verschleißteile kümmern. Zu bedenken ist auch die Eigentumsfrage, ein auf Rezept über ein Sanitätshaus bezogener Rollator bleibt Eigentum des Sanitätshauses. Über ein selbst angeschafftes Hilfsmittel kann der Käufer frei verfügen.

Was die Qualität verschiedener Modelle angeht, kann ich keine Aussage treffen. Ich habe mich für die preisgünstigste Ausführung entschieden, die das Sanitätshaus anbietet. Das hohe Gewicht und der mangelnde Komfort stören mich nicht. Robust muss es sein, denn ich bin kein typischer älterer Mensch, der mehr kurze Strecken zurück legt. Bei mir geht es auch schon mal ein paar Kilometer weit, manchmal auch über rauheres Gelände und bei jedem Wetter. Mein vorheriges Modell hat fast eineinhalb Jahre durchgehalten, mal sehen, was die neue Ausführung kann.

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Mein inneres Kind

Mein inneres Kind

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Wenn ich besonders ängstlich und angespannt bin, weiß ich, dass mein inneres Kind besonders aktiv ist. Sollte ich mein inneres Kind beschreiben, würde ich sagen, es sieht aus wie auf diesem Bild.

Das Bild wurde kurz vor Ende der Kindergartenzeit gemacht, ich war sechs Jahre alt. An dieses Trägerkleid aus Jeansstoff mit aufgestickten Blumen kann ich mich noch sehr gut erinnern. Der Fotograf wollte, dass ich in die Kamera lache, aber das ging einfach nicht. Kurz vorher hatte ich mein Hörgerät bekommen, und meine Welt stand kopf.

Meine Oma sagte: „Niemand darf das Hörgerät sehen!“ Es war immer hinter den Haaren versteckt, wie auch auf dem Bild. Liebes inneres Kind, vierzig Jahre später wirst du ein im Vergleich zu heute winziges, schickes Im-Ohr-Gerät tragen und einen pflegeleichten Kurzhaarschnitt haben. Und weißt du was: Es wird dir egal sein, ob andere Menschen dein Hörgerät sehen. Du wirst sogar auf dein schlechtes Hören hinweisen, wenn du jemand kennen lernst, um Missverständnissen vorzubeugen. Du wirst dich nicht mehr dafür schämen.

Hinter mir lagen ein traumatischer Krankenhausaufenthalt, bei dem die Nasenpolypen entfernt worden waren, und eine Reihe beängstigender Tests zur Feststellung des Hörverlustes und der Anpassung des Hörgerätes. Liebes inneres Kind, es ist nicht deine Schuld, dass du oft vor Angst geweint hast. Die Erwachsenen um dich herum haben die Sache einfach nicht kindgerecht geregelt. Eines Tages wirst du selber erwachsen sein und für dich selber eintreten können, das wird vieles erträglicher machen.

Viel Neues und Befremdliches musste erst einmal verkraftet werden. Ich mag das Hörgerät nicht, damit ist vieles unangenehm laut. Warum besteht meine Mutter darauf, dass ich es jeden Morgen anziehe? Warum muss ich einmal in der Woche zu einem Mann, der mich summen lässt wie eine Biene und Worte aussprechen und wiederholen lässt? Liebes inneres Kind, du wirst dich an das Hörgerät gewöhnen und auch verstehen, wobei es dir hilft. Du wirst deiner Mutter einmal dankbar dafür sein, dass sie dir jeden Morgen diesen Fremdkörper ins Ohr fummelt. Im Nachhinein wirst du auch dankbar für die Stunden beim Logopäden sein – es wird immer deine freie Entscheidung sein, anderen von deiner Hörbehinderung zu erzählen, deine Aussprache wird dich nicht verraten.

Die Erwachsenen versuchten währenddessen, ihre Sorgen über meine Zukunft und die Gespräche darüber vor mir geheim zu halten. Was natürlich nicht funktionierte, ich spürte genau, dass irgend etwas in der Luft lag. Und dass es dabei um mich ging. Liebes inneres Kind, deine Eltern und deine Oma wissen selber nicht, wie sie dir am besten helfen sollen – mit Hörbehinderungen kennen sie sich nicht aus. Sie werden auch Fehler machen, trotz aller Bemühungen. Deinen eigenen Weg zu finden, das werden sie dir nicht abnehmen können.

