Heimkehr

Heimkehr

Donnerstag Morgen blieb mir nur noch, mich zu verabschieden, und Mitpatienten und Schwestern schickten mich mit viel Zuversicht und herzlichen Umarmungen nach Hause.

Nächster Halt war die Institutsambulanz meines örtlichen Krankenhauses, denn ich brauchte ein Rezept für das neue Antidepressivum. Das dauerte einige Stunden. Noch zur Apotheke und ein paar Dinge einkaufen, und endlich saß ich im Bus nach Hause.

Kaum hatte ich die Türe geöffnet, begrüßten mich die Hunde – ich war selbstverständlich gerüstet und hatte Leckerchen dabei. Dann kam die Katze auch noch dazu und wollte in den Garten. Als ich ihr die Türe öffnete, fielen mir die gelben Blätter auf dem Boden auf, und ich war einen Moment verwirrt. Mein Gehirn musste erst verstehen, dass ich im Hochsommer ins Krankenhaus gegangen war und mittlerweile die Jahreszeiten gewechselt hatten.

Meine Sachen wieder endgültig einzuräumen, fühlte sich zunächst auch komisch an.

Mein Mann kam sehr gestresst nach Hause, weil er direkt zwei platte Reifen an seinem Auto hatte. Die Stimmung besserte sich aber, nachdem wir gegessen hatten.

Abends war ich dann völlig fertig. In meinem Kopf waren so viele Gefühle, aber ich bekam keines so richtig zu fassen. Ich war gewarnt worden, dass so etwas vorkommen kann. Für diesen Fall sollte ich die Gefühle vorbei ziehen lassen und sie wieder bekämpfen noch festhalten. Ein paar Tränen flossen, aber der Sturm zog auch wieder ab.

So ganz bin ich immer noch nicht wieder Zuhause angekommen, aber das braucht wahrscheinlich einfach ein bisschen. Ich ziehe mich nicht zurück, ich schaffe auch vieles, aber ich bin noch nicht bei 100 Prozent. Das beunruhigt mich aber nicht allzu sehr. Mein Kopf ist immer noch wunderbar ruhig, ohne müde zu sein und wach, ohne hektisch zu sein. Mehr kann ich für den Moment nicht erwarten.

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“ Mit ihr hatten wir einen Lauf“…

“ Mit ihr hatten wir einen Lauf“…

…mit diesen Worten stellte mich gestern die Chefärztin der neuen Oberärztin vor. Nun ja, ganz so einfach fand ich die Zeit hier dann doch nicht, aber ich muss zugeben, dass ich eine Menge erreicht habe. Der letzte Schritt war, Montag Abend die letzte kleine Opiatdosis durch ein anderes Schmerzmittel zu ersetzen. Das klappte problemlos.

Heute, an meinem letzten vollen Tag auf Station ging es eigentlich nur noch um Abschlussgespräche. Den Anfang machte heute morgen die Pflege. Es würde mir gesagt, alle waren sehr beeindruckt, wie viel ich in diesen acht Wochen erreicht habe.

Dann das Abschlussgespräch mit der Ärztin, das letzte Blutbild war zufrieden stellend. Im Moment leiden Leber und Nieren nicht unter Psychopharmaka und Schmerzmitteln.

Es folgte das psychotherapeutische Abschlussgespräch, wieder mit der Ärztin, weil meine Psychologin in Urlaub ist. Auch hier wurde das Erreichte lobend erwähnt, und wir sprachen darüber, wie ich die erste Zeit Zuhause am besten angehe.

Als Letztes dann ein Gespräch mit dem Kunsttherapeuten. Hier ging es darum, dass ich mir Freiräume geschaffen und genutzt habe.

Meine Stimmung schwankte den ganzen Tag zwischen „Juchu, es geht nach Hause!“ und „Hoffentlich schaffe ich das!“ Mir wurde gesagt, das ist normal.

Ehre, wem Ehre gebührt

Ehre, wem Ehre gebührt

Heute bin ich der Ärztin über den Weg gelaufen, die mich während der ersten Wochen hier auf Station betreut hat – die Stationsärztin hatte damals Urlaub. Im Nachhinein war das eine glückliche Fügung, denn diese Ärztin ist auf Schmerztherapie spezialisiert und hat mir sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass ich von den Opiaten wegkommen muss. Einerseits war mir das schon selber klar, aber ich hatte Angst, dass die Schmerzen unerträglich werden.

Ich sprach sie also an und bedankte mich dafür, dass sie diesen großen Ball bei mir ins Rollen gebracht hat. Sie erkundigte sich nach dem aktuellen Stand und war sehr erfreut, dass ich die Opiate fast vollständig ausgeschlichen habe und plane, ab Montag völlig ohne zurecht zu kommen. Sie fragte, welche Schmerzmittel ich aktuell nehme und fand die Lösung, die wir hier gefunden haben, sehr gut.

Ich sagte, dass ich mich so sehr gut fühle, und sie lächelte und sagte: „Sehen Sie? Und am Anfang hatten Sie solche Angst.“

Und ob ich das hatte! Angst, die Opiate weiter zu nehmen. Angst davor, sie nicht weiter zu nehmen. Angst vor einem Leben ohne Lebensfreude wegen großer Schmerzen.

