Einen dieser Tage…

Einen dieser Tage…

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…die man am liebsten einfach in die Ecke pfeffern möchte, hatte ich gestern. Alles fing ganz friedlich an, Hundespaziergang, Putzen, Einzelergotherapie. Auf dem Weg nach Hause bekam ich Nachrichten und ein Bild von meiner Schwiegermutter: Sie ist total glücklich, dass ihr Enkelkind das erste Mal bei ihnen übernachtet hat.

Ich war nicht darauf vorbereitet, um so härter hat es mich getroffen. Als ich zu Hause ankam, war ich völlig aufgelöst und hatte jede Menge schlimme Gedanken im Kopf: „Ich habe versagt, weil wir keine Kinder haben, am liebsten möchte sterben“, „Der Schmerz in mir ist so groß, am liebsten würde ich mich selber verletzen“.

Musik hören und spülen brachten mich auch nicht auf andere Gedanken. Schließlich nahm ich meine Bedarfsmedikation und legte mich hin. Ein Hund blieb bei mir im Schlafzimmer, und die Katze legte sich auf meine Brust. Mein Mann kam nach Hause, ich redete mit ihm darüber, kochte, legte mich hin, schlief eine Stunde, sah fern – in mir tobte immer noch das Chaos. Eine schöne warme Dusche vor dem Schlafengehen half auch nicht weiter, ich lag lange wach. Mehr von dem Bedarfsmedikament nehmen wollte ich nicht, damit das Aufstehen am nächsten Morgen nicht zu schwierig wird.

Heute morgen fühlte ich mich immer noch nicht wirklich besser, aber ich schaffte es irgendwie, um selbstverletzendes Verhalten herumzukommen. Die Hunderunde fiel länger aus als gewöhnlich, und ich nahm mir Zeit zum Nachdenken. Mir wurde klar, dass ich meiner Schwiegermutter unbedingt begreiflich machen wollte, was gestern in mir ausgelöst wurde. Es ging mir nicht um Schuldzuweisung oder Rechtfertigung – nur darum, dass so etwas nicht wieder passiert. Also schrieb ich ihr, dass der Schmerz über unsere Kinderlosigkeit gestern wieder heftig in mir hochgekommen ist, und dass ich momentan immer noch sehr angespannt und damit beschäftigt bin, mich in meinem neuen Alltag zurecht zu finden. Und auch, dass ihr Sohn und der neue Alltag momentan bei mir ganz oben stehen, ich aber damit auch völlig ausgelastet bin.

Ich weiß nicht, welche Antwort ich darauf bekommen werde, aber endlich fühle ich mich besser. Die Therapeutin im Krankenhaus hat mir gesagt, dass ich meinem Umfeld schon mitteilen muss, was seine Worte und Taten in mir auslösen – sonst kann auch keiner Rücksicht nehmen. Es fällt mir nach wie vor nicht leicht, ich habe immer das Gefühl, mich damit verletzlich zu machen. Andererseits kann ich so auch einen Teil von meiner Last loswerden. Anscheinend habe ich genau das heute gebraucht.

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Wer gewinnt?

Wer gewinnt?

Gestern waren wir auf dem Sommerfest des Tierheims, aus dem wir Janet und Sam haben. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin, mit deren Hund und einem Tierheimhund mein Mann samstags Gassi geht, hat mich auf die Narben an meinen Armen angesprochen: „Mit wem hast du da gekämpft?“

„Mit mir selber“, antwortete ich. Ich verstecke meine Narben nicht, stelle sie aber auch nicht zur Schau. Wenn ich wie gestern dreiviertel Ärmel trage, sind sie eben zu sehen.

„Wer gewinnt?“ fragte sie, und diese Frage gibt mir nun wirklich zu denken. In erster Linie ist das Ritzen für mich Stressabbau, damit ich nicht noch mehr aufdrehe. In zweiter Linie soll es dazu dienen, mit den Schmerzen außen ein Gegengewicht zu den Schmerzen in mir zu schaffen. Leider hilft es nur kurze Zeit.

Aber die Frage geht mir nun wirklich im Kopf herum. Wer gewinnt, wenn ich mich selbst verletze? Verliere ich damit nicht auf ganzer Linie?

Und diese Frau ist in keiner Weise im sozialen Bereich tätig, sie wollte nichts mit ihrer Frage bewirken.

Verdammt.