Mir war klar, dass ich anders war als die anderen Kinder. Ich wollte nicht anders sein, ich wollte einfach nur dazu gehören. Liebes inneres Kind, dass du anders bist, lässt sich leider nicht ändern. Dein Anderssein wird dir Türen verschließen und andere öffnen. Der Schmerz darüber wird immer wieder hoch kommen, und es wird immer Menschen geben, die dafür sorgen, dass du diesen Schmerz nie vergessen kannst. Aber es wird auch andere Menschen geben, die dir das Leben leichter machen wollen.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt viel Angst und machte viele Rückschritte. Nachts wollte ich wieder bei meinen Eltern schlafen. Meine Mutter musste immer in Sichtweite sein. Ich hatte Angst vor anderen Menschen und weigerte mich, Fremden auch nur guten Tag zu sagen. Liebes inneres Kind, leider gibt es mich noch nicht. Niemand wird deine Interessen so gut vertreten wie ich. Bis dahin wird allerdings noch einige Zeit verstreichen. Aber jetzt bin ich da, und du kannst jederzeit alles bei mir loswerden, was dich belastet. Ich bin dein zukünftiges Ich, es gäbe mich nicht ohne dich. Und ich möchte dir sagen

  • es ist in Ordnung, sich schlecht und ängstlich zu fühlen. Jeder Mensch kennt das, du bist damit nicht alleine.
  • auch Erwachsene wissen manchmal nicht weiter, und ich muss das wissen, schließlich bin ich erwachsen.
  • DU HAST DEINE SACHE SEHR GUT GEMACHT! Wofür du so hart gearbeitet hast, hat mir so vieles erleichtert.

Und wenn du Angst hast, du dich überfordert fühlst und nicht weiter weißt – du kannst alles bei mir loswerden, denn ich kenne deine Geschichte wie niemand sonst. Wie alle Erwachsenen weiß ich auch nicht immer eine Lösung, aber wir zwei sind ein eingespieltes Team und können vieles zusammen schaffen.

Deine

Geburtstagswünsche

Geburtstagswünsche

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Eben hast du mir geschrieben, dass nur noch zwei Stücke von den Geburtstagskuchen da sind, und dass alle lecker waren. Mir ist ein fetter Stein vom Herzen gefallen, und ich habe mir selber auf die Schulter geklopft, dass ich das Backen gestern durchgezogen habe.

Heute morgen habe ich dir also eine Geburtstagskarte mit einem Geldschein überreicht. Dass es Geld sein soll, hast du dir gewünscht, weil du noch so einiges für die neue Angel-/ Helimodellbausaison brauchst.

Ich wünschte, ich hätte mehr Geld in den Umschlag tun können, aber es wirkt sich natürlich aus, dass ich nicht mehr arbeiten kann. Du hast das klaglos von Anfang an mitgetragen.

Ich wünschte, ich könnte mehr für dich da sein, aber ich bin oft so sehr mit meinem eigenen Kampf beschäftigt. Du solltest nicht mich trösten müssen, wenn ich tränenüberströmt stundenlang nur noch „Ich will sterben! Ich will zu Sammy!“ wiederhole. Du solltest dich nicht um mich sorgen müssen, weil ich wieder einmal eine Angstattacke habe und mich ritzen will. Du solltest dir nicht darüber Gedanken machen müssen, wie wir am besten meinen Rollator im Auto mitnehmen. Du solltest nicht jedes Jahr für einige Wochen alleine leben müssen, weil ich wieder einmal stationär in der Psychiatrie bin. Aber du bist unglaublich loyal gegenüber mir, deiner Familie und Freunden. Du tust, was du kannst.

Ich wünschte, ich könnte dir mehr von der Last abnehmen, die der Alltag mit sich bringt. Ich sehe, wie müde du von der Arbeit nach Hause kommst, und zuhause erwartet dich mehr Verantwortung als früher. Und eine dauermüde Ehefrau, die es mit Mühe und Not schafft, etwas zu kochen.

Ich wünschte, ich könnte dir alle deine Wünsche erfüllen, du hättest es verdient. Wir müssen uns beide damit begnügen, dass sich meine Möglichkeiten auf Kleinigkeiten beschränken. Aber in einem Punkt kannst du sicher sein: Ich bin dir dankbar für alles, was du für mich tust. Und ich werde mich weiterhin darum bemühen, viele Kleinigkeiten für dich möglich zu machen.

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Schöne neue Welt?

Schöne neue Welt?

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Quelle pixabay.com

Wir haben keine Kinder, aber meine Schwägerin erwartet im August/September ihr erstes Kind. Irgendwie bin ich in der letzten Zeit vermehrt auf Blogs gelandet, die sich mit dem Thema Inklusion von behinderten Kindern beschäftigen. Der Tenor ist, dass Inklusion schwierig durchzusetzen ist, Gesetze hin oder her. Der Anpassungsdruck ist enorm.

Heiß diskutiert wird ja bereits der Bereich Pränataldiagnostik. Ja oder nein, in welchem Umfang… Ich erinnere mich an meine Freundin, die vor zehn Jahren ziemlich spät schwanger wurde. Damals schon wurde von Kolleginnen (die durch die Bank selber Mutter waren, wohlgemerkt) vorausgesetzt, dass sie die Schwangerschaft abbricht, wenn Behinderungen bei dem Kind festgestellt werden. Für meine Freundin hingegen kam ein Schwangerschaftsabbruch nur für den Fall in Frage, dass das Kind nicht lebensfähig ist.