Ich bin sehr froh, dass sich das alles nicht bewahrheitet hat. Es war nicht immer einfach, von den Opiaten wegzukommen, aber es war möglich.

Es war mir einfach ein Herzensbedürfnis, dieser Ärztin zu danken. Manchmal brauche ich einfach einen Tritt in die Kehrseite, aber sie hat auch meine Ängste und Befürchtungen ernst genommen. Sie hat nie von oben herab, sondern immer von Mensch zu Mensch mit mir gesprochen. Und der Umgang mit Schmerzpatienten ist sicherlich schwierig.

Zielgerade

Zielgerade

Und schon ist meine letzte volle Therapiewoche angebrochen. In der Chefarztvisite vorhin sagte ich, dass ich nach Ende der Therapie erst einmal Urlaub brauche… Ich habe hier so hart gearbeitet. Es hat sich gelohnt, in den letzten Tagen ist die Sonne wieder in mir aufgegangen. Wenn ich nur ein bisschen dieser Leichtigkeit in den Alltag retten kann, ist schon viel gewonnen.

Ab heute Abend bekomme ich nur noch eine halbe Opiat-Tablette, und ab nächsten Montag will ich dann vollständig auf opiatfreie Schmerzmittel umstellen. Ich bin zuversichtlich, denn durch den Tag komme ich mittlerweile auch ohne Opiate. Die Rückenschmerzen kommen und gehen, aber ich finde es erträglich.

Meine Stimmung ist wesentlich stabiler geworden. Kommt ein Tief, versuche ich, da durchzukommen, aber ich gerate darüber nicht mehr in Panik. Das neue Antidepressivum hilft mir sehr gut und nahezu nebenwirkungsfrei.

Kurzum, hätte mir am Anfang der Therapie jemand gesagt, dass es mir jetzt so gut gehen wird, hätte ich es für unmöglich gehalten. Das Team erinnert mich immer wieder daran, dass ich das alleine geschafft habe.

Im Bild oben habe ich eine Art Kompass gemalt. Ich habe das Gefühl, dass ich wieder weiß, wo es lang geht in meinem Leben.

Die verbleibende Zeit werde ich dazu nutzen, die letzten offenen Dinge zu einem Abschluss zu bringen. Und ich schaue mit einem Auge schon wieder auf das normale Leben, dass mich dann nächsten Donnerstag wieder haben wird.

Schicksalsgemeinschaft

Schicksalsgemeinschaft

Die meisten Patienten hier sind in Zweierzimmern untergebracht. Es ist nicht immer einfach, wenn zwei fremde Erwachsene sich auf einmal einen so engen Raum teilen müssen.

Eigentlich kommen wir gut zurecht. Ich habe abends mehr Zeit im Bad, M. morgens, und wir mögen es beide eher ruhig. Wir lassen einander Spielraum.

Am Anfang ging es uns beiden schlecht. Mittlerweile geht es mir viel besser, M. aber nicht. Dieses Ungleichgewicht ist nicht immer einfach zu regeln.

Ich würde gerne helfen, aber ich kann nichts tun, und gleichzeitig muss ich in erster Linie mir selber helfen.

Ich bemühe mich, immer offen für ein Gespräch zu sein und eine gute Atmosphäre zu schaffen. Was es für M. bedeutet, die Therapieerfolge der anderen um sie herum mitzuerleben, mag ich mir nicht vorstellen. Ich spreche dieses Thema auch nicht an.

Das Bild oben habe ich heute in der Gestaltungstherapie gemalt. Endlich habe ich wieder ein Lebenslicht in den Händen.

Erkenntnisse

Erkenntnisse

Ich kann sehr schlecht abschätzen, wann ich wirklich handeln muss, und wann mir zum Beispiel nur etwas mitgeteilt wird. 
Das führt dazu, dass ich vieles anfange, kaum etwas zu Ende bringe und mich schließlich von allem, was zu erledigen ist, erschlagen fühle.

Ich arbeite daran, einen Filter zu installieren, der mir beim Fokussieren auf die wirklich wichtigen Dinge hilft. Im Moment funktioniert das noch nicht zuverlässig. 

Aber ich bin davon überzeugt, dass sich die Mühe lohnen wird.

Das Puzzle neu zusammen setzen

Das Puzzle neu zusammen setzen

Heute war wieder Chefarztvisite, und ich konnte berichten, dass ich mich zwar allgemein besser fühle und Erfolge sehe, mich aber andererseits auch noch sehr instabil und verwirrt fühle.

Die Chefärztin war großartig und nahm sich Zeit, mir ihre Sichtweise zu erklären: Zum einen zeigt sich, dass ich anscheinend gut auf das neue Medikament reagiere. Zum anderen nehme ich das neue Medikament noch nicht lange genug, um emotionale Stabilität zu erreicht zu haben. Meinen gegenwärtigen Zustand bezeichnete sie als eine Art Tauwetter, eine instabile Phase, die vorbei geht. Laut ihrer Ansicht verläuft die Therapie sehr gut, und ich soll einfach weitermachen wie bisher.

Ich fühle mich, als ob ich eines dieser Spiele spiele, bei denen unterschiedliche Formen zusammen gesetzt werden müssen. Alles ist durcheinander und muss seine Ordnung in meinem Kopf erst noch finden.