Den Standpunkt, dass auch ein Leben mit Behinderung lebenswert sein kann, vertreten die wenigsten. Viele der Befürworter haben Kontakt zu behinderten Menschen, und haben somit aus erster Hand erfahren, dass Lebensfreude keinen Unterschied zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen macht. Eine der Kolleginnen, die so selbstverständlich für eine Abtreibung eines behinderten Kindes plädiert hatte, hatte ein Jahr später einen Schlaganfall. Seitdem kann sie nicht mehr arbeiten und ist im Alltag stark eingeschränkt. Ich kann sie leider nicht fragen, ob sie selber jetzt ihr Leben als weniger lebenswert betrachtet. Tatsache ist, die meisten Behinderungen bilden sich nach der Geburt aus – das Leben ist nun einmal lebensgefährlich.

Ich bemerke zusehends die Tendenz in unserer Gesellschaft, dass behinderte Menschen zusehends und von klein auf an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Angebote zur Inklusion in Schule und Arbeitsleben werden immer weniger.

Als selber Behinderte macht mich das natürlich sehr betroffen. Mein Leben war nie leicht, aber ganz sicher nicht lebenswert oder gar sinnlos. Natürlich war und bin ich auf Rücksichtnahme meiner nicht behinderten Umwelt angewiesen. Aber diese Unterstützung sollte alleine schon aus dem Grund selbstverständlich sein, weil jeder von uns ganz schnell zum Lager der Behinderten gehören kann.

Ein behindertes Kind läuft heute nicht mehr nebenbei mit, es ist Grund für unzählige Kämpfe und Rechtfertigungen. Ich weiß nicht, ob ich als Mutter dem gewachsen wäre, ich wünsche es keinem. Ich bezweifele, dass unsere Gesellschaft diesen Weg der Ausgrenzung verlassen wird. Aber ich hoffe es, ganz gegen jede Vernunft.

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Sichtbare und unsichtbare Behinderungen

Sichtbare und unsichtbare Behinderungen

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Aus eigener Erfahrung ein paar Beobachtungen:

  • Eine unsichtbare Behinderung (wie eben meine Hörbehinderung oder die Depression) kann besser vor der Umwelt versteckt werden. Das macht mein Leben manchmal leichter, weil das Gegenüber nichts davon merkt und nicht darauf eingeht.
  • Auf eine unsichtbare Behinderung muss das Umfeld immer wieder hingewiesen werden, vor allem wenn es sich um Leute aus dem weiteren Umfeld handelt. Das kann für beide Seiten ziemlich nervend sein und braucht Einfühlungsvermögen von allen Beteiligten.
  • Eine sichtbare Behinderung (wie mein Rollator wegen meiner Rücken- und Gleichgewichtsprobleme) fällt den anderen Menschen auf. Die Reaktionen sind aber nicht immer angenehm, oder angemessen.
    – Helfen ist prima, aber bitte erst fragen und auch ein „Nein, Danke“ akzeptieren. Ich sehe ganz schnell rot, wenn ich von wildfremden Menschen einfach so angefasst werde, oder mein Rollator einfach so weggetragen wird. Leute, ich bin nicht eure gute Tat des Tages! Und es ist für mich selber ganz wichtig, dass ich bestimmte Sachen selber mache, auch wenn es mit Hilfe vielleicht einfacher ginge.
    – Es kam auch schon mehrfach vor, dass andere Mitmenschen mir ihre Leidensgeschichte, bzw. die von Angehörigen oder Freunden erzählt haben, oder auch sonstiges, was ihnen beim Anblick meines Rollators so in den Sinn kam. Ob ich das hören möchte, war in dem Moment eher zweitrangig. Ich verstehe, dass Behinderungen ein Gefühl der Betroffenheit auslösen, aber das kann ich nicht auch noch mittragen.
  • Für beides gilt: Im Zweifelsfall lieber nichts sagen, als irgendwelche Standardsprüche wie „Sind Sie nicht zu jung dafür?“ Und: Meine Intelligenz ist in keinem Fall betroffen, redet einfach ganz normal mit mir.

Manches mag sich jetzt undankbar anhören, aber Hilfe ist ein schmaler Grat. Jemandem das Leben leichter machen, oder ungefragt in den persönlichen Raum eines anderen Menschen eindringen – das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Und ein „Nein, Danke“ ist keine Undankbarkeit, Behinderte sind einfach oft dankbar über alles, was sie noch noch ohne Hilfe schaffen. Sich zu überlegen, wie man selber in dieser Situation behandelt werden möchte, hilft oft weiter.

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